Baden
«Pink ist mein Werkzeug»: Ehemalige Stadtfotografin polarisiert mit ihrer Kunst – jetzt soll ein zweites Buch entstehen

Die Welt der Aargauerin Nici Jost ist vor allem Eines: pink. Was für die einen künstlich und verstörend ist, halten andere für zart und süss. Dahinter steckt aber mehr.

Sharleen Wüest
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Sogar die Haare sind pink gefärbt: Künstlerin Nici Jost verdient ihr Geld mit einer Farbe.

Sogar die Haare sind pink gefärbt: Künstlerin Nici Jost verdient ihr Geld mit einer Farbe.

Sandra Ardizzone

Eine chinesische Shopping Mall mitten in der Stadt Baden – zumindest erweckt die neue Ausstellung der ehemaligen Stadtfotografin Nici Jost diesen Eindruck. Leere Verpackungen, Dosen, eine Haarbürste und sonstige Alltagsgegenstände stehen aneinander gereiht in einer Vitrine. Alles in Pink. «Es könnte die Menschen irritieren, dazu führen, dass sie sehr emotional reagieren, und sie auf eine Art und Weise berühren, die ich niemals für möglich gehalten hätte», warnt Jost auf ihrer Website. Schrill oder zärtlich. Weiblich oder männlich. Politisch oder süss. Pink polarisiert.

In ihrer aktuellen Ausstellung «Land of Peach Blossom» richtet Jost ihren Fokus auf Chinas Mega-Metropole Shanghai. Ausgangspunkt ist ein sechsmonatiger Aufenthalt als Stipendiatin im Swatch Art Peace Hotel im Jahr 2018. Von der Farbe Pink geleitet, hat die damals 33-Jährige fotografisches Bildmaterial erstellt und Gegenstände gesammelt. Diese zeigt sie nun im Kunstraum Baden.

Ihre Kunstprojekte waren schon immer rosa

Die Farbe Pink als ständiger Begleiter ist in ihrer Welt nichts Neues. Schon im Alter von 15 Jahren interessierte sie sich für die Farbe. Aus rein persönlicher Anziehungskraft, erzählt Jost. Dass Jahre später ihr gesamtes Kunst-Universum pink sein würde, hat sie nicht erwartet: «Das war total unüberlegt», sagt Jost und ergänzt: «Damals habe ich angefangen, meine Haare pink zu färben.» 21 Jahre später sitzt die Aargauerin, die Haare noch immer pink, im Kunstraum Baden.

Die eigentliche Recherche zu den historischen und gesellschaftlichen Hintergründen der Farbe begann im Bachelor Studium. Jost erzählt:

«Meine Kunstprojekte waren immer rosa. Da haben mich alle gefragt, was das Motiv dahinter ist.»

Ausser dem persönlichen Gefallen an der Farbe wusste Jost keine Antwort. Sie machte sich an die Recherche – und stellte fest, dass hinter der Farbe viel steckt.

«Ich habe meine Bachelorarbeit darüber geschrieben», sagt sie. Darauf folgte eine Masterarbeit, in der sie ihr eigenes «Pink Color System» erstellte. «Ich habe eine riesige Sammlung nach Nuancen sortiert», erzählt Jost. Daraus sind 10 verschiedene Pinktöne entstanden. Die Töne unterscheiden sich nicht nur äusserlich, sondern auch in ihrer Geschichte sowie ihrer politischen und sozialen Bedeutung. «Es ist alles so logisch geworden», sagt Jost rückblickend.

Ob Prinzessin oder Gay Pride – Pink ist ein Symbol

Pink habe immer Gegenseitigkeiten an sich. Entweder man liebt die Farbe oder man verabscheut sie – es gibt kein dazwischen. «Pink ist die einzige Farbe im Spektrum, die so kontrovers diskutiert wird», sagt Jost. Eine ihrer Nuancen heisst «White Pink». Inspiriert von der weissen Hautfarbe, die alles andere als Weiss ist. Der Farbton ist Disney Prinzessinnen nachempfunden. Schneewittchen, Cinderella und Dornröschen, Sinnbilder vollkommener Schönheit und Unschuld. Der Traum jedes Mädchens.

Stark von der Gesellschaft geprägt ist auch der Farbton «Bloc Pink». Zu Nazi-Zeiten ein Symbol für homosexuelle Männer, jetzt oft bei Aktivisten und Aktivistinnen sowie politischen Gruppierungen zu erkennen. «Bloc Pink» wurde, paradoxerweise, zu einem internationalen Symbol für Gay Pride. Ein Zeichen, meint Jost. «Sie haben die Farbe für sich besetzt.»

Neben den vielen politischen und gesellschaftlichen Bedeutungen werde die Farbe in der Kunst oft nicht ernst genommen. Pink wirke zum Teil zu mädchenhaft oder hübsch. «Man kann sich gegen die Farbe entscheiden oder bewusst damit spielen», so Jost. Genau das macht sie: «Einerseits sicher als Provokation, aber ich kann auch gar nicht anders.» Vor ein paar Jahren habe sie ihre Küche blau gestrichen. «Knapp zwei Wochen später strahlten die Wände wieder in pink», lacht Jost. Es habe sich falsch angefühlt. Von der Farbe lässt sich Jost auch weiterhin leiten: «Sie ist mein Werkzeug.» Der Farbton bleibe gleich, doch die jeweilige Bedeutung wechsle.

Nici Jost arbeitet seit über 15 Jahren mit der Farbe Pink.

Nici Jost arbeitet seit über 15 Jahren mit der Farbe Pink.

Sandra Ardizzone

Jost scheut sich nicht vor leuchtenden Farben

In Zukunft sollen ihre Farbtöne nicht nur Namen tragen, sondern auch Form erhalten. Dabei handelt es sich um einen Versuch, den Jost schon lange im Hinterkopf hat. «Es wäre eine schöne, aber schwierige Arbeit. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es wirklich umsetzbar ist», sagt sie. Wie denn «Concept Pink» zum Beispiel aussehen könnte? «Ich stelle mir eine futuristische Form vor.» Den Farbton beschreibt Jost als Hommage an die unerfüllten Träume einer perfekten Zukunft. Denn viele Architektinnen sowie Industriedesignerinnen gestalten ihre Entwürfe so strahlend wie nur möglich, sehen in der Umsetzung aber wieder davon ab.

Im Gegensatz dazu scheut sich Jost nicht vor leuchtenden Farben. Bereits der Durchgang im Kunstraum Baden ist in strahlendes Pink getaucht. Die Eröffnung der Ausstellung sei gut verlaufen. Coronabedingt jedoch ungewohnt distanziert, sagt Jost auf Nachfrage. Ihre Ausstellung ist noch bis Ende Juni zu sehen. Damit ist ihre China-Reise jedoch noch nicht beendet. Denn Jost arbeitet zurzeit mit dem Verlag «Tria Publishing» an ihrem zweiten Buch. Es soll eine Kollektion ihrer Fotografien aus Shanghai sein und bereits im Herbst 2021 publiziert werden.

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