Gleich zwei aktuelle Fälle von verbalem Terror gegen Gemeindeangestellte geben zu reden: In Fislisbach rastete Anfang März eine Person gegenüber einem Betreibungsbeamten aus, und in Spreitenbach sorgte Mitte Februar ein Bericht des Kassensturzes für grossen Wirbel.

Im Fernsehbericht wurde Spreitenbach vorgeworfen, dass eine arbeitslose Person mit Pensionskassengeldern die bezogene Sozialhilfe zurückzahlen muss. Darauf erhielten einige Behördenvertreter und Verwaltungsangestellte teilweise anonyme Nachrichten mit bedrohenden Inhalten.

Der Gemeinderat in Spreitenbach hat nun in einer Mitteilung geschrieben, dass er diese vermehrten Bedrohungen und Beschimpfungen gegenüber Angestellten nicht mehr tolerieren will. Zugespitzt hat sich laut Gemeindepräsident Valentin Schmid die Situation nach dem Fernsehbericht des Kassensturzes: «Ich habe auch anonyme Beschimpfungen per Mail erhalten. Doch diese Nachrichten lösche ich umgehend.»

Nach Drohungen gegen Mitarbeiter: Sicherheitsleute bewachen Fislisbacher Gemeindehaus.

Nach Drohungen gegen Mitarbeiter: Sicherheitsleute bewachen Fislisbacher Gemeindehaus (4. März 2015)

Problematischer empfindet er es dagegen, wenn Verwaltungsangestellte immer wieder Beschimpfungen oder gar Bedrohungen im Arbeitsalltag erleben. Oft sind die Sozial- und die Finanzabteilung sowie die Polizei betroffen. «Der Gemeinderat möchte die Mitarbeiter zu einer Strafanzeige motivieren, wenn es ein gewisses Mass überschreitet.»

Laut Schmid würden leider viele Angestellte auf eine Strafanzeige verzichten, weil sie nicht noch mehr im Fokus stehen möchten. «Ich habe den Eindruck, dass sie diesen Ärger lieber in sich hineinfressen.» Für Schmid ist klar, dass unter anderem die sozialen Medien mit ihren alltäglichen Shitstorms verantwortlich sind: «Dadurch ist die Hemmschwelle von gewissen Bürgern gesunken.»

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Missbrauch von Privatadressen

Die in letzter Zeit vermehrten Bedrohungen haben dazu geführt, dass die Privatadressen der Gemeinderäte auf der Website von Spreitenbach gelöscht worden sind.

Wie diese Privatadressen missbraucht werden können, zeigte sich 2011 in hässlicher Form bei Schmids Vorgänger, Josef Bütler. Dieser erwähnte in einem Interview gegenüber dem Schweizer Fernsehen, dass es in seiner Gemeinde nicht Schweizer und Ausländer gebe, sondern nur Spreitenbacher.

Aufgrund dieser Äusserung erhielt der damalige Gemeindepräsident massiv anonyme Bedrohungen – auch gegenüber seiner Familie. 2012 trat er deswegen von seinem Amt zurück.

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Drohungen gegen Beamte: Jetzt werden die Gemeinden aktiv (11. März 2015)

Polizisten im Nebenzimmer

«Bei schwierigen Gesprächen auf der Verwaltung sitzen Polizeibeamte im Nebenzimmer, um die Sicherheit der Angestellten zu gewährleisten», so Schmid. Auf die Frage, wie oft das vorkomme, will er keine konkreten Zahlen nennen.

So viel ist Schmid zu entnehmen: «Nach dem Kassensturzbericht musste die Kantonspolizei eingeschaltet werden. Dies ist für die Polizei keine alltägliche Angelegenheit und zeigt klar: Das Ausmass der Bedrohung ist hoch.»

Schmid will die aktuelle Situation trotzdem nicht zu sehr dramatisieren: «Auf den Kassensturzbericht haben wir auch anständige Kritik mit Absendern bekommen.» Zudem sei den Angestellten bewusst, dass sie in einem öffentlichen Umfeld arbeiten, das nicht von allen geliebt werde. «Beispielsweise das Steueramt», meint er trotz allem mit einem leisen Lachen.