Baden

Badener Filmemacher will sich nicht mehr prostituieren

Der Badener Filmemacher Roberto Quarella hat für das Schweizer Fernsehen, den Fernsehsender Tele M1 und für Endemol, den grössten Filmproduzenten der Welt, gearbeitet. Jetzt ist er pleite - und malt sein eigenes Geld.

Er steht mit dem Rücken zur Wand. «Genauso wie meine Kunstwerke», sagt Roberto Quarella und greift zum Pinsel. Der Badener Filmemacher ist pleite. Alles, was ihm bleibt, ist ein Geschmier auf Papier. In der Galerie Unikat malt er Bilder, fotografiert sie für seinen Facebook-Account und stellt sie anschliessend im Schaufenster aus.

Arbeitslosengeld bezieht er keines. Er will sich selber retten, oder zumindest über Wasser halten. Deshalb druckt er jetzt sein eigenes Geld. «‹Echte Quarellas› heisst meine Währung», sagt er über seine Bilder. Dann lässt er dem Pinsel in seiner Hand auf dem 7425 Quadratzentimeter grossen Einpackpapier freien Lauf. «Das sieht doch gut aus», meint er, als er mit seinem kreativen Erguss fertig ist. Papier sei dreidimensional, mehr als jeder Film.

Mit Filmen hat er Erfahrung. Durch seinen Film Stieregrind – eine Sommerlektüre, die ihn seinen Job als Oberstufenlehrer gekostet hatte – kam der Luzerner vor 14 Jahren nach Baden. Kurze Zeit später arbeitete er zuerst als Video-Journalist für den TV-Sender Tele M1 und dann für «Endemol», den zweitgrössten Fernsehproduzenten der Welt.

Nach dem Terror-Anschlag in den USA 9/11 wollte er aber kein Journalist mehr sein. «Ich konnte mich nicht mehr damit identifizieren. Du kannst der Realität hinterherrennen so lange du willst, fassen wirst du sie trotzdem nie können.» Journalismus sei im besten Fall ein Fingerabdruck des Journalisten. «Neutralität gibt es nicht. Ich kann beim Malen noch so neutral sein, jeder sieht in meinen Bildern wieder etwas anderes.» Genauso verhalte es sich mit journalistischen Texten.

Er wollte grosses Kino

Mit den News war es dann zwar vorbei, doch nicht mit den Medien: Quarella fasste Aufträge beim Schweizer Fernsehen und drehte fünf Jahre lang Beiträge für die Sendung Gesundheit Sprechstunde. Das Endprodukt war ihm technisch nicht gut genug. Er wollte grosses Kino, kaufte sich eine digitale Kinokamera und gründete die Firma Roq-Film.

Es folgten zwar diverse Auftragsfilme, doch meistens drückten ihm die Auftraggeber irgendwelche Vorgaben aufs Auge, die ihm sein Schaffen als freier Künstler schwierig machten. «Einmal verpfuschte mir ein billiger Fernsehproduzent meine künstlerische Vision und machte aus meiner Verfilmung eines Garten Eden einen Züspa-Gartenfilm.»

Das brachte ihn zur Verzweiflung. «Ich lasse mir nicht gerne reinreden und genau daran bin ich gescheitert. Ich habe als Dienstleister versagt», sagt er gleichgültig. Denn, Quarella will sich nicht mehr – wie er es ausdrückt – für seine Auftraggeber prostituieren. «Ich will aus allem einen echten Quarella machen. Und hier ist ein echter Quarella. Die Kosten bestimmt der Käufer selbst», sagt er, während er ein weiteres Bild zum Trocknen in der Galerie Unikat aufhängt. 300 Stück hat er bis anhin gemalt, 30 davon sind bereits verkauft. «Hier bin ich frei und muss keine Rücksicht auf einen Auftraggeber nehmen.»

Keine bösen Hintergedanken

Von einer Verarschung der Kunst will der 39-Jährige nichts wissen. «Man könnte jeden japanischen Kalligrafen als Verarschung der Kunst bezeichnen. Die zeichnen auch nur Striche auf ein Blatt.» Er habe keine solchen bösen Hintergedanken. «Ich überlege mir nicht einmal, was ich male.» Sein Ziel ist es, ziellos zu sein, kein Motiv zu haben. «Zielsetzungen haben mich kaputtgemacht.»

Dass die meisten Menschen irgendwelchen Zielen hinterher rennen, erachtet er als Massenhysterie. «Ich mache diesen Wahnsinn nicht mit.» Er hat eine andere Strategie – nichts erzwingen, die Dinge laufen lassen. Und damit fährt er gut: «Seit ich mich nicht mehr hintersinne, werden mir die Dinge im Leben von alleine zugespielt.»

So hat er alles, was er in der Galerie besitzt, geschenkt bekommen; Farben, Pinsel, Packpapier. Und erst kürzlich ist der Filmemacher Luis Ventura – «er hat ‹A confident man› gedreht» – auf ihn zugekommen. Im Mai wird Quarella «Finding Brooklin», ein Film über Baden, mit Ventura drehen. «Ventura führt Regie, ich bin hinter der Kamera.» Dabei soll im Kurpark neben dem Kasino ein temporäres Filmdorf entstehen. «Es ist kein Auftragsfilm, Ventura und ich machen alles in Eigenregie», erklärt Quarella, der mit seiner Kamera für ein Making-of auch hinter die Kulissen schauen wird.

Mit dem Film strebt Ventura den internationalen Markt an. «Er wird auf Englisch gedreht und auf Deutsch synchronisiert.» Über das Manuskript schweigt Quarella derweil. «Der Film wird die Stadt zeigen, wie sie wirklich ist.» Baden sei immer schon eine Stadt des Vergnügens gewesen – «früher kamen die Zürcher nach Baden, um ins Bordell zu gehen. Baden ist ‹bad›», sagt er und lacht.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1