Baden
Im Mai sollen Bands wieder live auftreten: Doch wie organisiert man ein Festival während einer Pandemie?

Die Organisatoren des Bluesfestivals Baden arbeiten auf Hochtouren, um die Ausgabe 2021 auf die Beine zu stellen. Sie sind zuversichtlich, dass Bands im Mai live vor Publikum auftreten können.

David Rutschmann
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Die vorerst letzte Festival-Ausgabe ohne Pandemie-Beigeschmack: Die Toronzo Cannon Band spielt 2019 im Nordportal Baden.

Die vorerst letzte Festival-Ausgabe ohne Pandemie-Beigeschmack: Die Toronzo Cannon Band spielt 2019 im Nordportal Baden.

Andre Albrecht (24. Mai 2019)

Eingepfercht zwischen vielen schwitzenden Fremden stehen. Die Band sieht man kaum, zu dicht ist das Gedränge. Bei dem Geräuschpegel darf man sich über den Tinnitus nicht wundern. Natürlich riecht es nach abgestandenem Bier.

Es soll Leute geben, die das mögen. Es soll Leute geben, die das vermissen. Am liebsten direkt mit der zweiten Impfung im Arm zum nächsten Konzert. Corona wegtanzen, die Pandemie mit Luft-Gitarren-Solos in die Knie zwingen.

Doch ob diese Sehnsüchtigen in diesem Jahr auf ihre Kosten kommen, ist noch unklar. Zu mahnend weisen die Epidemiologen auf die ansteckenderen Virus-Mutationen hin. Vor verfrühten Lockerungen der Coronamassnahmen warnen sie. Dabei würden sie wohl selber gerne mal wieder eine heisere Stimme vom Mitsingen haben.

Noch schwieriger gestaltet sich die derzeitige Situation für die Menschen, die Veranstaltungen dieser Art organisieren. Aus dem «One Of A Million»-Festival wollten die Veranstalter beispielsweise Anfang Februar ein Radio-Erlebnis machen. Kurzfristig musste das «OOAM» aufgrund der Pandemie-Entwicklung aber doch noch abgesagt werden.

Kann man im Mai schon live vor Publikum spielen – oder nur per Stream?

Konzert- und Festivalplaner, das möchte man ob der Ungewissheit nicht sein. Doch genau das ist Susanne Slavicek, Präsidentin und Geschäftsleiterin des Bluesfestivals Baden, zurzeit gerne.

Susanne Slavicek ist Geschäftsführerin vom Bluesfestival Baden.

Susanne Slavicek ist Geschäftsführerin vom Bluesfestival Baden.

Alex Spichale (17. Mai 2018)

Das Musikspektakel findet seit 2004 statt; man muss nicht lange raten, welches Genre im Vordergrund steht. Ihr Team ist im Moment schwer beschäftigt, denn das Bluesfestival soll in diesem Jahr stattfinden – und zwar, wenn möglich, live. Ins Auge gefasst hat man dafür den 22. bis 29. Mai.

«Einfach das Festival abzusagen und auf kommendes Jahr zu verschieben, wäre nicht unsere Art. Freiwillig werfen wir von uns aus nicht das Handtuch. Nur wenn die Massnahmen es nicht erlauben, wird es dieses Jahr kein Bluesfestival geben.»

Es ist die Lust am Organisieren und daran, anderen Leuten eine Freude zu machen, die Slavicek antreibt. Das Team habe bereits im vergangenen Jahr einstimmig entschieden: «Wir machen's wieder.»

Bereits 2020 konnte das Bluesfestival in einer Pandemie-Version über die Bühne gehen. Wie überall habe auch bei den Organisatoren im ersten Lockdown ungläubiges Staunen über die Lage der Welt geherrscht. Livekonzerte im Mai 2020: undenkbar. «Aber wir stecken den Kopf nicht so einfach in den Sand.»

Also musste es schnell gehen: Innert kürzester Zeit stampfte man ein Onlinefestival aus dem Boden. «Das war so viel Arbeit, ich habe gar nicht wirklich etwas vom ersten Lockdown mitgekriegt», sagt Slavicek und lacht.

Virtuelles Festival war ein voller Erfolg – aber trotzdem fehlt das Livegefühl

Doch die Mühe zahlte sich aus: Das Gratis-Bluesfestival mit verschiedenen virtuellen Events erreichte insgesamt 120'000 Leute und war im Netz somit sogar erfolgreicher als in der gewohnten Variante. Slavicek: «Unser Glück war, dass wir die virtuellen Veranstaltungsformen auf der grünen Wiese ausprobieren konnten und schnell gemerkt haben, was funktioniert und was nicht.»

