Montagsporträt

Badener Apothekerin: «Auch ein Nuggi kann ein Notfall sein»

Im Montagsporträt: Für die Badenerin Barbara Göring, Apothekerin aus Leidenschaft, müsste der Tag 25 Stunden haben.

Apothekerin Barbara Göring steht in der Rezeptur der Apotheke Wyss, die durch eine Glasscheibe öffentlich einsehbar ist. Sie hat sich sterile Handschuhe übergestreift und gibt streng nach Vorgaben mit zwei Spateln die Ingredienzien für eine Hydrocortisoncrème in ein Gefäss. Die Salbe wird noch am gleichen Tag einem Kunden geliefert, der unter unerträglichem Juckreiz leidet. Pflanzliche Produkte wie Teemischungen werden aus hygienischen Gründen eine Etage weiter unten in einem separaten Raum hergestellt. Dort arbeitet Göring besonders gern. Botanik fasziniert die 55-Jährige. «Kürzlich hat eine Kundin nach der Kräuterhexe gefragt und meinte damit mich», erzählt sie schmunzelnd.

Mit ihren streng zurückgebundenen Haaren und der feinrandigen Brille strahlt Barbara Göring etwas Lehrerinnenhaftes aus. Der Schein trügt nicht. Im Zentrum Bildung in Baden unterrichtet sie seit 20 Jahren angehende Pharmaassistentinnen in Berufskunde. Sie sei streng, aber auch gütig, behaupten ihre Schülerinnen.

Neugierde als wichtigste Antriebsfeder

Seit 1995 ist die Apotheke vis-à-vis vom Bahnhof Baden ihr Arbeitsort. Angestellt wurde sie noch vom kürzlich verstorbenen Wolfgang Wyss, dessen Söhne Roland und Philipp heute den Betrieb leiten. «Er war ein Ehrenmann», sagt Göring, «ich hatte jahrelang einen mündlichen Vertrag per Handschlag und konnte mich zu 100 Prozent auf sein Wort verlassen.» Sie schwärmt vom familiären Ambiente. Teamwork ist ihr wichtig. «Ich brauche Menschen um mich herum. Alleinsein empfinde ich als absoluten Horror», gesteht die gebürtige Zugerin, die einen Grossteil ihrer Kindheit mit zwei jüngeren Brüdern im aargauischen Muri verbrachte.

Neugierde ist für Barbara Göring die wichtigste Antriebsfeder in ihrem Leben. Sie will den Dingen immer auf den Grund gehen. «Um all meine Interessen zu befriedigen, müsste ich mindestens 100 Jahre alt werden», bekundet sie lachend. Im Teenageralter trug sie meistens Latzhosen und einen Badge, auf dem stand: «Lieber ein Universaldilettant als ein Fachidiot». Das Pharmaziestudium wählte sie, weil es extrem breit gefächert ist. Dilettantismus kann man ihr nicht vorwerfen. Göring, die mit einem deutschen Physiker verheiratet ist, stellt nicht nur hohe Ansprüche an die Jugendlichen, die sie ausbildet; sondern auch an sich selbst. Sie spricht mehrere Sprachen und ist dank ständiger Weiterbildung fast schon eine wandelnde Enzyklopädie, was Arzneimittel angeht. Und findet ständig: «Das will ich noch besser machen.»

Sie berät Menschen mit schweren Erkrankungen oder Süchten. Aber auch ein Nuggi kann zum Notfall werden, wenn er dem schreienden Baby fehlt. «Wir Apothekerinnen und Apotheker können viele Gesundheitsprobleme lösen, stossen aber manchmal auch an Grenzen», meint Göring, «besonders dann, wenn jemand meint, dass sämtliche Probleme mit ein paar Pillen aus der Welt geschafft werden können.» Beim Gespräch im nahen Café wird Barbara Göring ständig angesprochen. Sie wechselt stets ein paar Worte und fragt einfühlsam nach dem Befinden. Als Apothekerin ist sie wie ein Arzt an die Schweigepflicht gebunden. Denn viele der Kundinnen und Kunden, mit denen sie auf der Strasse ein unverfängliches Schwätzchen hält, haben eine schwere Krankheitsgeschichte, die sie genau kennt.

Wenn sie fürs Nachtessen einkauft, kann es schon mal sein, dass ihr jemand schnell noch sein Rezept in die Hand drückt. Das stört sie überhaupt nicht. Im Gegenteil: «Wenn ich jemandem helfen kann, gibt mir das Energie.» Lebt sie mit ihren profunden Kenntnissen der Pharmakologie besonders gesund? «Nicht extrem. Ich rauche nicht und erlaube mir keine Alkoholexzesse. Aber ich könnte ein paar Kilo weniger vertragen. Und leide zudem unter Migräneattacken.» Auch eine Apothekerin, die Zugang zu einem ganzen Arsenal von Medikamenten hätte, ist nicht vor Krankheiten gefeit.

Ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn

Nebenberuflich engagiert sich Barbara Göring im Vorstand des Vereins K-Treff, der vor zwei Jahren von Battal Kalan im Kappelerhof gegründet wurde. Das dortige Asylzentrum im ehemaligen Hotel LaCappella ist zwar seit April 2019 geschlossen, der K-Treff besteht jedoch weiter. Mit einem Heer von anderen Freiwilligen gibt Göring Menschen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, Deutschkurse, hilft beim Papierkrieg mit Behörden, Wohnungssuche und anderen Integrationsmassnahmen.

Besonders glücklich ist sie, dass es seit diesem Monat auch einen Frauentreff gibt. Sich für Menschen in schwierigen Lebenssituationen starkzumachen, ist für sie als Person mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn ein Grundbedürfnis. «Dafür kann ich auch zur Kämpferin werden.»

Barbara Göring ist auch Mitglied der Trachtengruppe Baden und des Fördervereins Kehl, der Altersheimbesuche und Spaziergänge mit Senioren organisiert. Sie näht, kocht und bäckt gern. Und würde noch auf vielen anderen Hochzeiten tanzen, wenn ihr Mann sie als ruhender Pol nicht ab und zu etwas bremsen würde. Eines ihrer Lieblingszitate stammt von Automobilhersteller Henry Ford: «Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.»

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