Beim Kanton laufen die Planungen für ein Jahrhundert-Projekt. Es soll ab dem Jahr 2040 trotz weiterer Zunahme der Bevölkerungszahl und des motorisierten Individualverkehrs das Zentrum Baden entlasten.

Die beiden vom Kanton ausgewählten Varianten «Martinsbergtunnel» und «Umfahrung Baden West» (mit oder ohne Anschluss Mellingerstrasse) werden im Rahmen der «Ostaargauer Strassenentwicklung» («Oase») nun weiterverfolgt. Sie sollen die Stadt mit zentrumsnahen Umfahrungen vom Durchgangsverkehr befreien und gleichzeitig den Ziel- und Quellverkehr von und nach Baden regulieren.

Der motorisierte Individualverkehr im Jahr 2040 pro Tag

Der motorisierte Individualverkehr im Jahr 2040 pro Tag: Der Verkehr nach und von Baden, genannt Ziel- und Quellverkehr (dunkelgrau), ist mehr als zweimal grösser als der Durchgangsverkehr (violett), im Limmattal gar dreimal grösser. Departement Bau Verkehr und Umwelt

Schliessung der Hochbrücke

Augenfälligste Massnahme bei allen Varianten ist die Schliessung der Hochbrücke für den motorisierten Individualverkehr. Die Hochbrücke soll dem öffentlichen Verkehr und dem sogenannten Langsamverkehr (Fussgänger und Velos) dienen.

Sie würde für eine allfällige Verlängerung der Limmattalbahn nach Baden und als Trassee reserviert. Limmataufwärts, im Gebiet Schlachthof, plant man den Bau einer neuen Limmatbrücke. Fuss- und Radverkehr sollen gefördert und der öffentliche Verkehr auf der Strasse noch konsequenter gestärkt werden, lautet das Ziel.

Die Grobkostenrechnung führt für die Variante «Umfahrung Baden West» rund 440 Millionen Franken auf, für die Variante Martinsbergtunnel 545 Millionen. Sowohl Baldegg- wie Petersbergtunnel würden einiges teurer zu stehen kommen.

Welches wäre die beste Variante für Baden? Auf die Schnelle sei eine Antwort auf diese Frage schwierig, sagt Stadtammann Geri Müller (Grüne/Team). Spannend findet er die Idee, dass der Hauptverkehrsstrang zwischen Baden und Wettingen – die Hochbrücke – künftig dem öffentlichen Verkehr und dem Langsamverkehr zur Verfügung stehen könnte.

«Die Erreichbarkeit ist ein wichtiges Gut»: Regierungsrat Attiger über die Grundgedanken hinter dem Verkehrsprojekt «Oase».

«Die Erreichbarkeit ist ein wichtiges Gut»: Regierungsrat Attiger über die Grundgedanken hinter dem Verkehrsprojekt «Oase».

Der Wettinger Gemeindeammann Markus Dieth (CVP) antwortet auf dieselbe Frage, die beiden Varianten seien «die Richtigen». Denn sie zielten auf eine Verbesserung der Mobilität im Raum Baden-Wettingen ab. Entscheidend sei dabei nicht Geschwindigkeit, sondern Zuverlässigkeit. Dazu sagte er kürzlich wörtlich: «Für Verkehrsteilnehmer ist nicht zentral, ob sie fünf Minuten schneller sind.

Sie wollen Sicherheit, wann sie ankommen. Die haben sie erst, wenn man den Durchgangsverkehr rausnimmt.» Welche Auswirkungen hätte für Wettingen der Bau einer Limmatbrücke sowie die Sperrung der Hochbrücke für den motorisierten Individualverkehr? Dieth: «Ob eine solche Variante im Endausbau je überhaupt machbar wäre, werden jetzt verschiedene Vertiefungsstudien zeigen.»

«Raum schaffen für den Fuss- und Radverkehr»: Carlo Degelo, Leiter Sektion Verkehrsplanung beim Kanton.

«Raum schaffen für den Fuss- und Radverkehr»: Carlo Degelo, Leiter Sektion Verkehrsplanung beim Kanton.

Die Erreichbarkeit über eine zusätzlich neue Limmatquerung würde auch wieder Kosten verursachen. «Wichtig ist für uns, dass die bisherigen Planungen weiter vorangetrieben werden – dazu gehört, den Hochbrückenkopf Ost zu entlasten sowie eine Mehrbelastung der Schartenstrasse und der Quartierstrassen zu verhindern.»

Widerstand in Obersiggenthal?

Auswirkungen hätten beide Varianten auf die Gemeinde Obersiggenthal, da die Tunnels direkt an die Siggenthalerbrücke anschliessen würden. Der Gemeinderat um Ammann Dieter Martin (FDP) hat sich noch nicht beraten und will die Vorschläge noch nicht kommentieren.

Die SP Obersiggenthal hingegen kritisiert, die 8600-Einwohner-Gemeinde leide bereits heute unter dem Durchgangsverkehr von täglich 20 000 Fahrzeugen und sei nicht bereit, weitere 7 000 Fahrzeuge zu schlucken.

«Zuverlässiger, nicht schneller», Felix Binder, Präsident Planungsverband Zurzibiet, spricht für seine Region.

«Zuverlässiger, nicht schneller», Felix Binder, Präsident Planungsverband Zurzibiet, spricht für seine Region.

Beim Martinsbergtunnel handle es sich um eine Planungsleiche aus den 1960er-Jahren, die der Kanton jetzt wieder aufs Tapet bringe. «Wir erwarten vom Gemeinderat, dass er sich gegen diese unsinnigen und teuren Strassenprojekte wehrt.»

Die Grünen Aargau loben: Die vorgestellten Varianten seien bereits um Welten besser als der «zurecht versenkte» Baldeggtunnel. «Dass der Kanton weitsichtig plant, die Hochbrücke in ferner Zukunft für die Limmattalbahn vorsieht und vom motorisierten Individualverkehr befreien will, zeugt davon, dass sich in den Köpfen etwas bewegt hat.»

Der Badener Grünen-Nationalrat Jonas Fricker ist weniger euphorisch: Er verlange Taten statt Worte, konkret eine aktive Förderung des Fussverkehrs durch den Kanton, finanziert aus der Strassenkasse. Ausserdem sollten Veloschnellrouten in den Richtplan aufgenommen werden.

Die verschiedenen Varianten:

Die Variante «Baden West mit Anschluss Mellingerstrasse»

Die Variante «Baden West mit Anschluss Mellingerstrasse» führt nach der Siggenthalerbrücke in den Martinsberg, passiert den Anschluss Mellingerstrasse, geht dann durch den Kreuzliberg und über die neue Limmatbrücke zur Seminarstrasse. Die Entlastung wird durch den Anschluss erhöht. Die Verkehrswirksamkeit ist sehr gut.

Die Variante «Baden West ohne Anschluss Mellingerstrasse»

Die Variante «Baden West ohne Anschluss Mellingerstrasse» führt nach der Siggenthalerbrücke in den Martinsberg und durch einen Tunnel auch unter dem Kreuzliberg durch und danach stadtauswärts über die neue Limmatbrücke zur Seminarstrasse. Die Wirksamkeit auf den Verkehr wird als gut bezeichnet.

Die Variante «Martinsbergtunnel»

Die Variante «Martinsbergtunnel»führt nach der Siggenthalerbrücke durch einen Tunnel direkt zum Autobahnanschluss bis nach Dättwil. Die Zielerreichung der Wirkung auf den Verkehr wird als gut bezeichnet, ist aber weniger gut wie bei den Varianten «Baden West». Problematik ist die überlastete Autobahn.