Baden/Biel
Junges Duo geht mit Musik gegen das Schubladendenken vor: «Wir sind doch alle nur Menschen»

Ein Künstler-Duo aus Baden und Biel möchte mit ihrem ersten Album ein Zeichen setzen. Ein Gespräch über Sexualisierung, Stolz und grosse Träume.

Sharleen Wüest
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Sie möchten auf grosse Bühnen: Shedea Dona Walser (links) und Saviour Chibueze Anosike (rechts) träumen von der Musik.

Sie möchten auf grosse Bühnen: Shedea Dona Walser (links) und Saviour Chibueze Anosike (rechts) träumen von der Musik.

Diego Menzi

Sie möchten am liebsten hoch hinaus: Die gebürtige Badenerin Shedea Dona Walser (22) und «Switzerland's next Topmodel»-Gewinner Saviour Chibueze Anosike (21) hoffen darauf, mit ihrer Musik eine Geschichte zu erzählen.

Wie weit würden Sie beide gehen, um berühmt zu werden?

Shedea Dona Walser: Ich träume von der Schauspielerei und vom Singen. Es ist mir aber wichtig, authentisch zu bleiben. Ich möchte mich selbst dabei nicht verlieren.

Saviour Chibueze Anosike: Auch wenn ich davon träume, im Rampenlicht zu stehen, möchte ich etwas machen, das mir gefällt.

Sie haben bei der Frage beide gelacht.

Saviour: Es ist eine Frage, die meistens nicht ehrlich beantwortet wird. Viele sagen, dass sie nicht berühmt werden möchten. Das stimmt oft nicht. Ich bin ehrlich. Shedea und ich möchten den Status aber wegen unserer Leidenschaft erreichen.

Shedea: Von der Musik leben zu können, ist natürlich unser Ziel. Dafür müssen wir einen gewissen Erfolg haben.

Saviour x Shedea

Die 22-jährige Shedea Dona Walser ist in Baden aufgewachsen. Nach Abschluss der Maturität hat sie ein Studium an der Züricher Filmschauspielschule «filmz» begonnen. Auch ihr musikalischer Partner Saviour Chibueze Anosike steht gerne vor der Kamera. Der heute 21-jährige Bieler hat 2018 die erste Staffel «Switzerland's next Topmodel» gewonnen. Er arbeitet heute hauptberuflich im Detailhandel. Das Duo singt seit zwei Jahren zusammen und hat bereits eine Single namens «All Night» veröffentlicht. Am 7. Mai folgte ihre EP «Pure Melanin».

Wo wären für Sie die Grenzen?

Shedea: Wenn alles nur noch fake ist. Ich möchte nicht von einem Label in eine Rolle gesteckt werden. Aber wir sind offen und jung. Wir freuen uns auf den Weg. In meiner Ausbildung an der Schauspielschule schlüpfe ich immer in andere Rollen. Ich bin nie Shedea. Deshalb ist mir diese dritte Welt, die Musik, besonders wichtig. In der Musik können wir sein, wer wir sind. Doch meine theatralische Art darf auch hier nicht komplett fehlen. (lacht)

Saviour: Da kann ich mich anschliessen. Ich komme ja schon aus einer Branche, in der man oft Dinge macht, die man nicht so schnell wiederholen würde. Beim Modeln hat man nicht viel Kontrolle. Manchmal sehe ich Bilder in einem Magazin und gefalle mir nicht. Ich würde aber sagen, dass ich jetzt an einem Punkt bin, an dem ich ein Projekt auch mal ablehnen kann. Ich muss den Job nicht machen, nur weil der Lohn gut ist.

Youtube

Der Hauptgrund für unser Zusammentreffen ist die EP von Ihnen, die am 7. Mai erschienen ist. Wie haben Sie überhaupt zusammengefunden?

