Baden
«Zwischen Lust und Gewalt»: Eine Ausstellung legt den Finger auf das Thema sexuelle Belästigung

Neun Jugendliche aus dem Raum Baden haben sich intensiv mit dem Thema «Sexuelle Belästigung» beschäftigt – ihre Gefühle, Meinungen und Erfahrungen auf kreative Weise verarbeitet. Das Resultat: ein multimedialer Rundgang mit Videos, Gedichten und einer Umfrage.

Rahel Künzler
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Sie sprechen offen über ein Tabuthema: V.l.n.r. Piera Busetto, Lorena Lou Messmer, Joana Hirt und Fabia Streiff.

Sie sprechen offen über ein Tabuthema: V.l.n.r. Piera Busetto, Lorena Lou Messmer, Joana Hirt und Fabia Streiff.

Rahel Künzler

Erst letzte Woche bekamen sie das Maturzeugnis in die Hand gedrückt. Die grosse Party nach der offiziellen Feier lag für Piera Busetto, Lorena Lou Messmer, Joana Hirt und Fabia Streiff aber nicht drin. Schon früh am Morgen haben sich die vier Schülerinnen der Kantonsschule Wettingen tags darauf in der Badener Altstadt getroffen. Sie klebten Plakate auf Stellwände in den Einkaufsstrassen, montierten Bildschirme und Lautsprecher in Hauswinkeln, hängten bunt bemalte Kleider zwischen die Bäume auf dem Rondell vor dem Manor. Dies alles für ein Thema, das ihnen am Herzen liegt: sexuelle Belästigung.

Entstanden ist eine kreative Ausstellung, in der sie und fünf weitere Jugendliche aus der Region Baden ihren Gefühlen, Meinungen und Wünschen Ausdruck geben. Noch bis heute Freitag können Interessierte den Rundgang mit zehn Posten in der Innenstadt begehen. Einer davon befindet sich in der St. Niklausstiege und ist der Treffpunkt für dieses Gespräch. Gemeinsam mit ihren drei Schulkolleginnen an einem Gartentisch sitzend, sagt Fabia Streiff:

«Am meisten stört mich, dass es so normal ist.»

Die 19-Jährige erklärt: «Wenn ich mit dem Velo am Abend durch die Weite Gasse fahre und ich spüre, wie sich jemand nach mir umdreht, mir nachpfeift oder ‹oh-la-la› ruft.» Es passiere so oft, dass es schon fast dazugehöre. Eine solche Situation haben die Jugendlichen in der engen Gasse hinter dem Stadtturm für die Ausstellung nachgestellt. Ein Bewegungsmelder registriert eine vorbeigehende Person, dann ertönt mit kurzer Verzögerung das typische Pfeifgeräusch.

Viele kreative Ideen sind in der Gruppe entstanden

Einige Meter weiter hängen leuchtend grüne Stoffbanner zwischen den Altstadthäusern. Sie sind bedruckt mit Gedichten von Lorena Messmer. «Zwischen Begierde und Besitz» / «Zwischen Lust und Gewalt» / «Zwischen Erregung und Verunsicherung»: So lauten drei Zeilen. Messer sagt:

«Mit meinen Texten möchte ich zeigen, dass sich Grenzen in sozialen Beziehungen verschieben können.»

Wenn sie jemanden im Ausgang kennen lerne, könne es vorkommen, dass ihr Annäherungsversuche des Gegenübers erst angenehm, dann aber plötzlich unangenehm würden. Den Moment, in dem die Gefühle kippen, habe sie versucht, in Worte zu fassen.

Den Anstoss fürs Projekt gab Messmers Tante Simona Hofmann, die Leiterin des Badener Kindertheaters Lampenfieber. Sie erhielt Geld aus einem Swisslos-Fonds, um mit Jugendlichen eine öffentliche Ausstellung zu gestalten. Nachdem im September 2020 eine Gruppe aus acht Schülerinnen der Kantonsschule Wettingen und einem Schüler der Kantonsschule Baden gefunden war, habe Hofmann die kreative Umsetzung bewusst an die jüngere Generation übergeben, so Messmer.

Gruppenarbeit hat persönliche Haltung gestärkt

Aus anfangs losen Ideen ist innert zehn Monaten eine multimediale Ausstellung entstanden, die sich auf verschiedenste Weise mit sexueller Belästigung befasst. Nebst dem physischen Rundgang sind alle Inhalte auch in virtueller Form auf einer Website zu finden. Klar sei es schön, nach Wochen intensiver Arbeit das Endprodukt zu präsentieren, sagt Joana Hirt. «Viel wichtiger ist für mich aber der Prozess dahinter.»

Einige Eindrücke der Live-Performance auf Instagram:

Die besten Ideen seien zusammen in der Gruppe entstanden. So etwa die einer Tanzperformance, in der sich die Jugendliche mit Farbe bemalen und dadurch Berührungen sichtbar machen. Der persönliche Austausch in der Gruppe habe sie in ihrer Haltung zu sexueller Belästigung gestärkt. Die 19-Jährige sagt: «Ich achte jetzt bewusster darauf im Ausgang und schreite ein, wenn ich an eine kritische Situation heranlaufe.»

Viele persönliche Erfahrungen in Umfrage erzählt

Wie wichtig es sei, über persönliche Erfahrungen und Gefühle zu reden, habe eine Umfrage gezeigt, sagt Piera Busetto. 747 junge Erwachsene aus Baden haben daran teilgenommen. Nebst Antworten zu Anzahl der gemachten Erfahrungen und Art der sexuellen Belästigung seien viele persönliche, teils schreckliche Geschichten eingegangen. Einige Teilnehmer schrieben: «Danke, dass ihr mir die Möglichkeit gebt, hier darüber zu reden.»

Die Umfrageresultate auf einem Plakat in der Unterführung der Textilreinigung Jet, direkt neben dem Bahnhof Baden.

Die Umfrageresultate auf einem Plakat in der Unterführung der Textilreinigung Jet, direkt neben dem Bahnhof Baden.

Rahel Künzler

Dies sei auch die häufigste Rückmeldung von Besucherinnen und Besuchern auf dem Rundgang. Zu sehen, wie viele Jugendliche persönliche Erfahrungen mit sexueller Belästigung mitbringen, habe vieles in ihr ausgelöst, sagt Busetto.

«Wenn ich früher in einer Situation ein ungutes Gefühl hatte, habe ich mich gefragt: Bin das nur ich, die das so empfindet?»

Jetzt sage sie schneller «Nein, das ist nicht ok» oder wehre sich. Dem pflichtet Messmer zu. Für die Zukunft wünscht sie sich, dass dieses «ungute Gefühl» nicht mehr aufkommt – weil man die Grenzen des Gegenübers respektiert und den Konsens als selbstverständlich ansieht. Die Ausstellung: ein kleiner Stoss in diese Richtung.