Baden-Wettingen
Badener Martin Siedler ist der Sanfte hinter dem Bundesrat

Der Badener Martin Siedler ist der Schatten von Ueli Maurer und jüngster Bundesratsweibel aller Zeiten.

Elia Diehl
Merken
Drucken
Teilen
Vom Petersplatz in Rom auf den Bundeshausplatz in Bern: Ex-Gardist Martin Siedler zieht als Bundesratsweibel für Ueli Maurer die Fäden im Hintergrund.

Vom Petersplatz in Rom auf den Bundeshausplatz in Bern: Ex-Gardist Martin Siedler zieht als Bundesratsweibel für Ueli Maurer die Fäden im Hintergrund.

Jiri Reiner

Er ist der Mann im Hintergrund – und doch fällt Martin Siedler auf. Nicht bloss wegen der edlen, mit goldfarbenen Abzeichen verzierten grünen Uniform. Vielmehr ist es die unaufdringliche Art, wie der Badener geht, spricht und blickt: geschmeidig und sanft. Ungekünstelt.

Der Mann steht an die Tischkante gelehnt in seinem Büro in Bern. An der Wand eine grosse Schweizer Fahne, eine kleinere auf dem ordentlichen Pult. Daneben liegt etwas, das wie ein Schwert aus den Star-Wars-Filmen aussieht. «Die Original-Fackel von den Olympischen Winterspielen in Sotschi», klärt Martin Siedler auf. «Der Chef» habe sie geschenkt bekommen und er soll sie nun in dessen Büro aufhängen lassen. Es ist nebenan hinter zwei direkt aufeinanderfolgenden Türen und gehört Bundesrat Ueli Maurer.

Von Baden über Rom nach Bern

Martin Siedler ist Bundesratsweibel, der jüngste der Geschichte. Als er vor knapp zwei Jahren den Job antrat, war der gelernte Sport-Detailhändler erst 24 Jahre alt. «So etwas lässt sich nicht planen», sagt der bundesrätliche Planer. Sein Weg führte ihn zuerst via Armee nach Rom. Drei Jahre war er in der Schweizer Garde im Vatikan, den er in der Silvesternacht 2012 verliess. Als letzter Gardist durfte er zur Abschiedsaudienz mit Papst Benedikt. «Diese fünf Minuten in der Basilika waren ein magischer Moment», erinnert sich der gläubige Katholik.

Schon sein Vorgänger hatte im Vatikan gedient und so liess ein zufriedener Ueli Maurer in Rom nach geeigneten Kandidaten fragen. «Ich wurde ins Büro des Kommandanten zitiert», erzählt Siedler lachend, «ich dachte: Was habe ich bloss falsch gemacht?» Der Kommandant riet Siedler, der bereits seinen Abschied in Rom beschlossen hatte, sich zu bewerben. In einem der Bewerbungsgespräche mit der Personalabteilung stand dann plötzlich Ueli Maurer vor ihm. «Er begrüsste mich, bot mir einen Sitzplatz und Kaffee an.» Und schon war Siedler der neue Weibel. Es ist die unkomplizierte Art des Bundesrates, die Siedler heute zu schätzen weiss, damals habe es ihn aber fast etwas eingeschüchtert.

Den rot-weissen Talar trägt Martin Siedler nur zu speziellen Anlässen.

Den rot-weissen Talar trägt Martin Siedler nur zu speziellen Anlässen.

Jiri Reiner

Planer und Visitenkarte

Über Bundesrat Maurer spricht Martin Siedler ansonsten nicht. Verschwiegenheit und Loyalität, das brauche es in Rom wie in Bern. Nicht die einzige Parallele für den Ex-Gardisten. «Beide sind eine Art politischer Mikrokosmos, und darin ähnliche Charakterköpfe.»

An beiden Orten sprang Martin Siedler ins kalte Wasser. In Rom begann er mit einigen Brocken Italienisch, in Bern ohne das politische Umfeld genau zu kennen. Doch was macht ein Bundesratsweibel eigentlich? Und kann man es lernen? «Schwierig zu beantworten», sagt Siedler, der derzeit noch eine Ausbildung zum Direktionsassistenten macht. Seine Aufgabe sei es, mit minutiöser Planung und Organisation dem Chef den Rücken frei zu halten. Aber jeder Bundesrat sei anders, wirklich erlernen könne man den Beruf also nicht. «Empathie und das Menschengespür ist das A und O», fügt der 26-Jährige an, nicht nur beim Chef. Denn die repräsentative Funktion unterscheide den Weibel letztlich vom Assistenten. «Ich bin ein Stück weit auch die Visitenkarte.» Wenn er Attachés und Gäste im Büro empfängt, dann trägt er die grüne Uniform. «Den Talar hingegen», sagt Siedler und streicht sanft über das rot-weisse Gewand, «trage ich nur an hohen und festlichen Anlässen.»

Martin Siedlers Arbeitstag beginnt in der Regel um 6.15 Uhr und ist häufig open end. «Wir sind beide Frühaufsteher.» Die Disziplin habe er in Rom gelernt. Zum «Durchlüften» zieht es Siedler in den Boxkeller oder auch mal nachts zum Laufen an die Aare. Wochenende verbringt er oft im Aargau und mit seiner Freundin, die in Bern studiert. Ansonsten versuche er, die Freizeit mit der Arbeit zu kombinieren. So begleite er «den Chef» gerne privat zu Arena-Auftritten. «Ich bin eigentlich ein sehr politischer Mensch», sagt Siedler. In seiner Funktion versuche er neutral zu bleiben, auch in der Freizeit. Denn oft wollten Leute gerade wegen seines Berufes mit ihm über Politik reden. Dass er häufig an Seite von Bundesrat Maurer gesehen werde, mache ihn nicht zum SVP-Zögling.

Das Verhältnis zum Chef beschränke sich vor allem auf die Arbeit. «Auch ein Bundesrat hat ein Recht auf Privatsphäre», sagt der Weibel. «Zudem bin nicht sein Unterhalter.» Er sei auch froh, dass sein Chef nicht überall hin begleitet werden möchte. Das schütze auch sein Privatleben, fügt er an. «Letztlich muss der Chef das Gefühl haben, dass es mich gar nicht braucht, da alles funktioniert.»

Wie lange Martin Siedler den Job machen wird, ist offen, insbesondere für die Familienplanung möchte er sich aber irgendwann neu orientieren. Eine Idee hat der 26-Jährige bereits – wieder ist es ein stiller Beruf im Hintergrund. «Ein grosses Hobby ist die Kriminologie, ich lese viel über Polizeiarbeit.»