Baden
«Wir müssen jetzt handeln»: Die Stadtökologie lädt zur Entdeckungsreise in der Innenstadt

Wo liegen die Biodiversitäts-Hotspots in der Stadt? Und wo steht die Natur besonders unter Druck? Die Stadtökologie hat einen Parcours mit 45 Posten gestaltet, der Antworten auf diese Fragen liefert.

Rahel Künzler
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An verschiedenen Standorten in Baden verrät Stadtökologin Pascale Contesse, mit welchen Massnahmen sich die Biodiversität fördern lässt.

An verschiedenen Standorten in Baden verrät Stadtökologin Pascale Contesse, mit welchen Massnahmen sich die Biodiversität fördern lässt.

Sandra Ardizzone

Treffpunkt Tränebrünneli bei der «Kajüte» an der Limmatpromenade in Baden. Hier startet der einstündige Spaziergang mit Stadtökologin Pascale Contesse. Seit knapp einem Monat hängt an einem Pfosten beim Freiluftlokal ein grünes Schild mit einer Blüte drauf. An insgesamt 45 Standorten in der ganzen Stadt hat die Stadtökologie solche Schilder in auffälligen Farben montiert. Mit ihrem «Biodiversitäts-Parcours» möchte sie zeigen, dass Stadt und Natur nicht im Widerspruch stehen müssen – im Gegenteil. Contesse sagt:

«Städte haben eine grosse Bedeutung für die Biodiversität.»

Während im Kulturland immer mehr grosse, monotone Lebensräume das Landschaftsbild prägten, seien in der Stadt auf kleinem Raum verschiedenste Lebensräume miteinander verzahnt. Die Stadtökologin zeigt auf die Böschung hinter der «Kajüte» und erklärt: «Hier stehen Wald, offene Wiesen, Obstgarten und Hecken dicht beieinander.»

Nicht nur ökologische Hotspots, sondern auch Problemzonen

Das Schild bei der «Kajüte» verweist auf den grössten Obstbaum am Oelrainhang. Der «Herrenapfel», eine über 250 Jahre alte Hochstamm-Apfelsorte, findet hier Platz. Die Botschaft ist mit zwei Sätzen bewusst kurz gehalten. «Unser Ziel ist, Badenerinnen und Badenern im Vorbeilaufen die vielfältige Stadtnatur zu zeigen», sagt Contesse. Wer mehr wissen möchte, scannt den QR-Code und gelangt zur Übersichtskarte mit ausführlicheren Beschreibungen zu den 45 Standorten.

Die Posten sollen aber nicht nur die ökologischen Hotspots präsentieren. Sie sollen auch Zusammenhänge näherbringen und auf Herausforderungen betreffend Biodiversität hinweisen, so die Stadtökologin. Sie sagt:

«Biodiversität ist eine Daueraufgabe für uns als Stadt. Erschreckende Zahlen zum Insektensterben haben gezeigt: Wir müssen jetzt handeln.»

Ein schwarzes Schild beim Promenadenlift macht deshalb auf die Folgen der Lichtverschmutzung für am Fluss lebende Eintagsfliegen aufmerksam. Einige Meter weiter vorne zeigt ein oranges Schild, wie sich durch einen Asthaufen mit wenig Aufwand ein Lebensraum für über 1000 verschiedene Käferarten schaffen lässt.

