«Alles weiter wie bisher?» – so lautet die Frage zur künftigen Stadt im Spannungsfeld von Bestand und Entwicklung. Die städtische Abteilung Planung und Bau hat zu einem Diskussionsanlass ins Historische Museum geladen. 45 Personen, meist Fachleute aus verschiedenen Planungsberufen, sind anwesend.

Spätestens nach dem Input-Referat von Jarl Olesen, Leiter Planung und Bau der Stadt Baden, ist man sich klar, welcher Druck auf die Stadt und ihre Region zukommen wird. Badens Bevölkerungszahl wird in den nächsten 20 Jahren um rund einen Fünftel wachsen. Doch: Wo hat es noch Platz, lautet die Folgefrage, denn 96 Prozent der bebaubaren Fläche der Stadt sind bereits überbaut.

Für Olesen gibt es nur eine Antwort: «Verdichtung nach innen, aber mit Auflagen.» Er wünscht sich dabei qualitativ hochstehende Architektur und hochwertige Freiräume. «Das Stadtbild wird sich durch Ersatz- und Neubauten weiter verändern», sagt er voraus. Neue Qualitäten würden alte ablösen. «Doch die Verdichtung zwingt auch zu sorgfältigem Umgang mit dem Bestehenden», wirft er ein.

«Verdichtung zwingt auch zu sorgfältigem Umgang mit dem Bestehenden.» Jarl Olesen, Leiter Planung und Bau

«Verdichtung zwingt auch zu sorgfältigem Umgang mit dem Bestehenden.» Jarl Olesen, Leiter Planung und Bau

Der Geschichte Rechnung tragen

Das Spannungsfeld beginnt für Reto Nussbaumer, kantonaler Denkmalpfleger, dort, wo die Identität abhanden kommt. «Man hätte im Abreisszeitalter der 60er-Jahre besser Mal aufs Bremspedal gestanden», wirft er ein. Er will jedoch das Bild des Nur-Bewahrers loswerden. «An der Weiten Gasse stehen lediglich zwei Gebäude unter kantonalem Schutz», sagt er und weist auf die vielen Häuser hin, die längst abgerissen oder ausgekernt worden sind.

Es sei unerlässlich, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen, wenn man etwas Neues mache, schickt Oliver Dufner, Architekt, Burkard Meyer und Partner, voraus. Dieses Bewusstsein habe der NAB beim Burger King zweifellos gefehlt, fügt er an. Die Qualität des Raumes zu bewahren, das sei ein wichtiger Anspruch. Diese spannende Aufgabe dürfe man aber nie in einer Homogenität betrachten, denn jedes Gebiet auf Stadtgebiet sei wieder anders.

«Urbanität findet auch ausserhalb, in Wettingen und in Ennetbaden, statt.» Oliver Dufner, Architekt

«Urbanität findet auch ausserhalb, in Wettingen und in Ennetbaden, statt.» Oliver Dufner, Architekt

Chance Mellinger-/Bruggerstrasse

Dass man der Geschichte Rechnung tragen müsse, steht auch für Christoph Haerle, Bildhauer, Architekt, Mitglied der Stadtbildkommission, ausser Zweifel. Bei der Qualitätsdiskussion richtet er den Blick über das Stadtzentrum hinaus. «Ich ordne der Brugger- und der Mellingerstrasse viel Potenzial zu. Darum müsste man diese urbanisieren», sagt Haerle. Die Idee, diese Achsen neu zu gestalten, nimmt auch die Publikumsdiskussion auf. Laut Haerle wird das Gebiet zwischen Baden und Dättwil unter dem Druck aus dem Kernbereich als neuer Stadtraum hervorgehen. Es hänge davon ab, wie man die Urbanität lese, sagt Dufner und nimmt den Ball gleich auf: «Wir müssen vermehrt auf die Qualität an den Zugangsachsen achten. Er geht sogar weiter: «Urbanität findet auch an äusseren Orten eines Stadtraums statt, unter anderem in Wettingen und in Ennetbaden.»

Bei diesem Punkt schwenkt die Diskussion aufs Thema Grossstadt über. Dufner ist der Ansicht, dass Baden als Kleinstadt seine Führungsrolle einnehmen müsste. Sukkurs erhält er indirekt von Denkmalpfleger Nussbaumer: «Die Kleinteiligkeit der Region verhindert eine übergreifende Planung.» Nussbaumer schlägt vor, eine regionale Planung mit zusammengelegten Gemeinden zu verfolgen. Historiker Bruno Meier warnt in der anschliessenden Plenumsdiskussion vor der Arroganz Badens, umliegende Gemeinden bevormunden zu wollen. Die Anschlussfrage aus dem Publikum liegt auf der Hand: «Wer denn sonst, wenn nicht Baden, soll im grösseren Rahmen denken, wenn es die Regionalplanungsgruppe nicht zu tun vermag?»

«Die Kleinteiligkeit der Region verhindert eine übergreifende Planung.» Reto Nussbaumer, Denkmalpfleger

«Die Kleinteiligkeit der Region verhindert eine übergreifende Planung.» Reto Nussbaumer, Denkmalpfleger

Spielraum der Stadt beschränkt

Es brauche ein Stadtentwicklungskonzept, wofür ein breiter Prozess und eine politische Mehrheit nötig sei, sagt Olesen. Er verweist auf die beschränkte Handlungsfähigkeit der Stadt gegenüber Eigentümer.

Entwicklung orientiere sich zu sehr am ökonomischen Umfeld statt an der Güterabwägung durch die Gesellschaft, kritisiert das Plenum. Für Christoph Haerle braucht es in Baden unbedingt mehr sozialen Wohnraum. «Wo Arbeitsplätze generiert werden, da braucht es den notwendigen Wohnraum.»

Haerle kritisiert: «Man reagiert noch zu viel in der Planung, anstatt dass man agiert.» Konkret propagierte er das Testplanungsverfahren, bei dem einige Planungsbüros Vorschläge für mögliche Entwicklungen eines Gebietes erarbeiten, deren Resultate dann weiter entwickelt werden. Das Verfahren ist juristisch unverbindlich, ermöglicht aber eine gute Auslegeordnung. «Zürich hat damit gute Erfahrungen gemacht», so Haerle.

Die Stadt habe weder Mittel noch eine rechtliche Handhabe, eine Planung durchzusetzen, entgegnet Olesen. Im Plenum ist man anderer Meinung. Auch Haerle ist überzeugt, dass dies beispielsweise über eine Mehrwertabschöpfung möglich sei. Die Urbanität dürfe Baden nicht dorthin führen, wo die Stadt bereits sei, wird gewarnt. Das Röntgeninstitut im Parterre am Theaterplatz wird als klassisches Unding eines Stadtraums bezeichnet. Es werden Befürchtungen wach, dass auch das «Royal» (Postareal) einer solchen Entwicklung zum Opfer falle. Das Fazit in der Runde: Auch Planer müssten sich vermehrt in der Politik engagieren.

«Man reagiert noch zu viel in der Planung, statt dass man im Voraus agiert.» Christoph Haerle, Bildhauer/Architekt

«Man reagiert noch zu viel in der Planung, statt dass man im Voraus agiert.» Christoph Haerle, Bildhauer/Architekt