Mit dem Jahreswechsel sind es just 30 Jahre, seit die Fusion der BBC mit der schwedischen Asea in Kraft trat. Was wird aus dem Industriestandort und was aus der «verbotenen Stadt», dem mit Industrieanlagen überbauten Haselfeld, lauteten damals die Kernfragen.
Die Stadt setzte sich für die Entwicklung dieses Gebietes eine Frist von 15 Jahren.

Der Planungsprozess hiess «Chance Baden Nord 2005». Der Verein Baden Nordstadt und seine kritischen Denker versuchten, sich einzubringen. Ziel war, ein durchmischt genutztes und belebtes Stadtgebiet zu entwickeln. Zwischen ABB als Eigentümerin und Stadt waren ein Geben und ein Nehmen angesagt.

Unter dem damaligen Stadtammann Sepp Bürge und ABB-Schweiz-Chef Edwin Somm wurde einerseits eine städtebauliche Entwicklung eingeleitet, andererseits blieb Baden allen Unkenrufen zum Trotz gewichtiger Industriestandort. Die Nebenbemerkung sei erlaubt: Auch der GE-Kahlschlag wird Baden nicht hinunterreissen.

Was ist aus der Chance Baden Nord 2005 geworden? Das Positive vorweg: Unter dem Titel Berufsbildung Baden (BBB) entstand ein Berufsschulstandort mit Vorzeigecharakter. Bedeutende Industriebauten von Roland Rohn wie das Hochspannungslabor mit Werkstattgebäude und Fabrikhallen (Trafo), historische Bauten wie die Schreinerei (Dorer und Füchslin) und der Blaue Turm (Bölsterli und Weidmann) blieben stehen.

Andere Altbauten wichen einer Vorzeige-Architektur wie das Berufsschulhaus (Burkard Meyer, Baden), der Konnex (Theo Hotz, Zürich) und der Power Tower (Diener & Diener, Basel). Nicht zuletzt dank des Engagements dieser Zeitung blieb die dem Abbruch geweihte, weil mit Altlasten stark belastete Alte Schmiede, stehen. Ohne das Jugendkulturlokal «Werkk» als solches infrage zu stellen, sei die Frage erlaubt, ob das tatsächlich die ideale Nutzung für diesen markanten Bau ist.

Die Chance Baden Nord 2005 ist noch lange nicht genutzt. Das Trafo, wo Kinounternehmer Peter Sterk mit Mut die Vorreiterrolle spielte, täuscht darüber hinweg. Vom geforderten Wohnanteil von 25 Prozent ist man weit entfernt. Der Industrie wurden zu viele Konzessionen gemacht. Stattdessen wurde mit der Revision des Entwicklungsrichtplans der Anteil von Gewerbeflächen erhöht.

Die öffentliche Nutzung in den Erdgeschossflächen fehlt weitgehend. Auf den für Wohnen reservierten Verenaäckern ist nichts passiert. Der GE-Abbau lässt befürchten, dass sich die geplanten Bürohochhäuser, die Neugestaltung des Brown-Boveri-Platzes mit Parkhaus weiter verzögern.

Warten auf den grossen Wurf

Die vielen Teilrevisionen der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) können nicht darüber hinwegtäuschen: Baden braucht den grossen BNO-Wurf. Die zaghaft eingeleitete Gesamtrevision ist dringend. Die Revision soll eine städtebaulich adäquate Entwicklung einleiten, massstäblich und in den Aussenquartieren gemässigt, in der Innenstadt zielgerichtet die heute geforderte Verdichtung ermöglichen. Die restriktiven Höhenbegrenzungen im Galgenbuck sowie beim Projekt im Brisgi-Areal erfordern eine Korrektur nach oben. Die laut Konzept angedachten Hochhausstandorte sind als Chance zu sehen.

Das seit bald zehn Jahren geplante Krismer-Hochhaus gehört zu den vertagten Chancen wie das Südhaus, heute Standort der umstrittenen Velostation. In diesem Bereich von Stadtturmstrasse, Blinddarm, Durchgang zur Rütistrasse liegt eine grosse, bis jetzt sträflich verpasste Chance. Würde sie wahrgenommen, könnte sich das gesamte Gebiet Bahnhof West inklusive der geplanten neue Überbauung des Brauerei-Müller-Areals endlich etablieren.
Hoffen und Harren gilt derzeit für das Postareal, wo der private Investor immerhin für die weitere Existenz des «Royals» als Kulturbetrieb Hand geboten hat.