Der Oelrainhang bei der «Kajüte» ist ein Vorzeigebeispiel für Vielfalt in der Stadt: Blumenwiese, Obstgarten und Wald stehen eng beieinander.
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Biodiversität heisst auch Sortenvielfalt: Im Hochstamm-Obstgarten bei der «Kajüte» gedeiht der selten gewordene «Herrenapfel».
Die Limmat als Lebensraum für Fische: Äsche und Bachforelle reagieren empfindlich auf wärmere Wassertemperaturen wegen dem Klimawandel.
Bitte nicht aufräumen: Dieser Asthaufen bietet über 1000 Käferarten ein Zuhause. Die Holzzersetzer sorgen dafür, dass der Boden fruchtbar bleibt.
Kunstlicht am Limmatufer stört Eintagsfliegen bei der Paarung: LED-Lampen mit wärmeren Lichtfarben ziehen die Insekten weniger stark an.
Alte Steinmauern in der Innenstadt oder auf der Schlossruine beherbergen eine Vielfalt an Pflanzen, Insekten und Reptilien.
Leben in der Vertikale: Das violett blühende Zimbelkraut ist sich wenig Wasser und grosse Temperaturschwankungen gewöhnt.
Moose nicht wegrupfen: Der grüne Samt auf dem Dach vom Restaurant Trudelhaus sorgt im Sommer für kühle, feuchte Luft.
Versiegelte Böden wie hier beim Cordulaplatz sind Leerstellen für die Biodiversität. Mit der Verdichtung nimmt der Druck auf Grünflächen zu.
Asphalt durch und durch beim Schulhausplatz: Die meist befahrene Kreuzung Badens zerschneidet Lebensräume von Tieren.
Grün statt grau: Die Fassade beim «Löschwasserbecken» (LWB) soll noch dieses Jahr bepflanzt werden.
Vertikalbegrünungen helfen nicht nur, die Stadtluft zu kühlen. Sie besitzen auch ein grosses Potential, um die Biodiversität zu fördern.

Der Oelrainhang bei der «Kajüte» ist ein Vorzeigebeispiel für Vielfalt in der Stadt: Blumenwiese, Obstgarten und Wald stehen eng beieinander.

Sandra Ardizzone

Badener Steinmauern sind besonders wichtig für die Biodiversität

Weiter geht es über die «lange Stiege» von der Kronengasse in die Obere Halde. «Mit seinen vielen Steinmauern hat Baden eine besondere Verantwortung, Ersatzlebensräume für selten gewordene Trockensteinmauern zu bieten», sagt die Stadtökologin. Sie zeigt auf ein zierliches Kraut mit hellvioletten Blüten, das senkrecht aus den Mauerspalten wächst. «Extremisten wie das Zimbelkraut fühlen sich hier wohl.»

Am dick mit Moos überwachsenen Dach vom Restaurant Trudelkeller erfreut sich Contesse schon seit Jahren. «Es zeigt, manchmal ist Nichtstun das Beste.» Sie ergänzt: «An Orten, an denen es nicht stört, sollte man der Natur ihre Dynamik lassen – auch im Garten». Die Stadt befolge diesen Ansatz bereits durch die differenzierte Pflege von Grünflächen. Häufig betretene Rasenflächen mähe der Werkhof regelmässig, wenig betretene Wiesen nur ein- bis höchstens zweimal pro Jahr. Ein Beispiel sei die Böschung im Graben.

Klimaanpassung und Biodiversitätsförderung unter einem Hut

In Zeiten der Verdichtung sei der Erhalt von Grünflächen eine besondere Herausforderung, sagt die Stadtökologin. Nun steht sie vor dem schwarzen Schild am Cordulaplatz. Verkehrswege würden nicht nur die Lebensräume von Tieren zerschneiden. Contesse sagt:

«Versiegelte Böden nehmen kein Wasser auf. An Hitzetagen können sie die Stadt deshalb nicht kühlen.»

Die Auswirkungen des Klimawandels seien oft besser spürbar als der Biodiversitätsverlust. Eine Chance, beide Herausforderungen gemeinsam anzugehen, sieht Contesse in Vertikalbegrünungen. Hier könne man sowohl den kühlenden Effekt der Pflanzen als auch die Artenvielfalt berücksichtigen. So etwa bei der Betonfassade beim Eingang des Löschwasserbeckens – ein weiterer schwarzer Posten und Endstation des Spaziergangs. Erst heute Morgen hätte sie mit der Abteilung Planung und Bau telefoniert: Die Bepflanzung beginne noch dieses Jahr.