Was fir e scheens Lärvli – ein klassischer Harlekin-Kopf. Dahinter verbirgt sich, visuell inkognito, eine waschechte Badenerin, die vor rund 40 Jahren zur Baslerin mutiert ist; zur waschechten, notabene, jedenfalls was die Fasnacht betrifft. Als Vreni Münger auf der Badener Allmend aufgewachsen, hatte die Liebe zum Stadtbasler Ernst Blust in der heute 64-Jährigen die Liebe zum «Pfyffe» und zu den «drey scheenschte Dääg» geweckt.

Nicht mehr Münger, sondern längst Vreni Blust, lebt die gelernte Arzthelferin mit ihrer Familie seit vielen Jahren in Rütihof. Beruflich hatte es ihren Mann in die Region verschlagen, heute arbeitet der Maschineningenieur beim Eidgenössischen Nuklear-Sicherheits-Inspektorat Ensi in Brugg. «Als Kind und Jugendliche hatte ich in Baden Fasnacht gemacht, aktiv am Umzug teilgenommen und Maskenbälle besucht – wie man das halt so macht in dem Alter. Mein Mann und sein Bruder haben in Basel schon als Kinder in einer Clique gepfiffen und der Vater getrommelt. Zu Beginn unserer Beziehung bin ich in Zivil hinter der Clique mitgelaufen. Weil ich das auf Dauer langweilig fand, habe ich mich in einer ‹Pfyfferschuel› angemeldet.»

Schon nach einem guten Jahr Unterricht hatte sich Blust mit einer Gruppe weiterer Pfyffer-Schülerinnen und -Schülern ins Fasnachts-Getümmel gestürzt: «Ich beherrschte damals höchstens vier oder fünf Märsche. Wir haben auch nicht am Cortège teilgenommen, aber ‹bim Gässle› waren wir sehr aktiv dabei.» Für Nicht-Kenner dies: An der Basler Fasnacht gibt es keinen Umzug, sondern einen Cortège, und «Gässle» ist für die Eingefleischten das Schönste überhaupt – das selbstverlorene Umherziehen von einzelnen Pfyffern, Trommlern oder kleinen Gruppen durch die engen Altstadtgassen.

Verschiedene Stationen

Inzwischen sind 40 Fasnachten ins Land gezogen, Vreni Blust beherrscht rund 14 Märsche und ist Mitglied der «Wälleschletzer» – einer Gruppe mit sechs Pfyffern, vier Tambouren, «und einer Tambourmayorin, was es sehr selten gibt». Nur fünf «Wällenschletzer» sind waschechte Bebbi, die allerdings in Zürich leben, die weiteren Mitglieder sind – wie Blust – «fremde Fötzel», etwa Zürcher oder Winterthurer. «In Zürich machen wir regelmässig am ‹Trummlebummle› mit. Das findet jeweils am Freitag vor dem Sechseläuten statt. Nicht nur Cliquen, auch Trommlergruppen, wie etwa die Tambouren der Stadtmusik, treffen sich von 19 bis 22 Uhr rund ums Niederdorf zum ‹Gässle› und gemeinsamen Trommeln und Pfeifen.»

Der Weg von Vreni Blust und ihrem Piccolo bis zu den «Wälleschletzern» führte sie über verschiedene Stationen: «Als ‹d’Rootsheere›, die Gruppe, in der mein Schwiegervater trommelte, Nachwuchsprobleme hatte, haben mein Mann und ich mit denen gepfiffen. Nach zwei Jahren fühlten wir uns zu jung mitten unter Senioren.» Vreni Blust wechselte zu den «Gundeli-Gumsle», ihr Mann zum «Gundeli»-Stammverein. Die beiden Abteilungen fusionierten und das Ehepaar machte zehn Jahre lang gemeinsam Fasnacht. «Die ‹Gundeli› ist eine sehr gute Clique und entsprechend ehrgeizig. Irgendwann wurde mir der Übungsaufwand zu gross. Seither ist mein Mann bei der ‹Alti Richtig› einer der grossen Cliquen und ich bei den ‹Wälleschränzern›. Man muss ja nicht immer alles zusammen machen», hält Vreni Blust lachend fest.

Während Sibylle, ihre 30-jährige Tochter mit Fasnacht rein gar nichts am Hut hat, ist Sohn Christoph (26) ein «aagfrässene» Guggenmusiker. «Als Posaunist hatte er bei den ‹Mu-Mä-Fäger› Künten angefangen. Weil er aber unbedingt auch an der Basler Fasnacht mitmachen wollte, hat er nach Aesch zu den ‹Schlössli-Schränzern› gewechselt. Am Cortège dürfen die zwar auch nicht mit marschieren – das ist Stadtbasler ‹Guggen› vorbehalten –, aber am Fasnachtsdienstag, wenn Basel abends den Guggenmusiken gehört, da ist dann auch Christoph mit den ‹Schlössli-Schränzern» voll in seinem Element.» In ihrem Element sind Vreni Blust und Tochter Christine beim Reiten und Kutschefahren, «aber nur für uns privat». Die beiden haben zwei Haflinger in einem Stall in Müslen eingestellt: «Der eine, ‹Aldo›, ist mit seinen 31 Jahren schon sehr alt, die andere, ‹Bonita›, ist 17-jährig.» Zur Familie Blust gehören auch noch ein Hund und eine Katze. Die werden diese Woche vom Grosi Münger betreut.

Denn gestern sind Vreni und Ernst Blust nach Basel verreist, im Gepäck Trommel, Piccolo, Amedisli (auf Deutsch Pulswärmer geheissen), Kostüme, Larven und Perücken. Sie haben in der Stadt ein Hotelzimmer bezogen, den Wecker auf 02.45 Uhr gestellt. Als dann heute Morgen um Punkt vier Uhr in der Innenstadt sämtliche Lichter ausgingen, hat Vreni Blust am südlichen Kopf der Mittleren Rheinbrücke dem Befehl der Tambourmajorin «Morgestraich, vorwärts Marsch» folgend auf dem Piccolo den Startschuss gepfiffen für ihre ganz persönlichen «drey scheenschte Dääg» von 2015.

Es sind lange Tage, besonders der heutige, mit Morgestraich, drei Stunden Cortège und abendlichem Gässle. Aber Vreni Blust möchte keinen der drei missen: «Ich liebe es, auch noch nach 40 Jahren, aktiv an der Basler Fasnacht mitzumachen. Sie ist zwar nicht unheimlich lustig. Mich fasziniert halt sehr das Mystische der Masken, besonders in der Dunkelheit in den alten Gassen und Gässchen.»