Kolumne
Baden-Balladen: Himmel und Hölle

Simon Libsig schaut 170 Jahre in die Zukunft.

Simon Libsig
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Seit 170 Jahren gibt es das Café Himmel in Baden. Doch die Tage sind gezählt – der Konkurs wurde angemeldet.

Seit 170 Jahren gibt es das Café Himmel in Baden. Doch die Tage sind gezählt – der Konkurs wurde angemeldet.

Alex Spichale

Baden im Jahr 2189. Innenstadt. Dort, wo mal der Bahnhofbrunnen war. In einem Büro in der 35. Etage. Smart-City-Planer Trockenbrodt hat seinen Staff versammelt: «Wir brauchen nicht nur eine Idee», sagt er, und schlägt auf den Touchscreen-Tisch, «wir brauchen eine Vision!» Der Tisch flackert, zeigt sofort eine Fehlermeldung an.

Die Staff-Mitglieder starren Trockenbrodt durch ihre Google-Brillen an. Der Stimmungs-Sensor im Zimmer erkennt sofort die Situation und aktiviert das Deeskalations-Programm. Mikro-Düsen hüllen die Anwesenden in einen Endorphine-Nebel, Jazz swingt aus den Boxen und Servier-Drohnen fliegen eifrig Apéro-Häppchen und Alkoholika herbei. Trockenbrodt gelingt es erst mithilfe der Security-Roboter, das Team wieder an die Arbeit zu erinnern: «Wie heben wir die Lebensqualität dieser Stadt aufs nächste Level?» Trockenbrodt swipt sämtliche Strand-Bilder und Katzen-Videos von der Fensterscheibe.

Simon Libsig – Autor und Poet aus Baden Der Spoken-Word-Poet (41) hat zuletzt den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» geschrieben. Seine Kolumnen erscheinen immer am ersten Donnerstag im Monat.

Simon Libsig – Autor und Poet aus Baden Der Spoken-Word-Poet (41) hat zuletzt den Krimi «Der Velodieb, der unters Auto kam» geschrieben. Seine Kolumnen erscheinen immer am ersten Donnerstag im Monat.

Badener Tagblatt

«Was fehlt Baden?» Die Staff-Mitglieder gleiten auf ihren Hoover-Boards um den Tisch herum, um sich ein Bild von der Realität zu machen. Einer knallt gegen die Scheibe. Die anderen kneifen wegen des Sonnenlichts ihre Augen zu. «Was brauchen die dort unten denn noch? Was haben sie noch nicht?» Die Staff-Mitglieder sehen die Badstrasse mit dem sich selbst reinigenden Belag.

Karikaturen von Silvan Wegmann
11 Bilder
7. März 2019: Was ist ernst, was ist bloss Fasnacht? Unser Karikaturist ist sich da auch nicht ganz sicher.
6. Februar 2019: Zwei Nachrichten sorgen aktuell für Gesprächsstoff: Die Kirchen in Turgi sollen unter kommunalen Schutz gestellt werden – und das Badener Café Himmel steht vor dem Aus.
1. Februar 2019: Das 160 Jahre alte Badener Traditionscafé Himmel steht kurz vor dem Konkurs. Der Geschäftsführer führte nach Weihnachten noch Übernahmeverhandlungen – vergeblich. Jetzt warten die Angestellten auf ihren Lohn.
25. Januar 2019: In Ehrendingen werden immer mehr Kinder in die Schule chauffiert. Halten Eltern ihre Sprösslinge zu sehr an der kurzen Leine?
18. Januar 2019: In Obersiggenthal steigen bei Bestattungen die Kosten für Angehörige, und in Untersiggenthal fehlen den Guggenmusiken neue Mitglieder.
11. Januar 2019: Weil die Gemeinde Döttingen sparen muss, soll das Wasser im Schwimmbad weniger beheizt werden. Warum nicht gleich ein Eisbad erstellen?, fragt unser Karikaturist.
14. Dezember 2018: Bereits zur Erholung und zum Sport müssen sie auswärts gehen – das Gleiche gilt nun auch fürs Feiern. Das ist für Badener zum Heulen, findet unser Karikaturist.
7. Dezember 2018: Die Hochbrücke in Baden soll ab 2040 für Autos gesperrt und zu einem Trassee für die Limmattalbahn werden. Unser Karikaturist hat weitere Ideen.
23. November 2018: Unter anderem, weil sie nicht alle Nachbargemeinden Wislikofens kannte, soll eine 40-jährige Köchin nicht eingebürgert werden. (Es kam anders: Die Gemeindeversammlung stimmte der Einbürgerung trotz gegenteiligem Vorschlag des Gemeinderats zu.)
9. November 2018: Wäre ja auch zu schön gewesen: Die Eröffnung des Thermalbades in Baden verzögert sich abermals. Unser Karikaturist ahnt, wer darob die Korken knallen lässt.

Karikaturen von Silvan Wegmann

Sie sehen die Magnetschwebebahn. Die personalisierte Shopping-Zone, in der jeder immer den Laden betritt, den er sich gerade wünscht. Sie sehen die 3D-Drucker-Stationen für allerlei Streetfood. Und sie sehen das Einsamkeits-Büro, in dem man sich geklonte Hunde für einen Spaziergang ausleihen kann. «Denken sie nach!» sagt Trockenbrodt und reicht Ritalin und Xanax herum. «Wie werden wir zur lebensfrohen Stadt?» Totenstille. Dann streckt Heiniger aus dem Team auf: «Was wäre, wenn ... ich weiss, es klingt verrückt ..., aber wie wäre es, wenn die Menschen plötzlich miteinander interagieren würden?» Sofort wird er rot. Einzelne vom Team können sich ein Lachen nicht verkneifen.

«Wie stellen sie sich das vor?», fragt Trockenbrodt, ebenfalls amüsiert. «Na ja», fährt Heiniger fort, «es müsste einen Ort geben, an dem man gerne zusammenkommt und sich trifft.» Trockenbrodt wird hellhörig. «Offline?» fragt er nach. «Das wäre zumindest neu», antwortet Heiniger. «Aha», sagt Trockenbrodt und kriegt einen verklärten Blick. Dann springt er auf seinen Stuhl und verkündet: «Ich nenne es Treffpunkt!» Jetzt kommen auch die anderen in Fahrt. Es müsste ein Ort sein, der Nostalgie weckt. Schlicht. Der nicht ablenkt. Keine Screens. In der Zeit stehengeblieben. An diesem Ort dürfte es nicht um Deko gehen, sondern um das persönliche Gespräch.

Und keine Roboter, die Bedienen! Vielleicht etwas Feines im Angebot, spezielle Gipfeli zum Beispiel? Und ein bescheidener Kaffee, damit auch die Nörgler etwas Futter haben! Genau! Und wer will, kann draussen sitzen und die anderen beim Flanieren beobachten! Das Team redet sich in Euphorie. «Wir schaffen einen Ort, der die Menschen verbindet», fasst Trockenbrodt zusammen. Alle klatschen. «Stellt euch nur mal vor», ergänzt Heiniger stolz, «das wäre wie im Himmel»!

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