Isabelle Anne Küng posiert für den Fotografen auf der Terrasse ihrer winzigen Wohnung an der Badener Niklausstiege, schüttelt die blonde Wallemähne und schwingt eines ihrer bemerkenswert langen Beine in die Höhe. Dem Nachbarn, der vis-à-vis die Blumen wässert, fällt fast die Giesskanne aus der Hand.

Mit offensichtlichem Vergnügen wirft sich die Schauspielerin in immer neue Posen. «Das soll ein gutes Bild werden, nicht so bünzlig wie für ein Bewerbungsschreiben», frotzelt die seit 18 Jahren im Aargau wohnhafte Thurgauerin in breitem Ostschweizerdialekt und lacht laut.

So abwechslungsreich und überraschend wie die Posen der 42-Jährigen ist ihr Büchergestell. Neben «Tantra der Liebe» steht eine HitlerBiografie. Nein, keine Koketterie mit der Geschichte. «Viele meiner Münchner Schauspielkollegen hatten ihre Grossväter im Zweiten Weltkrieg verloren. Als Schweizerin war mir nicht bewusst, wie nahe dieses Schicksal Menschen meiner Generation immer noch geht.»

Passend zum Thema schauen ihre grünbraunen Augen plötzlich ernst, weg ist das unbekümmerte, schallende Lachen. Wo hört der Mensch Isabelle Anne Küng auf, und wo beginnt die Schauspielerin?

Wer sie selbst war, schien Küng auch selbst lange nicht zu wissen: «Ich war ein fauler Sack in der Schule, die Sek hab ich nur knapp geschafft.» Eine Privatschule in Winterthur sollte es richten. In diese Zeit fiel auch die Trennung der Eltern. Schmerzlich nicht nur für sie, sondern auch für ihre beiden Brüder.

Der eine war erfolgreicher Eishockey-Profi, der andere ist im Kader einer Gastrovermittlung tätig. «Nur ich, die Älteste, schien ein Taugenichts zu sein», witzelt sie. Zwar wusste sie schon als kleines Mädchen, dass sie mal Schauspielerin werden will. Doch dann war sie plötzlich 16 und hatte keine Ahnung, wie sie diesen Traum in die Tat umsetzen sollte.

Ausbildung im Nobelhotel

Am geeignetsten schien es ihr, erst mal eine Lehre zu machen. Ihre beiden einzigen beiden Kriterien dafür: «Sie sollte möglichst kurz sein und viel Kohle einbringen.» Was Küng noch nicht ahnte: Das Gastgewerbe, für das sie sich entschied, lag ihr. Bei ihrer Ausbildung zur Hotelfachassistentin im Nobelhotel Victoria Jungfrau wurde sie wegen ihrer kommunikativen Art und ihres bodenständigen Humors von allen geschätzt.

Später arbeitete sie unter anderem in einem Berner Restaurant und führte in Grindelwald eine Bar. Daneben nahm sie privat Schauspielunterricht. Doch ihr Vorsprechen an Schauspielschulen wurde regelmässig zum Fiasko. «In Bern lachte man mich sogar aus. Sagte, ich solle doch zum Zirkus gehen.» «Diese Worte haben mir sehr weh getan.»

Ständige Ortswechsel und unübliche Arbeitszeiten im Gastgewerbe machten der jungen Frau auf Dauer zu schaffen. «Ich vereinsamte und wurde mit der Zeit derart depressiv, dass mich meine Mutter heimholte. So lebte ich wieder in meinem Mädchenzimmer und stand vor dem Nichts.»

Das Blatt wendete sich, als Isabelle Anne Küng ein Inserat der renommierten Münchner Schauspielschule von Christa Willschrei entdeckte. Sie wurde dort nicht nur angenommen, sondern bestand auch die dreijährige Diplomausbildung mit Bravour. Doch danach war alles wie gehabt: neue Vorsprechen und neue Absagen. «Mal war ich zu laut, mal zu jungenhaft, einfach nicht konform genug», fasst sie zusammen.

Durchbruch mit Dinnerkrimis

Wieder war es eine Anzeige, die das Schicksal der Mimin bestimmte. Federico Pfaffen, Leiter des Theaterschiffs «Herzbaracke», suchte für seine neue Produktion eine junge Schauspielerin. Küng entsprach genau seinen Vorstellungen. Als «Molchmonster aus dem Sumpf» konnte sie ihr komödiantisches Talent entfalten.

Später machte sie mit Regisseurin Hilde Schneider aus dem Buch «Vagina-Monologe» von Eve Ensler eine Bühnenversion. Dabei ging es um verschiedene Stöhntechniken, weibliche Sexualität im hohen Alter und viele andere Themen, die sonst gerne tabuisiert werden. Verschiedene grössere und kleinere Produktionen folgten – beispielsweise mit Theaterfrau Stella, die ihre Nachbarin und Freundin ist.

Der entscheidende Karrieresprung gelang ihr 2007 zusammen mit Peter Denlo, dem Gründer des Dinnerkrimis. Das Rezept: Das Publikum verleibt sich ein Viergangmenü ein, während es hautnah Zeuge eines schrecklichen Verbrechens wird. Später kam der Weekendkrimi dazu, bei dem das Publikum zwei Nächte in einem Vier- bis Fünfsternhotel verbringt und einen Mordfall lösen muss. In den ersten Produktionen spielte Küng verschiedene Rollen, später wechselte sie ins Regiefach. «Wir sind 12 Jahre unterwegs und über 3000 Mal aufgetreten», erzählt sie stolz.

Damit nicht genug. 2015 übernahm sie auf der Bühne zur Heimat Regie und Hauptrolle in Ephraim Kishons Lustspiel «Es war die Lerche». Das Stück kam so gut an, dass sie mit Menf Rhyner ein kabarettistisches Soloprogramm erarbeitet und 2020 Premiere feiert. Dann soll es auf Tournee gehen. «Mir ging es noch nie so gut wie heute», sagt Isabelle Anne Küng strahlend, während sie ihren Körper reckt und streckt.

Sie trainiert und joggt fast täglich. In den Vierzigern zu sein, findet sie toll. «Ich habe Berufserfahrung und bin noch voll im Saft.» Und auch in der Liebe klappt es nach einem ersten Eheversuch wieder. Seit sechs Jahren ist sie glücklich mit dem gut aussehenden Berufsmusiker David Jegge liiert. Zusammenziehen, Ehe, Kinder? «No way!», meint sie und lacht wieder, «dazu lieben wir beide unseren Freiraum viel zu sehr.»