Die Sendung «Literaturclub» von SRF sorgt wieder mal für Schlagzeilen. Und erneut ist die deutsche Literaturkritikerin Elke Heidenreich Auslöser der Debatte. Zur Erinnerung: Im Frühling 2014 hatte ein Disput zwischen ihr und dem damaligen Moderator Stefan Zweifel zur Folge, dass dieser den Hut nehmen musste.

Stefan Zweifel und Elke Heidenreich im Streit um das Heidegger-Zitat (SRF «Literaturclub» vom 22.04.2014)

Stefan Zweifel und Elke Heidenreich im Streit um das Heidegger-Zitat (SRF «Literaturclub» vom 22.04.2014)

In der letzten Sendung schlugen die Wogen wieder hoch, als Heidenreich das Buch «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» der Schweizer Schriftstellerin Michelle Steinbeck als «grauenhaft», «entsetzlich» und als «Albtraum» beschrieb. Das Buch sei unehrlich, verlogen, konstruiert. Und wenn das ernst gemeint sei, dann habe die Autorin eine ernsthafte Störung.

Elke Heidenreichs Kritik über das Buch «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» im Literaturclub

Elke Heidenreichs Kritik über das Buch «Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch» im Literaturclub

Wohl nicht wenigen «Literaturclub»-Zuschauern stockte ob dieser Worte der Atem. Auch die Badener Buchhändlerin Susanne Jäggi, Inhaberin der Buchhandlung Librium, sei richtig erschrocken, wie sie diese Woche gegenüber dem Branchenportal «Kleinreport» zu Protokoll gab.

«Die Äusserungen von Heidenreich waren ganz übel, unsachlich und unprofessionell», so Jäggi, die Anfang dieses Jahres in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen wurde – als erst vierte Schweizerin. Zwar habe Diskussionsteilnehmer Thomas Strässle versucht, die deutsche Schriftstellerin zu stoppen. «Doch eine Elke Heidenreich ist nicht zu bremsen», so Jäggi.

Doch nicht nur die Tonalität hat Jäggi gestört, auch inhaltlich ist sie mit dem Verdikt Heidenreichs, das Buch sei zu düster, nicht einverstanden. «Das ist mir nicht aufgefallen und ich habe das Buch zweimal gelesen. Klar ist es kein einfaches Buch, aber mir gefällt ihre musikalische Sprache sehr. Das Buch sei nicht umsonst auf der Longlist des Deutschen Buchpreises», sagt Jäggi dem «Kleinreport».

Kritikerin Elke Heidenreich sieht sich zurzeit selber harscher Kritik ausgesetzt.

Kritikerin Elke Heidenreich sieht sich zurzeit selber harscher Kritik ausgesetzt.

Doch ist es unter dem Strich nicht auch positiv, wenn Literatur(-kritik) in aller Munde ist und sich eine breite Öffentlichkeit für das Thema interessiert? Gegenüber der «Schweiz am Sonntag» sagt Jäggi: «Natürlich ist es für den Buchhandel gut, wenn Literatur und auch Sendungen wie der ‹Literaturclub› in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert werden.»

Auch begrüsse sie es grundsätzlich, wenn über Literatur kontrovers diskutiert werde. «Dabei kann man auch einmal übers Ziel schiessen. Aber man soll in der Sendung Bücher besprechen und nicht Menschen analysieren geschweige denn diffamieren.»

Sie sei jahrelang ein grosser Fan von Elke Heidenreich gewesen. «Doch schon nach der mehr als fragwürdigen Absetzung von Stefan Zweifel ist meine Begeisterung für sie merklich abgekühlt», so Jäggi gegenüber «Kleinreport».

Sie erhalte auch von ihren Kundinnen und Kunden immer wieder Feedback auf die Sendungen und auch auf das Benehmen von Heidenreich. «Viele schauen den ‹Literaturclub› schon gar nicht mehr, weil sie wissen, dass Elke Heidenreich allen ins Wort fällt und auch sonst überkritisch ist.» Das funktioniere vielleicht in Deutschland, in der Schweiz komme das aber nicht gut an, ist Jäggi überzeugt.

SRF hält an Heidenreich fest

Jäggi steht mit ihrer Kritik nicht alleine da. So schrieb Guido Kalberer, Kulturchef beim «Tages-Anzeiger»: «Elke Heidenreich wird zur Hypothek für das SRF.» Heidenreich verwechsle Kategorien, schliesse vom Werk auf das Leben und würde unliebsame Literatur pathologisieren.

Auch Manfred Papst, Literaturkritiker der «NZZ am Sonntag», fand in der letzten Ausgabe deutliche Worte: «Allein schon dieser Fauxpas hätte eine rote Karte verdient.» Das Schweizer Fernsehen habe als öffentlich-rechtlicher Sender die Pflicht, für die Einhaltung elementarer Regeln in der Diskussion zu sorgen. Heidenreich sei «eine unbelehrbare Wiederholungstäterin», so Papsts Verdikt.

Und wie reagiert das SRF auf diese Kritik? Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» sagte Judith Hardegger, die Sendeverantwortliche von SRF: «Es gehört doch zu einer Diskussion, dass jeder und jede seine Meinung frei äussern darf.» Die anderen Teilnehmer hätten sofort Widerspruch eingelegt und betont, dass man Literatur nicht mit pathologischen Kriterien beschreiben könne. «Für uns ist Elke Heidenreich damit nicht untragbar geworden.»