Die ersten Glückwünsche kamen von einem Unterhaltungselektronik-Anbieter, bei dem ich vor Jahren einmal etwas bestellt hatte, gefolgt von einem Herrenmodegeschäft, und dem Hotel in Tirol, in dem wir eben waren. Alle wünschten sie mir nur das Beste, das Hotel sogar in Reimform, und selbstverständlich gab es von allen Rabatte. Ich legte das Handy zurück auf den Nachttisch und schlüpfte so leise wie möglich aus dem Bett. Es war vier Uhr morgens, und ich 41 Jahre alt.

Begann so die senile Bettflucht? Ich tappte barfuss durch den Flur, Richtung Badezimmer und rutschte auf einem der vielen Stofftierchen aus, die unser Ältester immer gern durch die Wohnung schleuderte. Erst dachte ich Oberschenkelhalsbruch. Und hatte ich gestern Abend nicht aufgeräumt? Begann jetzt mein Gedächtnis zu bröckeln? Ich humpelte ins Badezimmer, machte Licht, und blickte mich im Spiegel an. Kontrollierte Tränensäcke, Augenringe, Stirnfalten und Krähenfüsse. Alles noch da.

Ich nickte mir aufmunternd im Spiegel zu. Begann so die Altersmilde? Ich pflückte meine Zahnbürste aus dem Zahnglas, warf sie jedoch wie einen Dartpfeil zurück, als ich die leere Zahnpastatube neben dem Wasserhahn liegen sah. Die Ressourcen wurden knapp. Tagelang hatte ich noch rausgepresst, was ich konnte. Nun war es an den nachkommenden Generationen, dieses Problem zu lösen. Ich fuhr mit der Zunge meinen Zähnen entlang. Man nennt es «Zahnglas», dachte ich, und nicht «Zahnbürstenglas.» Nicht mehr lange, und es würde seiner ursprünglichen Bestimmung wieder zugeführt. 41. Heieieie. Ich beschloss, wieder ins Bett zu gehen. Vielleicht gab es unterdessen ja noch weitere Gratulanten. Etwa der Telefonanbieter.

Oder das Fitnesszentrum. Fühlte sich so Einsamkeit im Alter an? Auf dem Flur machte ich Licht. Ich wollte nicht noch einmal ausgleiten. Ich war also noch lernfähig. Kein sturer alter Bock. Und das Leben konnte mich noch überraschen. Das Stofftierchen, realisierte ich, war nämlich gar kein Stofftierchen, sondern der abgebissene Kopf einer Maus. Einer unserer Kater hatte ihn extra für mich übrig gelassen. Als Geburtstagsgeschenk. Ich weinte vor Rührung. Es wurde ein toller Tag.

«Ich wünsche mir eine Geschichte, geschrieben von Shakespeare, mit dem Witz von Billy Wilder, der Fantasie von J.K. Rowling, der leichten Melancholie von Woody Allen und der Poesie von Charlie Chaplin.»

Simon Libsig, 41, Autor und Dichter, Baden

«Ich wünsche mir eine Geschichte, geschrieben von Shakespeare, mit dem Witz von Billy Wilder, der Fantasie von J.K. Rowling, der leichten Melancholie von Woody Allen und der Poesie von Charlie Chaplin.»