KESD
Badener Schutzdienst ist überlastet und schafft neue Stelle

Der Kindes- und Erwachsenenschutzdienst (Kesd) geht gegen zu viele Beistandsfälle an und schafft eine neue Stelle. Der Vorstandspräsident ist überzeugt, dass ein Zusammenschluss der Gemeinden die Situation zudem weiter verbessern würde.

Sabina Galbiati
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Ein Beistand betreut bis zu 100 Menschen. Eindeutig zu viele, ist der Co-Leiter Kindes- und Erwachsenenschutzdiensts überzeugt. (Symbolbild)

Ein Beistand betreut bis zu 100 Menschen. Eindeutig zu viele, ist der Co-Leiter Kindes- und Erwachsenenschutzdiensts überzeugt. (Symbolbild)

Keystone

Nicht erst seit dem Fall Flaach im Kanton Zürich, wo eine Mutter im Januar ihre beiden Kinder getötet hat, ist bekannt, dass die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) überlastet sind. So gibt es auch Beistände, die über 100 Menschen betreuen.

Beim Kindes- und Erwachsenenschutzdienst Baden (Kesd) sieht die Situation ähnlich aus: 740 hilfsbedürftige Menschen, darunter Kinder, Erwachsene und Senioren betreut die Kesd Baden aktuell. Jährlich steigt die Zahl der Mandate um 30 bis 40 Fälle.

«Pro 100 Stellenprozent betreuen wir 100 Hilfsbedürftige. Das sind eindeutig zu viele», sagt Reto Bertschi, Co-Leiter der Kesd. «Die Betroffenen kommen dabei zu kurz», sagt er. Nebst der direkten Betreuung müssen die Beistände schriftlichen Kontakt zum Familiengericht halten. «Die Schreibarbeit zu den einzelnen Betreuungsverhältnissen hat seit der Neuregelung stark zugenommen», sagt Bertschi. Das verschärfe die Situation der Berufsbeistände, aber auch der Betroffenen. Nun will die Kesd die Fälle pro Beistand auf 80 senken und sucht einen elften Beistand, der ein 80- bis 100-Prozentpensum antreten wird. «Damit kommen wir unserem Ziel ein grosses Stück näher.»

Doch Bertschi macht keinen Hehl daraus: «Optimal wären 60 Fälle pro Beistand.» Diese Zahl werde auch von Experten in der Fachliteratur genannt. Um dieses Verhältnis zu erreichen, müsste der Vorstand der Kesd einen Antrag auf mehr Stellenprozent an die Delegiertenversammlung des Gemeindeverbandes der 17 Mitgliedergemeinden stellen. Dieser Antrag blieb bis jetzt aus.

«Wünschenswertes muss mit Machbarem verglichen werden», sagt Bertschi pragmatisch: «Ein Antrag auf Reduktion der Mandatszahl von 100 auf 60 ist in der aktuellen politischen und finanziellen Lage der Gemeinden und des Kantons nicht mehrheitsfähig.»

Norbert Stichert, Vorstandspräsident der Kesd Baden, relativiert: «Aufgrund von Erfahrungen anderer Kesd werden 60 bis 80 Fälle pro Beistand empfohlen. Das ist ein relativ breites Spektrum.» Der Vorstand wie auch die Delegiertenversammlung hätten sich entschieden, bei 80 Fällen anzusetzen. «Wenn wir merken, dass es immer noch zu viele Fälle sind, können wir einen Antrag an die Delegiertenversammlung stellen, um die Mandate weiter zu senken.»

Fünf Gehminuten könnten helfen

Bertschi sieht eine mögliche Entschärfung der Situation an einer weiteren Front. «Die Zeit für das Schreiben der Berichte könnte man sinnvoller nutzen.» Er sieht zwar ein, dass ein Grossteil der Berichte nötig ist. «Aber es gibt viele Situationen, bei denen ein direktes Gespräch sinnvoller wäre.» Denn der Kommunikationsweg werde durch die schriftliche Abwicklung massiv in die Länge gezogen.

Ein Bericht wird immer an alle Involvierten verschickt und diese verfassen darauf hin eine Stellungnahme. «Dabei könnte man gewisse Probleme an einem Runden Tisch mit allen Beteiligten zielführender besprechen.»

Das würde sich in Baden auch anbieten, weil die Kesd am Gstühlplatz angesiedelt ist und das Familiengericht am Bezirksgericht an der Mellingerstrasse. «Das sind keine fünf Gehminuten durch den Tunnel», sagt Bertschi.

Stichert ist zudem überzeugt, ein Zusammenschluss mit jenen Gemeinden im Bezirk Baden, die noch nicht im Kesd-Verband sind, würde die Situation weiter verbessern. «Alle Beistände im Bezirk wären unter einem Dach und könnten von den Erfahrungen der anderen profitieren.» Gespräche habe man diesbezüglich bereits geführt, allerdings zurzeit noch ohne Erfolg.

Dass die Fälle zunehmen, liege schlicht daran, dass die Bevölkerung wächst, aber auch die Sensibilisierung. Erst im vergangenen Jahr hat der Kanton die Anlaufstelle für Häusliche Gewalt (AHG) geschaffen. «Fälle von häuslicher Gewalt gab es auch vorher schon, aber jetzt treten sie vermehrt an die Oberfläche und werden behandelt», sagt Bertschi.

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