Kolumne

Baden-Balladen: «Mei-mei»

«Zuerst wusste es der Nachbar, der den Schrei hörte, dann die Eltern und die Schwester, und als die Ambulanz mit Blaulicht und Sirene und mit ihm davonbrauste, wusste es wohl bereits das halbe Dorf.»

«Zuerst wusste es der Nachbar, der den Schrei hörte, dann die Eltern und die Schwester, und als die Ambulanz mit Blaulicht und Sirene und mit ihm davonbrauste, wusste es wohl bereits das halbe Dorf.»

In seiner Baden-Ballade Nr. 57 schreibt Poet und Krimi-Autor Simon Libsig (42) über einen schlimmen Finger.

Mit zittriger Hand griff er nach der elektrischen Gartenschere und schlich damit ums Haus herum zum Haselstrauch. Es würde nur ganz kurz dauern. Den geeigneten Ast für seinen Pfeilbogen hatte er schon vor Tagen ausgesucht, nun würde er ihn so leise wie möglich abschneiden und die Schere dann sogleich wieder zurücklegen. Vater würde nichts merken. So der Plan. «Chrrrrrrrrrr», schnurrte die Gartenschere, und dann merkten es dann leider doch alle. Zuerst der Nachbar, der den Schrei hörte, dann die Eltern und die Schwester, und als die Ambulanz mit Blaulicht und Sirene und mit ihm davonbrauste, wusste es wohl bereits das halbe Dorf.

Sein rechter Zeigefinger, oder besser der kümmerliche Rest, der davon übrig geblieben war, wurde bald zu seinem Markenzeichen. Nun war er Finger-Edi, und wenn er seinen kleinen Stumpf etwas in die Höhe streckte und gleichzeitig seine Augenbrauen hochzog, dann endeten die Gespräche rundherum abrupt. Dann war Ruhe. Dann hatte er die ungeteilte Aufmerksamkeit. Dass er später Lehrer wurde, war nur konsequent. Was auch immer er mit erhobenem halbem Zeigefinger von sich gab, schien doppelt an Bedeutung zu gewinnen. Wenn er auf jemanden zeigte, dann erbleichte dieser nicht selten. Und sein tadelndes Wackeln mit dem Finger, gefolgt von einem «Mei-mei-mei» hat noch so manchen Rotzlöffel diszipliniert. Die Behinderung war ihm nicht lästig, sie war ihm ein wertvolles pädagogisches Hilfsmittel, und er setzte es gekonnt ein. Je nach Lektion, die er lehren wollte, erzählte er eine andere Geschichte, wie es denn zu diesem halben Finger gekommen sei. Mal war es der gefährliche Hund, den man nicht hätte streicheln sollen, mal das Hantieren mit Feuerwerk und einmal sogar die harte, aber gerechte Strafe für einen Melonen-Diebstahl. Er war richtig erfinderisch, der Finger-Edi, aber nur mit den besten Absichten.

Für seinen Sohn hatte er sich dann eine ganz besondere Geschichte ausgedacht: «Dieser Finger», sagte er dem bald Fünfjährigen, «der ist mir damals abgebrochen!» Und dann wartete er, ganz Pädagoge, bis die Augen seines Sohnes grösser wurden, und fügte dann mit Nachdruck hinzu: «Weil ich als kleiner Junge immer in der Nase bohrte!»

Der Trick hatte einwandfrei funktioniert. Nie hätte es der Junge gewagt, seine Finger auch nur in die Nähe seiner Nase zu bewegen. Auch später nicht, als ihn das Verbotene speziell zu reizen begann, als er sich als Indianer-Häuptling in gefährliche Abenteuer stürzen wollte. Nein, popeln war kein Thema. Aber eines Tages griff er mit zittriger Hand nach der elektrischen Gartenschere und schlich damit ums Haus herum zum Haselstrauch.

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