Baden
Neue Partnerschaft: So engagiert sich das KSB gegen Über- und Fehlversorgung

Das Kantonsspital Baden (KSB) spannt mit dem Verein «Smarter Medicine» zusammen. Dieser engagiert sich gegen Über- und Fehlversorgung im Gesundheitswesen.

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Das Kantonsspital Baden (KSB) wird neuer Partner des Vereins «Smarter Medicine», der sich gegen Über- und Fehlversorgung im Gesundheitswesen engagiert.

Das Kantonsspital Baden (KSB) wird neuer Partner des Vereins «Smarter Medicine», der sich gegen Über- und Fehlversorgung im Gesundheitswesen engagiert.

Bild: Andrea Zahler

Unnötige Vitamin-D-Messungen, zu häufige Gesundheitschecks oder überflüssige Eisensubstitutionen und Bluttransfusionen: Die moderne Medizin macht vieles möglich. Doch nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch medizinisch sinnvoll. Es gibt Behandlungen und Untersuchungen, die für Patientinnen und Patienten keinen Mehrwert darstellen.

Hier setzt «Smarter Medicine» an. Nach dem Motto «Weniger ist manchmal mehr» will der gemeinnützige Verein die begrenzten Ressourcen in der Gesundheitsversorgung effizient und gewinnbringend einsetzen.

KSB will mit der Partnerschaft «ein Zeichen» setzen

Neuester Partner des Vereins ist das Kantonsspital Baden. Das KSB setzt sich seit Jahren mit diesem Thema auseinander. «Mit dem Beitritt zum Verein ‹Smarter Medicine› setzen wir ein Zeichen und bekräftigen unsere Haltung», sagt Prof. Maria Wertli, die Direktorin des Departementes Innere Medizin am KSB.

In einem Akutspital, wie das KSB eines ist, sei man täglich mit der Frage konfrontiert, welche Untersuchungen und Behandlungen wirklich zum Wohle der Patientinnen und Patienten beitragen. Mitunter müsse man auch mal den Mut aufbringen, «Nein» zu sagen. Das bedinge einen regelmässigen Austausch unter der Ärzteschaft sowie eine gute Kommunikation mit den Patienten und deren Angehörigen.

Beispiel Magensäureblocker

Was das konkret bedeutet, erklärte François Fontana, Leiter der Intensivstation am KSB, neulich an einer Mitarbeitendenveranstaltung anhand des Beispiels Magensäureblocker. Er verwies dabei auf Zahlen aus Deutschland, wo rund 3,7 Milliarden Tagesdosen verabreicht werden, was täglich rund 2,5 Millionen Euro kostet. Zwar nehme die Zahl der Patienten mit Refluxleiden zu. Doch das allein könne den hohen Verbrauch nicht erklären.

«Es liegt wohl auch daran, dass die Mittel als Alleskönner gelten und selbst bei Magenproblemen ohne klare Diagnose oder bei Reizdarm eingesetzt werden», sagt Fontana. Schätzungsweise 80 Prozent der Magensäureblocker würden ohne Grund abgegeben, meint er. Da solche Medikamente die Bildung von Magensäure fast vollständig unterdrücken, ziehe dies Nebenwirkungen nach sich.

Bei Langzeiteinnahme gebe es Hinweise auf erhöhtes Risiko für Knochenbrüche, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungenentzündung oder Darminfektionen. «Gerade bei Routinebehandlungen gilt es, Therapien stets kritisch zu hinterfragen und konsequent eine Nutzen-Schaden-Analyse vorzunehmen», lautet das Fazit von Fontana, der seit sechs Jahren an der Pflegeschule Vorträge zum Thema «Choosing Wisley» hält.

KSB ist erstes Partnerspital im Kanton

Das KSB ist das erste Spital im Aargau, das dem Verein «Smarter Medicine» beitritt, dessen Partnernetzwerk inzwischen 19 Spitäler umfasst. «Wir wollen uns aktiv in die Diskussionen einbringen und so einen Beitrag zu einem effizienten und effektiven Gesundheitswesen leisten», sagt Maria Wertli.

Die Handlungsfelder des Vereins «Smarter Medicine» sind vielschichtig. Die Bandbreite reicht von der Veröffentlichung unnötiger Behandlungen aus den verschiedenen medizinischen Fachgebieten und Gesundheitsberufen über die Förderung von Forschungsprojekten bis hin zum Empowerment von Patientinnen und Patienten. Letztere sollen ermutigt werden, mit den Gesundheitsfachkräften in einen Dialog auf Augenhöhe zu treten.

Kernstück der Aktivitäten sind sogenannte «Top-5-Listen» aus allen medizinischen Fachdisziplinen, auf denen je fünf Behandlungen zu finden sind, die in der Regel keinen Nutzen bringen. Inzwischen sind in der Schweiz rund 20 Top-5-Listen veröffentlicht worden, weitere zwanzig sind in Entstehung. Bald auch unter Mithilfe des KSB. (nbl)