Im Trubel um die neue Kunst am Bau am Schulhausplatz, die Gummi-Säule des Künstlers Kilian Rüthemann, gingen sie fast vergessen: Nur ein paar Schritte weiter, am frisch renovierten Haus zum Glas, hängen seit Anfang Juli wieder acht Fratzengesichter. Vor dem Schulhausplatz-Umbau speisten sie den Brunnen vor dem Haus zum Glas. Lange war unklar, was mit den Fratzen geschieht. Der alte Brunnen vor dem «Glas» musste der neuen Cordulapassage weichen. Eine Idee war, sie ins Historische Museum zu geben. Jetzt hängen die Gestalten wieder für jedermann sichtbar über dem Platz, etwas höher als früher, nur Wasser speien sie keines mehr.

Geschaffen hat sie 1898 der badische Bildhauer Oskar Alexander Kiefer. Er war um 1900 einer der gefragtesten Plastiker in Süddeutschland und war eng befreundet mit dem Badener Architekturprofessor Karl Moser, der in Karlsruhe das Architekturbüro Curjel & Moser leitete. An Mosers Bauten konnte Kiefer zahlreiche Plastiken realisieren – etwa an der Lutherkirche in Karlsruhe, am Kunsthaus Zürich oder am Badischen Bahnhof in Basel.

Vom Westturm der Römerburg

In Baden baute Moser 1898 für BBC-Gründer Charles E. L. Brown die Villa Römerburg an der Römerstrasse. Kiefer schuf die Fratzen als Zierde für die Türme des imposanten Hauses. Ursprünglich waren es 13 Fratzen, aus Savoyer Sandstein gemeisselt: ein Frauengesicht, verzerrte Dämonengesichter, eine Eule, Affen und Löwen.

Charles Browns Villa Römerburg im Jahr 1899.

Charles Browns Villa Römerburg im Jahr 1899.

Die Villa Römerburg, hoch über der Limmat in einem riesigen Park gelegen, war eine der grossen BBC-Gründervillen, neben der benachbarten Villa Langmatt und den Villen Boveri und Funk am Ländliweg. 1957 wurde sie abgerissen, um Platz für provisorische Bürogebäude der BBC zu schaffen. Ein Verlust, den viele Badener bis heute schmerzlich bereuen. Die Fratzen des Westturms sind die letzten sichtbaren Zeugen der Römerburg.

Nach dem Abbruch der Villa landeten sie zuerst in einem Materiallager. 1965 wurden sie auf Anregung des Lokalhistorikers Paul Haberbosch an einer Betonwand vor dem Haus zum Glas angebracht. Zuerst über einem Blumentrog; 1969 wurde daraus ein Brunnen, und fünf der Gesichter spien fortan Wasser in den Trog. Nachts wurden sie von Unterwasserscheinwerfern angestrahlt, die sie noch mehr wie fürchterliche Dämonen wirken liessen. 120 Jahre nach ihrer Erschaffung hat Baden jetzt seine Fratzen zurück – frisch geputzt und fast wie neu.