Im Sommer verfolgte die Schweiz dann eine in Europa einzigartige Lockerungsstrategie. Entsprechend zuversichtlich waren die Organisatoren, als im August die Arbeiten für die nächste Ausgabe aufgegleist wurden: «Wir hatten damals das Gefühl, wir könnten die ganzen Musiker, die 2020 nicht beim Bluesfestival auftreten konnten, für 2021 einladen.»

Das Badener Bluesfestival organisiert die Touren amerikanischer und kanadischer Blues-Musiker immer zusammen mit anderen Konzertbetreibern in Europa. Doch im Herbst sagten die Festivals in Deutschland und Frankreich der Reihe nach ab. Auch in Baden wurde den Blues-Fans letztendlich klar: 2021 dürfte noch einmal ein Ausnahmejahr werden.

Also suchten Slavicek und ihr Team nach mehreren Konzepten, die je nach Pandemie-Lage ein passendes Festival ermöglichen. Dazu mussten sie entsprechende Grundsatzfragen klären:

  • Bands: Blues ist ein sehr amerikanischer Musikstil. Aber die Bands aus den USA und Kanada während einer Pandemie nach Europa einzuladen – das kann man sich abschminken. Also wird das Bluesfestival-Line-up 2021 grösstenteils aus Schweizer Acts bestehen. «Wir haben im Aargau eine sehr lebendige Blues-Szene», sagt Slavicek. Durch die nun geplanten Events werden die regionalen Musiker in der Notlage gestärkt.
  • Publikum: Die Menschen, die Livemusik geniessen wollen, müssen sie auch geniessen können. Sprich: Sich sicher fühlen. Es braucht also ein gutes Schutzkonzept. Wohl wird noch ein grösserer Teil der Konzerte als sonst draussen stattfinden. Ganz aerosolfrei.
  • Finanzen: Die Pandemie-Ausgabe des Bluesfestivals wird «arbeits- und kostenintensiver», so Slavicek. Mit Unterstützung von Sponsoren und der öffentlichen Hand könne die finanzielle Mehrbelastung gestemmt werden. Die Verantwortlichen des Bluesfestivals wollen den Gürtel dennoch in allen Ressorts enger schnallen.

Die letzten Lockerungsankündigungen des Bundesrats stimmen Susanne Slavicek zuversichtlich, dass Livekonzerte möglich sein werden. Allerdings wohl nur im kleinen Rahmen. Mit deutlich mehr als 100 Konzertbesuchern sei nicht zu rechnen.

Deshalb sollen die Konzerte wohl ein Live-Streaming-Hybrid-Event werden. Sollten Livekonzerte nicht möglich sein, wird sowieso wieder komplett auf die Onlinekarte gesetzt. Slavicek: «Wir wissen, dass der Markt übersättigt ist mit Youtube-Streams aus dem Wohnzimmer.» Deshalb möchten sie das eigene Streaming gemeinsam mit Lehrlingen der Konzerttechnik-Branche verwirklichen. Denn diesen fehlt die Übung, wenn keine Anlässe stattfinden.

Entgegen der Ausgabe von 2020 sollen diesmal auch die Onlinekonzerteintritte Geld kosten. Die Bluesfestival-Organisatoren haben sich einiges überlegt, damit das Streaming-Event zu Hause vor dem Laptop nicht trocken wird: Picknick-Körbe mit BluesBier und gutem Essen aus dem Bären in Birmenstorf können zum Beispiel dazu bestellt werden. Auch Hotel-Packages sind angedacht. «Einfach nicht 08/15.»

Ende März wird auf der Grundlage der Vorgaben von Bund und Kanton entschieden, ob das Festival live stattfinden kann oder es eine Streaming-Ausgabe gibt. Im April soll dann der Vorverkauf starten.

«BluesKidz» kann jetzt gestreamt werden

Zum Bluesfestival gehört seit 2010 auch der Workshop «BluesKidz», bei welchem Kinder und Jugendliche eine Band gründen und ein Album aufnehmen. Auch 2020 entstand ein Album, das den Titel «L8» trägt. Die letztjährigen «BluesKidz» hätten leider noch gar keine Möglichkeit gehabt, vor Publikum auftreten zu können, was Susanne Slavicek sehr schade findet. Dafür hat die Pandemie den Sprung in den digitalen Bereich ermöglicht: Das Album ist erstmals nicht nur als CD, sondern auch auf allen gängigen Streaming-Plattformen erhältlich. Auch die anderen «BluesKidz»-Alben können ab sofort auf Spotify, Deezer und Co. gestreamt werden.

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