Ausgrabungen
Baden war im Mittelalter der angesagteste Badeort in Europa

Wegen einer Münze und Überresten eines Weingefässes müssen Teile der Bädergeschichte neu geschrieben werden. Die Bäder wurden entgegen bisheriger Annahmen auch in der Spätantike und im Frühmittelalter ausgebaut.

Pirmin Kramer
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Archäologen führten 2010 Grabungen vor dem Römerbad durch. Auswertungen zeigen: Im Mittelalter kam es zu einem Ausbau der Bäder. Bisher ging man für diese Zeit von einem Zerfall aus.

Archäologen führten 2010 Grabungen vor dem Römerbad durch. Auswertungen zeigen: Im Mittelalter kam es zu einem Ausbau der Bäder. Bisher ging man für diese Zeit von einem Zerfall aus.

AZ/Archiv

In den Jahren 2009 bis 2012 pickelte und grub ein Team der Kantonsarchäologie um Projektleiterin Andrea Schaer im Badener Bäderquartier. Inzwischen hat Schaer mit der Auswertung begonnen – und dabei bedeutende Erkenntnisse über die Geschichte und bauliche Entwicklung der Bäder gewonnen.

Im ersten und zweiten Jahrzehnt nach Christus wurden im Limmatknie die ersten Quellen gefasst – also wenige Jahre, nachdem die Römer in Windisch ein Legionslager errichteten. Nun haben die Kantonsarchäologen Material gefunden, das darauf schliessen lässt, dass sich in den Bädern schon im Jahrhundert zuvor «einiges tat», wie es Schaer nennt.

«Wir haben Fragmente einer Amphore, also eines Tongefässes aus Süditalien gefunden, das sich vermutlich noch ins 1. Jahrhundert vor Christus datieren lässt», erklärt Schaer. Am Limmatknie wurde also schon italienischer Wein getrunken, bevor die ersten Bäder errichtet wurden.

Nachdem die Römer in der Region offiziell die Verwaltung übernommen hatten, hingen Baden und Windisch eng zusammen. Die Heilbäder genossen bei der medizinischen Versorgung der Soldaten grosse Bedeutung und galten gleichzeitig als Heiligtümer.

Bereits Mitte des ersten Jahrhunderts hätten die Bassins dann aber neu gebaut werden müssen, weil der Baugrund unterspült worden war, fand Schaer heraus.

Ausbau statt Zerfall im Mittelalter

Eine Frage, die Historiker und Archäologen seit jeher beschäftigt: Was passierte in den Bädern, nachdem sich zu Beginn des 5. Jahrhunderts das römische Militär über die Alpen zurückzog? Bisher glaubte man, in der Spätantike und im Frühmittelalter sei es nach und nach zu einem Zerfall der Badeanlagen gekommen.

Neue Münzfunde der Kantonsarchäologen stellen diese These nun auf den Kopf. «Wir haben unter einem der ehemaligen Bassins eine Münze gefunden, die im 4. Jahrhundert geprägt wurde.» Der logische Schluss aus diesem Fund: «Das Bassin muss gebaut worden sein, nachdem die Münze geprägt worden war.

Wir gehen darum für die Spätantike (4. und 5. Jahrhundert), sowie für das Frühmittelalter (6. bis 10. Jahrhundert) von einer Kontinuität aus statt wie bisher von einem Zerfall», erklärt Schaer. «Die Bäder wurden weiter benutzt und vor allem weiterentwickelt.» Schaer vermutet konkret, dass es zu Beginn des 4. Jahrhunderts im Bereich des Staadhofs zu einem Umbau der Thermalanlage kam und die Bäder dort bis ins 19. Jahrhundert weiterentwickelt wurden.

Ziel von Schaers Forschungen ist es, ein Grundgerüst zu schaffen, um die Entwicklungsgeschichte der Bäder chronologisch erzählen zu können. Gänzlich neu ist die Erkenntnis, dass es im 11. Jahrhundert zu einem Ausbau der Bäder kam. Der Ausbau im Hochmittelalter bedeutet, dass bereits damals ein reger Badebetrieb herrschte.

Zudem begannen sich die noblen, adligen Badegäste bereits vom gemeinen Volk abzusondern: Die adligen Herren und Damen liessen sich Privatbäder bauen. Die öffentlichen Bäder auf dem Bäderplatz, dem heutigen Kurplatz, wurden zu Armen- und Volksbädern.

Zahl der Bassins stieg auf 500

In einem zweiten Schritt kam es ab dem 15. Jahrhundert zur Trennung zwischen Frauen- und Männerbädern. Seuchen wie die Pest und die Syphilis sowie neue medizinische Erkenntnisse führten dazu, dass die Gemeinschaftsbäder als potenzielle Seuchenherde verpönt waren – in der Folge wurden Einzelbäder gebaut.

Bei den archäologischen Ausgrabungen und Bauuntersuchungen konnten entsprechende Bäder dokumentiert werden. Schaer vermutet, dass die Zahl der Bäder zwischen 1800 und 1900 von rund 100 auf knapp 500 anstieg.

Während Baden im Mittelalter der angesagteste Badeort in Mitteleuropa war, konnte im 19. Jahrhundert nicht mehr die einstige Bedeutung erreicht werden. «Baden galt als ruhige und kostengünstige Alternative zu Nobelbädern wie etwa in Baden-Baden oder Wiesbaden», sagt Schaer.

Mit ein Grund dafür, dass zum Beispiel die französische Noblesse nicht mehr nach Baden kam, dürfte das begrenzte Freizeitangebot gewesen sein. «In Baden fehlte eine Spielbank – in anderen Kurorten vergnügten sich die Adligen und das vermögende Bürgertum mit Glücksspielen.»

Dutzende weitere Erkenntnisse haben die Kantonsarchäologen in Baden gewonnen. Der Abschluss und die Publikation der wissenschaftlichen Auswertung ist für 2016 beziehungsweise 2017 vorgesehen, sagt Schaer.

In der im kommenden Mai erscheinenden Badener Stadtgeschichte wird jedoch bereits ein Kapitel davon handeln. Zudem findet zum Thema «Badekultur – touristisches Erbe und kulturhistorisches Potenzial» vom 27. bis 29. November in Baden eine internationale Tagung mit Workshops und Vorträgen statt.