Baden
Badener Mörder war verwahrt: Jetzt könnte er in zwei Jahren wieder frei kommen

Guido B. ermordete 1994 auf dem Badener Theaterplatz einen 46-jährigen Portugiesen. 19 Jahre nach dem Tötungsdelikt steht er zum dritten Mal vor Gericht. Es geht um eine Verwahrung. Doch das Gericht will den Mörder in zwei Jahren bedingt entlassen.

Rosmarie Mehlin
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Lebenslänglich hinter Gitter? Mörder Guido B. darf hie und da zu seinem Mami nach Hause (Symbolbild)

Lebenslänglich hinter Gitter? Mörder Guido B. darf hie und da zu seinem Mami nach Hause (Symbolbild)

Keystone

Die Ermordung der 19-jährigen Marie im Waadtland erinnert an den Mordfall Lucie im Aargau: Wieder war ein Gewalttäter bedingt entlassen, die Rückfallgefahr offensichtlich unterschätzt worden.

Das Bezirksgericht Baden hatte sich dieser Tage ebenfalls mit der Frage zu befassen, wie mit einem schuldunfähigen Täter zu verfahren ist, dessen Verwahrung nach 13 Jahren in eine stationäre Massnahme umgewandelt worden war. Es entschied sich, die bedingte Entlassung frühstens in zwei Jahren ins Auge zu fassen.

Von einem Dämon besessen

Das unfassbare Tötungsdelikt hatte sich im Frühsommer 1994 in Baden ereignet: Ein 46-jähriger Portugiese war auf dem Theaterplatz erschlagen worden.

Der Täter, der 24-jährige Schweizer Guido B., war rasch gefasst.

Zwei Tage zuvor hatte er versucht, mit einem Messer seine Mutter zu töten: im Wahn, sie sei eine Hexe.

Die Mutter hatte fliehen können und die tödliche Gefahr, die von ihrem Sohn ausging, bei Polizei, Bezirksarzt, Sozialamt, Gemeindebehörde, Pfarrer gemeldet. Es wurde nichts unternommen.

Dem Portugiesen war Guido B. nach Mitternacht in der Stadt begegnet und mit ihm ins Gespräch gekommen. Als Guido B. zur Überzeugung gelangte, der Portugiese sei von einem Dämon besessen, hatte er den Kopf des Mannes so lange aufs Trottoir geschlagen, bis er tot war.

13 Jahre verwahrt

Gutachter hatten dem an paranoider Schizophrenie leidenden Guido B. zur Tatzeit eine vollständige Unzurechnungsfähigkeit attestiert.

Das Bezirksgericht Baden musste deshalb keinen Strafentscheid fällen, sondern über die zu treffende Massnahme entscheiden.

Im Juni 1995 wurde nach einer Verhandlung entschieden, dass Guido B. zu verwahren sei.

13 Jahre später war die Verwahrung überprüft worden. Guido B. wurde als nicht mehr gemeingefährlich eingestuft und die Sanktion am 12. Juni 2008 mit Gerichtsbeschluss in eine stationäre Massnahme umgewandelt.

Da eine solche laut Gesetz nach spätestens fünf Jahren zwingend überprüft werden muss, sass Guido B. dieser Tage erneut vor Gericht, wo der Staatsanwalt eine Verlängerung der stationären Massnahme um weitere fünf Jahre beantragte.

Überwachung notwendig

Seit fünf Jahren lebt Guido B., ein inzwischen 43-jähriger Mann mit beginnender Glatze, kräftig gebaut, offen und klar auf alle Fragen antwortend, in einem Männerheim.

Ein Jahr lang hatte er extern einen Halbtags-Job. Weil er sich vom Chef dort ausgenützt und schikaniert fühlte, arbeitet er jetzt wieder im Heim und erledigt zur vollen Zufriedenheit Hauswartsaufgaben.

Seit 2002 verbringt er regelmässig Wochenenden daheim bei seiner Mutter.

Er hat eine Freundin, die nicht im Heim wohnt, mit der er schon zweimal in den Ferien war. Nun soll Guido B. extern in eine eigene Wohnung ziehen.

«Ein engmaschiger, regelmässiger Kontakt mit Fachleuten und therapeutische Überwachung müssen gewährleistet sein», betonte vor Gericht die forensische Psychiaterin.

Sie fügte an, dass aus ihrer Sicht bei paranoider Schizophrenie nie gesicherte Aussagen gemacht werden können: «Wir arbeiten immer mit Wahrscheinlichkeit.»

Akute Krankheitsepisoden würden sich jeweils langsam entwickeln, «es macht nicht ‹paff› und ein Schub ist da».

Im Moment nehme die Krankheit von Guido B. einen sehr günstigen Verlauf, so die Psychiaterin.

Der Psychologe, der Guido B. seit 2011 betreut, betonte als Auskunftsperson vor Gericht die tiefe Belastungsgrenze paranoid Schizophrener.

Entsprechend langsam müssten Veränderungen vorgenommen und mit Kontrolle und Therapie stark unterstützt werden.

«Ich spüre einen Druck auf meiner Seele»

Während beide Fachleute sich bezüglich Aufhebung der stationären Massnahme bedeckt hielten und keine konkrete Stellung bezogen, plädierte der Beistand von Guido B. vehement für die Aufhebung.

Er hatte das Amt nach der Bluttat auf Bitte der Eltern übernommen: «In all den Jahren habe ich Guido schätzen gelernt und er hat mich nur einmal enttäuscht, als er Hasch rauchte, was seit 2007 aber nie mehr geschehen ist.»

Auf die Frage von Gerichtspräsidentin Gabriela Fehr, wo er sich in zehn Jahren sehe, meinte Guido B.: «Im eigenen Häuschen, mit einem Halbtagsjob und eventuell verheiratet».

Nein, Stimmen habe er nie mehr gehört und auch nie mehr Halluzinationen gehabt.

«Ich spüre zwar noch einen Druck auf meiner Seele, aber mit den Medis ist es erträglich.»

Er habe sein seelisches Leiden akzeptiert, und dass ein Leben ohne Medikamente für ihn undenkbar sei. Er nehme sie gewissenhaft ein, seit kurzem nicht mehr unter Aufsicht.

Mörder wird 2015 nochmals überprüft

Sein Verteidiger bezeichnete es als seine Aufgabe, Guido B. zum Grundrecht auf freie Gestaltung seines Lebens zu verhelfen: «Da bei Psychiatern, Psychologen, weiteren Experten und Sachbearbeitern die Angst vor Verantwortung umgeht, braucht es mutige Richter.»

Man müsse sich lösen vom Schwarz-Weiss-Denken. Sein Mandant habe den Beweis erbracht, dass er die Öffentlichkeit nicht mehr gefährde; die stationäre Massnahme sei aufzuheben.

Das Gericht verlängerte diese – allerdings nur um zwei Jahre. Der psychische Zustand von Guido B., so Präsidentin Fehr, sei zwar erfreulich stabil, doch sei es wegen der tiefen Belastungsgrenze wichtig, dass er den Weg in die Freiheit in kleinen Schritten, mit Hilfe und Unterstützung machen könne.

«Das Gericht hofft aber, dass bei der nächsten Überprüfung 2015 die bedingte Entlassung ins Auge gefasst werden kann.»

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