Baden
«Von einem anderen Stern»: Ausnahme-Pianistin verzückt das Badener Publikum

Die Pianistin Elisabeth Leonskaja hat im Rahmen der Piano-District-Reihe ein grossartiges Konzert in Baden gegeben. Wir waren vor Ort dabei.

Elisabeth Feller
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«Das Klavier ist meine Sprache», sagt die Ausnahme-Pianistin Elisabeth Leonskaja.

«Das Klavier ist meine Sprache», sagt die Ausnahme-Pianistin Elisabeth Leonskaja.

zvg/Julia Wesely

Elisabeth Leonskaja ist eine Legende. Sie zählt zu den Grössten ihres Fachs, deren Interpretationen bei Musik liebenden Menschen Wochen, Monate, ja Jahre nachhallen. Weshalb das so ist, ist beim Rezital der Ausnahme-Pianistin in der Druckerei Baden zu hören.

Elisabeth Leonskaja stellt ein Programm mit Wolfgang Amadeus Mozarts Klaviersonate D-Dur, KV 284; Johannes Brahms‘ Sonaten Nr. 2 fis-Moll op. 2 und Nr. 3 f-Moll op. 5 sowie Arnold Schönbergs Sechs kleinen Stücken, op. 19 vor. Die ungewöhnliche Kombination verheisst vor allem im Hinblick auf die im Konzertsaal nach wie vor (zu) selten gespielten Brahms-Werke Spannung. Was sich an diesem Abend abspielt, ist ereignishaft oder wie es eine Besucherin ausdrückt: «Von einem anderen Stern».

Das Ereignis kündigt sich schon beim ersten, klangvollen Akkord in Mozarts Sonate an. Hat man diese zuvor vielleicht etwas leichtfertig als Werk für das intime Spiel im kleinen Kreis vermutet, trifft einen nun die Erkenntnis wie ein Blitz: Das ist definitiv eine Musik für die Bühne und vor einem grossen Publikum.

Verspielt ist diese Sonate nicht, spielerisch schon. Aber nicht durchgehend. In diesem Werk schlummert kleinerer und grösserer Widerstand; mal baut Mozart «Schlenker» ein, um Abwege vorzutäuschen; mal winzige Seufzer, die er aber abbremst, um sie wieder in die grosse, ariose Linie einzubetten. Kleinere Dramen gibt es ebenfalls, etwa wenn Phrasen gleichsam in sich zusammenstürzen, um im letzten Augenblick aufgefangen und in den Melodienfluss überführt zu werden.

Mitdenken ist gefragt

Ob leuchtende Tongebung, wunderbares Dialogisieren von rechter und linker Hand oder feinstes Gespür für klangliche Transparenz: man kann sich nicht satt hören an Elisabeth Leonskajas Mozart-Interpretation, die weder Übertreibungen noch Extravaganzen kennt.

Auch nicht bei den beiden sperrigen Brahms-Sonaten. Freilich elektrisieren sie, weil sie einer faszinierenden Gebirgslandschaft mit einer Kette von 8000ern gleichen. Genau wie dort gibt es auch in der Musik ein einziges Auf und Ab; Brahms‘ Welt ist zerklüftet, widerborstig und kantig. Elisabeth Leonskaja lässt diese mit einer Vitalität pulsieren, die den orchestralen Charakter der Musik zwar betont, aber nicht ins Uferlose ausweitet.

Bewegend, wie diese Pianistin sodann die langsamen Sätze gestaltet: mit einer Musikalität und Noblesse, die sich mit einem geradezu heiligen Ernst verbindet. Man hält den Atem an und denkt: das ist unfassbar. Dabei wird einem bewusst, wie sehr diese grosse Pianistin einen am Prozess einer Interpretation teilhaben lässt, die «nur» Genuss verweigert.

Mitdenken ist gefragt. Das ist anspruchsvoll, aber lohnend. Gerade bei Schönbergs sechs ultrakurzen Stücken. Jeder Klang müsse hier ins taghelle Licht gestellt werden, schrieb ein Kritiker und verwies damit auf eine fast unlösbare Aufgabe. Elisabeth Leonskaja hat nicht nur Schönbergs Klang, sondern alle anderen Klänge ins hellste Licht gerückt. Eben: wie von einem anderen Stern.