Shedea: Es hat mit «Switzerland's Next Topmodel» angefangen. Saviour hat 2018 die erste Staffel gewonnen. Meine Mutter hat vor dem Fernseher immer gesagt, dass wir charakterlich sehr ähnlich seien. Ich habe auf seinem Instagram-Profil ein Video gesehen, in dem er singt. Da habe ich ihm auf Instagram einfach mal geschrieben. Typisch für unsere Zeit. Wir haben gechattet und uns relativ bald darauf verabredet. Wir wollten zusammen ein Cover aufnehmen.

Saviour: Das war dann im 2019. Das Cover ging in die Hose. Wir waren nicht zufrieden. Danach haben wir uns dazu entschieden, unsere eigene Musik zu machen. Entweder ganz oder gar nicht.

Shedea: Es hat von Anfang an harmoniert.

Jetzt widersprechen Sie sich.

Shedea: Nein, die Musik hat anfangs wirklich nicht gepasst. Aber die Harmonie, die wir ansprechen, war auf der persönlichen Ebene von Anfang an vorhanden. Wir haben uns als Menschen einfach super verstanden.

Saviour: Unsere Musik hat definitiv eine Entwicklung durchgemacht. Das ist normal, wenn man plötzlich auf zwei Stimmen achten muss.

Wie würden Sie Ihre EP beschreiben?

Saviour: Das Album erzählt eine Geschichte. Wir wollen eine Botschaft vermitteln.

Was für eine Geschichte können die Hörer erwarten?

Saviour: Die EP erzählt unsere Geschichte. Unsere Geschichte als Schwarze, als Mann und Frau, als nicht heterosexueller Mann in der Gesellschaft. Das fasst der Titel «Pure Melanin» zusammen. Es kommt von Herzen.

Shedea: Wir öffnen uns komplett. Wir haben auch viel ausprobiert und sind aus unserer Komfortzone rausgekommen. Dabei hat mir Saviour sehr geholfen. In unserer Gesellschaft werden alle in Schubladen gesteckt. Man möchte immer in ein Schema passen. Ich habe während des Schreibens gemerkt, dass ich gar nicht in ein Schema passen muss.

«Wir sind doch alle nur Menschen», sagt die Schauspielstudentin. (rechts)

«Wir sind doch alle nur Menschen», sagt die Schauspielstudentin. (rechts)

Kim Korsonek

Möchten Sie beide das Schubladendenken auch im echten Leben sprengen?

Saviour: Ich habe den Gesellschaftsnormen schon vor Jahren den Mittelfinger gezeigt. Ich zeige mich genau so, wie ich bin. Wir fallen nun mal beide auf, das ist Fakt. Ich möchte, dass man in unserer EP hört, dass wir schwarz sind. Ich bin stolz. Ich wohne in Biel, dort sind die Kulturen sehr vermischt, aber in Baden ist das nicht wirklich so.

Shedea: Es ist an der Zeit, dass man in der Schweiz keine schrägen Blicke mehr erntet, nur weil man nicht der Norm entspricht. Wir sind doch alle nur Menschen, ganz egal, ob schwarz oder weiss.

Möchten Sie das mit Ihrer Musik vermitteln?

Saviour: Wir möchten zeigen, dass jeder Mensch ein Unikat ist. Das möchten wir aber nicht offensiv machen. Unsere Musik soll reichen. Manchmal muss man einfach die Worte wirken lassen.

Das Album-Cover des Künstler-Duos.

Das Album-Cover des Künstler-Duos.

Abby Matthews

Sie scheinen sich wohlzufühlen. Das merkt man auch am Albumcover. Sie zeigen beide viel Haut, was sagen Ihre Eltern dazu?

Saviour: Meine Familie ist stolz auf mich. Wir wollten auf dem Cover Haut zeigen, um den Titel «Pure Melanin» zu repräsentieren.

Shedea: Wir können nicht von Stolz sprechen und dann im Rollkragen dort stehen. Uns geht es nicht darum, unsere Körper zu präsentieren, sondern ein Zeichen zu setzen. Die Bilder sind Teil unserer Kunst. Meine Mutter hat mich schon gewarnt und gesagt, dass das Internet nie vergisst. Aber die Fotos sind professionell, sie gefallen auch meiner Mutter sehr.