Ein Verkehr für alle

Der Verkehr ist seit der Geburt des ersten Regionalen Verkehrskonzepts im Jahr 1989 bis zum neusten Verkehrsmanagement ein Dauerbrenner geblieben. Die Chancen einer verkehrsbefreiten Innenstadt wurden nach der Verkehrssanierung der 60er-Jahre schrittweise verbessert. Dass unter dem Theaterplatz – dessen Gestaltung und Nutzung infrage gestellt wird – ein weiteres Parkhaus gebaut wurde, war für die Einkaufsstadt zwingend. Der heutige Verkehrszustand ist aber auf Dauer nicht tragbar. Priorität muss die Erreichbarkeit der Innenstadt haben, und zwar für alle Verkehrsträger, wobei die Bevorzugung des öffentlichen Verkehrs zuvorderst stehen muss.

Die Lösung liegt in einem Strauss von Massnahmen, wobei der Durchgangsverkehr grossräumig die Limmatklus umfahren müsste. Das Projekt «Ostaargauer Strassenentwicklung» soll vorangetrieben werden, darf aber nicht nur zulasten der Nachbargemeinden gehen. Gefragt sind innovative Ideen wie das Projekt Limmattalbahn bis nach Baden mit einer Weiterführung auf der Nationalbahnstrecke oder nach Brugg.

Das Parkierungsmanagement erfordert ein Anreizsystem für die in Baden arbeitenden Pendler. Steigen diese auf den öffentlichen Verkehr um, wird das Zentrum vom motorisierten Individualverkehr entlastet, insbesondere zu Spitzenzeiten. Park-and-Ride-Anlagen für Pendler wie Einkaufende an strategisch optimalen Standorten sind zu prüfen. Dem Boom der E-Biker beziehungsweise dem Veloverkehr ist Rechnung zu tragen.

Die vielen offenen Chancen

Während das Schloss Stein vor rund 20 Jahren – ausgehend von einer Notsanierung des Turms, nachdem diese Zeitung Alarm geschlagen hatte – samt Schlossberg mit einem Pflegekonzept bedacht wurde, blieb es im Limmatraum bei Naturmassnahmen. Auf den durchgehenden Limmatuferweg – seitens der Stiftung Kulturweg liegt eine Ausbaustudie vor – wartet man ebenso wie auf die seit langem thematisierten Sitzstufen an der Promenade.

Dass die Stadt nicht nur im nahen Wald, sondern auch im Zentrum vor ihrer Nase einen einmaligen Erholungsraum hat, ist bis heute schlichtweg verkannt worden. Die Realisierung des neuen Thermalbades und die erhoffte Wiederbelebung, welche sich die Gesundheitsstiftung Bad Zurzach und Baden verspricht, wird dem Limmatraum helfen.

Während Strassen und Plätze der oberen Altstadt und des Schlossbergplatzes neu gestaltet wurden, bleibt die stiefmütterliche Behandlung der unteren Altstadt bei der Stadt Programm. Hier gilt es, neue Chancen zu nutzen, indem man die Hauseigentümer miteinbezieht. So wie auch Standortmarketing und City Com dran sind, weitere Fehlnutzungen von ehemaligen Ladengeschäften in der Innenstadt künftig zu verhindern.

Chancen in «weichen» Bereichen

Baden ist Stadt der Quartiere. Das ist und bleibt auch ohne Gemeindezusammenschlüsse eine Chance. Der Infrastruktur ist besonders Sorge zu tragen, vom garantierten Quartierschulhaus über den Einkaufsladen, Treff- und Kulturorte für ein pulsierendes Leben bis zur Anbindung. Das leitet direkt über zu den Chancen in «weichen» Bereichen. Das Stadtcasino wurde vor 20 Jahren auf eine Zukunftsschiene gestellt. Der betrieblichen Zukunft gilt es Sorge zu tragen, ebenso dem Kongresszentrum Trafo. Der Kurtheater-Umbau ist aufgegleist. Die kleinen Theater müssen jedoch behütet werden.

Der Sparruf darf nicht einseitig auf Kosten der Kulturstadt Baden gehen. Nordportal, Kunstraum, der neue Trudel-Pavillon lassen sich zweifellos auf Vereins- oder Stiftungsbasis betreiben. Doch die Profilierung als Kulturstandort benötigt gezielt weitere Unterstützung, damit auch (noch) nicht arrivierte Kunst oder Kultur stattfinden und gedeihen kann.

Mit dem Ja zum Sekundarstufenzentrum hat die Stadt diese Chance genutzt, damit sie als Bildungsstandort kantonal weiterhin ganz vorne stehen kann. Auch hier gilt es mit Bedacht zu sparen wie Geld auszugeben, so wie es auch für das Ressort Gesellschaft und den ganzen Betreuungsbereich gilt. Die Kooperation mit Wettingen im Polizeibereich ist eine kommende Chance. In Baden ist der Ruf nach einem «Blaulichtzentrum» wegen der miserablen Infrastruktur der Stadtpolizei seit langem hörbar.

Chancen sind zu nutzen, wie sie sich ergeben. Dem Stadtrat ist zu wünschen, dass er sie rechtzeitig erkennt und nicht an sich vorbeiziehen lässt.