Interview
Badener Stadtpfarrer zum Attentat: «Die Antwort auf Gewalt ist nie Gewalt»

Josef Stübi ist Stadtpfarrer von Baden. Er ist entsetzt über die Vorfälle in Frankreich, glaubt aber nicht, dass das Attentat von Paris einen Keil in die Gesellschaft treiben wird

Martin Rupf
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Stadtpfarrer Jose Stübi: «Jede Religion hat Helles und Dunkles.»

Stadtpfarrer Jose Stübi: «Jede Religion hat Helles und Dunkles.»

Elia Diehl

Seit sieben Jahren ist Josef Stübi Stadtpfarrer von Baden. Zum Gespräch lädt er im ersten Stock des Pfarrei-Hauses ein. Der Raum ist voller Bücher, es riecht nach Holz.

Herr Stübi, nach der schrecklichen Tat von Paris hört man nicht nur Kritik am Islam, sondern vielmehr an den Religionen generell. Diese würden nur zu Spannungen und schlimmstenfalls zu Krieg führen. Was sagen Sie als Stadtpfarrer dazu?

Josef Stübi: Also was das Christentum betrifft, ist heute eine grosse Offenheit vorhanden. Toleranz und Religionsfreiheit sind wichtig. Das ist aber nicht bei allen Religionen gleich.

Werden wir konkret: Ist das Christentum diesbezüglich weiter als der Islam?

Ich würde von Ungleichzeiten sprechen – auch innerhalb der Gesellschaft. Das Christentum musste auch einen schweren – teils, gewalttätigen und blutigen – Weg gehen. Das ging auch nicht von heute auf morgen. Ich glaube tatsächlich, dieser Weg steht dem Islam noch bevor.

Sie sprechen die teils blutig Geschichte des Christentums an. Ist der Islam eine Religion, die zu Gewalt aufruft?

Nein, ganz sicher nicht. Der Islam ist genauso wenig gewalttätig wie es andere Religionen auch nicht sind. Oder anders ausgedrückt: Jede Religion, ja jeder Mensch hat Helles und Dunkles. Es gibt Fehlentwicklungen, die aber sehr oft politisch instrumentalisiert sind.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Islamisten im Namen Allahs ein Attentat verüben?

Ich finde es jedes Mal furchtbar, wenn im Namen Gottes Gräueltaten begangen werden. Das tut mir fast schon körperlich weh. Denn Gott ist für mich eines, nämlich Liebe. Nur in diese Richtung kann es gehen.

Wenn Islamisten solche Attentate begehen, machen viele Menschen automatisch die Verknüpfung mit dem Islam, differenzieren also nicht mehr zwischen Fundamentalisten und Religion.

Das ist leider so. Mich sprechen auch Menschen an, die mit Ängsten auf mich zukommen.

Ängsten wovor?

Schwierig zu sagen, es sind diffuse Ängste, vielleicht mehr ein Unwohlsein; ein Empfinden von Hilflosigkeit.

Angst kann schnell in Wut oder gar Hass kippen. Sind Sie hier auch als Stadtpfarrer gefordert.

Das ist in meiner Tätigkeit bis jetzt zum Glück noch nicht aktuell geworden. Aber klar, die Gefahr ist gross, dass genau diese Ängste und diese Wut instrumentalisiert werden. Wenn das passiert, dann muss man Gegensteuer geben. Die Antwort auf Gewalt darf nie Gewalt sein. Das ist sicher nicht im Sinn unseres Glaubens.

Wie gross schätzen Sie denn die Gefahr ein, dass solche Taten wie in Paris einen Keil in die Gesellschaft treiben?

Solche Taten bleiben natürlich nicht ohne Folgen. Ob sie einen Keil in die Gesellschaft treiben können, hängt davon ab, wie sich die Gesellschaft zusammensetzt – lässt sie sich überhaupt auseinandertreiben? Ich stelle im Moment eher fest, dass die Gesellschaft zusammenhält. Für die Schweiz sehe ich die Gefahr nicht.

Wie steht es um das Verhältnis der verschiedenen Religionen hier in Baden?

Ich würde das Verhältnis als sehr gut bezeichnen, auch wenn wir nicht sehr viel miteinander zu tun haben. Am Eidgenössischen Bettag zum Beispiel kommen Christen, Juden, Muslime, Hindus und Angehörige anderer Konfessionen zum gemeinsamen Gebet zusammen. Ich höre immer wieder: «Warum ist das nicht auf der ganzen Welt möglich?» Insbesondere stelle ich bei den Jugendlichen fest, dass der Austausch unter den verschiedenen Konfessionen sehr gut ist.

Einige Menschen in der Schweiz sind irritiert, dass viele Muslime ihren Glauben sichtbar leben. Sind Sie manchmal neidisch, weil Sie sich ein solches Engagement auch von Ihren Gläubigen wünschen würden?

Wenn bei uns die Kirchenglocken läuten, zelebrieren wir den Glauben ja auch (lacht). Religion ist zwar etwas Persönliches, doch das Christentum ist etwas Gemeinschaftliches. Aber die sichtbaren Auftritte anderer Religionen können auch Ansporn und Motivation sein, dass wir Christen uns fragen, wo wir selber stehen, und den eigenen Glauben wieder mutiger zelebrieren und zeigen. Aber es gibt schon Grenzen.

Welche?

Hm, wie soll ich sagen. Ich finde, man sollte sich ein wenig anpassen, wenn man in ein fremdes Land geht. Vor diesem Hintergrund bin ich doch immer etwas irritiert, wenn ich total verhüllte Frauen sehe. Auf der anderen Seite sind wir eine tolerante Gesellschaft.

Kommt das Attentat in Ihrer Sonntagspredigt kommenden Sonntag vor?

Nicht in der Predigt selber, aber in der Fürbitte. Ich werde also für alle Menschen beten, die von diesem furchtbaren Attentat betroffen sind.

Letzte Frage: An Weihnachten erschien in dieser Zeitung eine Karikatur, die den Weihnachtsmann zeigte, der Jesus am Kreuz zum Geburtstag gratulierte. Hat Sie die Zeichnung gestört?

Nein, die Zeichnung hat bei mir überhaupt keine negativen Gefühle ausgelöst. Es gibt schon gewisse Karikaturen, die für mich aus meiner christlichen Perspektive zu weit gehen. Aber es käme mir nie in den Sinn, mich dagegen zu wehren. Das ist doch genau der Punkt, wie wir miteinander umgehen sollten. So waren zum Beispiel nicht alle einverstanden mit meiner Silvesterpredigt. Eine Person hat mich sogar offen kritisiert. Mit dieser Person sitze ich jetzt dann zu einem Glas Wein zusammen und dann sprechen wir miteinander.

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