100-Jahr-Jubiläum

Baden – Stadt des Freisinns: Wozu ein paar kluge Politiker fähig sind

Ohne die BBC wäre die Geschichte der Region Baden vollkommen anders verlaufen.

Ohne die BBC wäre die Geschichte der Region Baden vollkommen anders verlaufen.

Die FDP Baden feiert diese Woche ihr 100-jähriges Jubiläum. Ohne die FDP wäre die BBC wohl nie in Baden gegründet worden. Ein Lehrstück darüber, wozu ein paar kluge Politiker imstande sind.

Die Zeit drängte, und alle, die an diesem Mittwochabend, dem 18.März 1891, ins Schulhaus von Baden geströmt waren, dürften darum gewusst haben. Vieles stand auf dem Spiel. Sollte in Baden ein Elektrizitätswerk gebaut werden? Würde also die alte Bäderstadt ins moderne Zeitalter der Elektrizität eintreten? Diese Frage hatte die Gemeindeversammlung heute zu entscheiden – es handelte sich um den Souverän der Stadt, der abschliessend urteilte. Entsprechend war der Andrang: «Auf gestern Abend 8Uhr (eine Zeit, zu welcher jeder Stimmberechtigte bei gutem Willen seine Teilnahme bewerkstelligen konnte) wurde die Einwohnergemeinde einberufen», schrieb das «Badener Tagblatt»: «Der grosse Saal im Schulhause konnte die Anwesenden kaum fassen!»

Der Stadtrat hatte im Vorfeld alles getan, damit jeder Bürger die Tragweite dieses Abends erkannte. Im Antrag, den die städtische Regierung rechtzeitig an alle Stimmbürger verschickt hatte, hiess es: «Den Bemühungen des Hrn. Pfister ist es gelungen, von renommierten Technikern Zusicherungen zu erhalten, dass sie im Falle Zustandekommens des elektrischen Wasserwerkes im Hasel ein industrielles Etablissement gründen würden.»

Versammlung mit wohl formulierten Beleidigungen

Mit «Hrn. Pfister» war Carl Pfister gemeint, der Stadtrat und Promotor des Kraftwerks. Die Namen der «renommierten Techniker» dagegen verriet man nicht. Was man von ihnen wissen durfte: Sie wollten keine Zeit verlieren. «Kann ihnen die Zusage erteilt werden, dass die elektrische Wasserwerkanlage sofort in Angriff genommen wird, so werden sie unverzüglich mit dem Bau der Fabrik beginnen. Dieselbe soll noch in diesem Jahr eröffnet werden (...) sodass Baden alle Aussicht hat, in kurzer Zeit zu einem bedeutenden Industrieorte zu avancieren.»

Es sollte eine legendäre, weil endlose Gemeindeversammlung werden. Nach viel Streit und Hektik, nach Rückweisungsanträgen, Einsprüchen und wohl formulierten Beleidigungen stimmten die rund 1000Badener, die gekommen waren, dem Bau eines Kraftwerks im Kappelerhof zu. Die Gründer, deren Namen geheim blieben, waren nicht anwesend.

Umso mehr hatten sich jene für sie ins Zeug gelegt, die an die neue Industrie glaubten, die Baden von seiner gefährlichen Abhängigkeit vom Kurort lösen wollten. Es waren gewichtige Politiker – und sie alle nannten sich freisinnig, wenn sie auch zwei verschiedenen Parteien angehörten. Es gab die (linkeren) Demokraten und die (rechteren) Liberalen, erst wenige Jahre später, 1894, sollten sich die beiden Strömungen zur Freisinnig-Demokratischen Partei zusammenschliessen.

Freisinn gegen Freisinn – es tobte ein kleiner Bürgerkrieg

Ironischerweise waren ihre Gegner, also jene, die sich gegen die Ansiedlung der BBC stemmten, genauso Freisinnige, zumeist Hoteliers aus den besten Familien, die seit Jahrhunderten den Kurort Baden beherrscht hatten. Was Wunder? Zu Recht befürchteten die Hoteliers, dass die neue Fabrik ihr Geschäft schädigen würde. Wer wollte noch in den warmen Bädern Erholung suchen, wenn gleich nebenan ein Fabrikschlot rauchte und eine Drehbank lärmte? Freisinn gegen Freisinn – es tobte ein kleiner Bürgerkrieg. Andere Parteien spielten kaum eine Rolle: Die Katholisch-Konservativen (heute CVP) waren in der Stadt eine kleine, geduldete Minderheit, die SP gab es kaum. Baden war seit langem eine freisinnige Hochburg in einem von den Konservativen beherrschten Umland.