Trotzdem: Sex sells.

Shedea: Auf keinen Fall, das ist das Letzte, das wir ausstrahlen möchten. Wir finden das Bild einfach schön und können stolz auf uns und unsere Körper sein.

Saviour: Ich weiss, solche Bilder werden häufig sexualisiert. Vor allem, wenn Frauen involviert sind. Das kann ich als Mann nicht nachempfinden, aber das war definitiv nicht unsere Absicht.

Shedea: Nur weil eine Frau viel Haut zeigt, gibt das niemandem das Recht, sie zu sexualisieren.

Ich bemerke immer wieder kleine Momente der Zuneigung zwischen Ihnen beiden. Auch auf dem Cover sind Sie einander sehr nahe.

Saviour: Ich wusste, dass das angesprochen wird. Ja, wir stehen uns sehr nahe. Ein Paar sind wir aber nicht.

Shedea: Unsere Beziehung ist sehr speziell. Ich habe mit niemandem sonst eine solche Verbindung.

Jetzt mal weg vom Cover und zum Inhalt. Welches der Lieder ist Ihr Liebling?

Saviour: Ich finde vor allem die Bedeutung von «Running» super. Die Momente, in denen im Leben so viel los ist. Gutes wie auch Schlechtes. Man möchte einfach mal den Kopf frei kriegen. Das kennt bestimmt jeder.

Shedea: Wenn ich an das Lied «Pure Melanin» denke, schlägt mein Herz höher. Viel Bedeutung hat für mich aber auch «Deep Dive». Die Lyrics sagen schon alles. «If you don't dive deep, you can't fly high.» (Deutsch: Tauchst du nicht tief, kannst du nicht hoch hinaus fliegen)

Ich sehe, Sie möchten hoch hinaus. Wovon träumen Sie?

Saviour: Ich möchte irgendwann einmal ein Top-Ten-Lied in den Billboards haben. Stellt euch das mal vor. Das wäre ein Traum! Ich träume auch von grossen Bühnen und Konzerten. Sobald die Pandemie vorbei ist, werden Shedea und ich die Bühne zusammen rocken. Wir hatten beide schon einzelne Auftritte, aber noch nie als Duo.

Shedea: Das wird super! Auch ich möchte auf grossen Bühnen stehen. Seit ich 13 bin, träume ich davon, im Hallenstadion aufzutreten. Ich würde sagen, da haben wir schon Potenzial.

Sie haben grosse Träume, fahren aber beide zweigleisig. Besteht da nicht die Gefahr, dass Sie beides nur halbbatzig machen?

Shedea: Überhaupt nicht. Als Künstler muss man viel können. Es ist wichtig, dass wir auf verschiedenen Ebenen geschult werden. Ich möchte aber vor allem nicht den einen Traum für einen anderen aufgeben. Ich kann das Singen und die Schauspielerei vereinen.

Saviour: Es ist nur schon aus der strategischen Perspektive super. Wenn ich beim Modeln zum Beispiel Erfolg habe, wird meine Musik automatisch bekannter. Das passt einfach perfekt.

Da wären wir wieder beim «Berühmt werden um jeden Preis».

Saviour: Ja, ich möchte eine erfolgreiche Person sein, aber natürlich nicht um jeden Preis. Ich möchte berühmt werden, weil ich etwas kann. Weil ich meine Leidenschaften verfolgt habe.

Shedea: Da stimme ich dir zu. Einfach ist es für uns leider nicht. Als Künstler muss man für den Erfolg kämpfen.

Saviour: Das ist so. Wenn man sich aber für den Kampf entscheidet, dann kann man seine Träume auch erreichen. Ich gönne es jedem Künstler, der seine Ziele verfolgt hat.

Shedea: Ich stelle mich dem Kampf. Schon als Kind wusste ich, dass es für mich keinen anderen Weg gibt.

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