Dass die Hoteliers an jenem Abend chancenlos blieben, dafür gab es viele Gründe, vor allem hatten sie Pech. Ausgerechnet die beiden begabtesten Badener Freisinnigen hatten sich gegen sie verbündet: Josef Jäger und Armin Kellersberger. Der Erstere war ein Demokrat, ein Aufsteiger und künftiger Star, der imstande war, mit seinen Reden ganze Säle zum Kochen zu bringen: Wie er seine Gegner ausschimpfte und blossstellte, war ein Vergnügen für jene, die zusahen – wen es jedoch betraf, der fand es weniger lustig. Zeit seines Lebens hatte sich Jäger mit Verleumdungs- und Ehrverletzungsklagen herumzuschlagen. Meistens gewann er, doch finanziell stürzte es ihn, einen Journalisten, fast in den Ruin. Wenn es zu diesem fürchterlichen, genialen Politiker einen Gegensatz gab, dann war dies Kellersberger. Aus Überzeugung ein Liberaler, thronte er als Stadtammann und Ständerat über der Stadt. Wo Jäger spaltete, versöhnte er. Kaum einen Politiker mochten die Badener so innig wie Kellersberger, über keinen redeten sie mehr als über Jäger. Später sollte er ebenfalls Stadtammann werden, länger als alle anderen, schweizweit bekannt bis nach Bundesbern, wo er auch als Nationalrat sass. Man nannte ihn den «kleinen Diktator» von Baden.

Dem frivolen Baden fehlte es an Industrie

So verschieden ihr Temperament, so einig waren sich die beiden, was die BBC anbetraf. Baden fehlte es an Industrie, Baden brauchte neue Steuerzahler, der gemütliche, etwas frivole Ort sollte endlich in die Moderne gerissen werden. Insbesondere den «Frühschoppengeist» wollte man austreiben, für den die Badener berüchtigt waren, sofern man den Spott der Auswärtigen ernst nahm. Die Badener galten als verwöhnt, wenn nicht faul – so faul, dass man sie schon am Morgen in der Beiz sah, wie sie sich ein Bierchen genehmigten. Sicher konnten die Badener sich das leisten. Seit dem frühen Mittelalter hatten sie bestens von den Bädern gelebt. Was sollten sie sich den Tag mit allzu viel Arbeit verderben, solange das warme Wasser fast ohne ihr Zutun aus dem Boden schoss?

Trotz dieser fröhlichen Vergangenheit obsiegten 1891 an der Gemeindeversammlung die Modernisierer – und innert weniger Jahre war in Baden vom «Frühschoppengeist» nichts mehr zu spüren. Bald gehörte die Region Baden zu den bevölkerungsreichen der Schweiz, und ihre alles dominierende Firma, die BBC, stieg noch vor dem Ersten Weltkrieg zum grössten Unternehmen des Landes auf.

Der Beitrag der FDP zu diesem Wirtschaftswunder kann kaum überschätzt werden. Politisch gab die Partei den Ausschlag. Zum einen waren es Freisinnige wie Jäger und Kellersberger, aber auch Carl Pfister, ein Freisinniger ebenso, die diese Industrialisierung vorantrieben: Sie stellten sich an der Gemeindeversammlung allen Argumenten, sie wagten den Konflikt mit den Hoteliers – sie waren es, die eine Mehrheit für die BBC gewannen. Was allein ein Phänomen darstellt: Selbst in der direktdemokratischen Schweiz kam es selten vor, dass faktisch an einer Gemeindeversammlung beschlossen wurde, ob eine Firma sich an einem Standort niederlassen durfte oder nicht. Auch das machte den Wandel erträglicher.

Hoteliers hätten BBC lieber in Spreitenbach gehabt

Zum andern hatte der Freisinn dafür gesorgt, dass sich die Badener gegenüber Neuem stets aufgeschlossen zeigten. Das hatte auch mit den (freisinnigen) Hoteliers zu tun, die im 19.Jahrhundert überall zu den Pionieren neuer Technologien zählten. Was immer dem Gast gefiel, ob Lift oder Zentralheizung, ob Dusche im Zimmer oder elektrisches Licht: Die Hoteliers bauten es in ihre Hotels ein. Sie hatten sich nicht gegen die BBC gestellt, weil sie die Moderne fürchteten, im Gegenteil, aber sie hätten es aus Rücksicht auf ihre Ruhe suchenden Gäste vorgezogen, wenn die Fabrik in Spreitenbach entstanden wäre.

Wie diese «Techniker» hiessen, von denen der Stadtrat so geheimnisvoll gesprochen hatte, Walter Boveri und Charles Brown, erfuhren die Badener im Sommer 1891, nachdem sie längst mit grossem Mehr dem Bau eines Kraftwerks zugestimmt hatten. Was diese Firma, die kurz darauf entstand, die Brown, Boveri & Cie., kurz: BBC, einst für Baden bedeuten sollte, wurde ihnen noch später klar, wenn auch dann sehr deutlich – aber erst wir Nachgeborenen sind uns der weitreichenden Folgen bewusst, die dieser Entscheid vom März 1891 nach sich zog. Ohne BBC wäre die Geschichte der Region Baden vollkommen anders verlaufen. Vielleicht wäre Baden heute ein grösseres Bad Schinznach, vielleicht wäre der Kurort aber sowieso abgestiegen, und Baden sähe aus wie Mellingen oder Mägenwil.

Der Autor ist promovierter Historiker und ehemaliger Verleger der «Basler Zeitung». Er wuchs in der Region Baden auf und arbeitete für das «Aargauer Volksblatt». Somm schrieb eine ausführliche Geschichte für die Jubiläumszeitschrift der FDP Baden.

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