Birmenstorf

Begeistert von der alten Heimat: Wenn Nachfahren von Auswanderern zu Besuch sind

Humboldt trifft Birmenstorf: Duilio Rohrmann, Maria Caballero, Urs Rey, Raoul Welchen, Andrea Rey-Erni, Andrée Rahm, Graciela Bologna, Patricia Pierotti, José Maria Presser und Alicia Brunas (v.l.).

Humboldt trifft Birmenstorf: Duilio Rohrmann, Maria Caballero, Urs Rey, Raoul Welchen, Andrea Rey-Erni, Andrée Rahm, Graciela Bologna, Patricia Pierotti, José Maria Presser und Alicia Brunas (v.l.).

Birmenstorf pflegt eine enge Freundschaft mit seiner Partnerstadt Humboldt in Argentinien, die eine kleine Gruppe Birmenstorfer im 19. Jahrhundert mitgründeten. Deren Nachfahren pilgern nun zu Besuch in die alte Heimat.

150 Jahre ist es her, seit eine Gruppe Birmenstorfer die kleine Stadt Humboldt in der argentinischen Pampa mitgründete. Zehn Jahre zuvor, im Sommer 1855, waren fünf Familien namens Zehnder, Rey und Meier auf der Flucht vor Missernten und Hungersnot per Schiff in die Provinz Santa Fe ausgewandert. Es ist die Geschichte einer geglückten Auswanderung. Jetzt kamen sieben Nachfahren für ein paar Tage zurück in die alte Heimat – und waren begeistert, vom «Convoy to Remember» am vergangenen Wochenende genauso wie von der Birmenstorfer Gastfreundschaft.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Humboldter und Birmenstorfer gegenseitig besuchen. Nachdem um 1880 der schriftliche Kontakt der Verwandten zwischen Argentinien und der Schweiz abbrach, keimte er um 1991 (im Jahr der Schweizer 700-Jahr-Feier) wieder auf. Zehn Jahre später unterzeichneten die beiden Gemeinden einen Freundschaftsvertrag. Ein kleines Denkmal beim Birmenstorfer Gemeindehaus erinnert daran. Jedes Jahr kommen Schüler aus Humboldt nach Birmenstorf, es gibt immer wieder offizielle und inoffizielle Delegationen.

Der Birmenstorfer «Convoy»-Präsident Adrian Gerwer war vor einiger Zeit zu Besuch in Humboldt und lud die Argentinier nun in die Schweiz ein. «Der Austausch ist uns sehr wichtig», sagt Duilio Rohrmann. Er ist seit einigen Jahren Gemeindepräsident von Humboldt und zum ersten Mal in Birmenstorf. «Die Landschaft hier gefällt mir sehr, es ist alles so grün.»

«Wir möchten gerne noch viel länger bleiben»

Rohrmanns Frau Maria Caballero ergänzt: «Wir sind Adrian Gerwer sehr dankbar für die Einladung. Wir möchten gerne noch viel länger bleiben.» Es sei eine wunderbare Gelegenheit, Birmenstorf zu besuchen. Der «Convoy to Remember» sei faszinierend und eine schöne Überraschung gewesen. Urs Rey, hiesiger Gemüsebau-Unternehmer, und alt Gemeinderätin Andrée Rahm von der «Begleitgruppe Humboldt» haben die Gäste zusammen mit anderen Birmenstorfern bei sich aufgenommen.

Sprachbarrieren gibt es praktisch keine: Man spricht Deutsch und Spanisch zugleich. Und im Notfall übersetzen Urs Rey, der schon oft in Humboldt zu Besuch war, oder seine Schwiegertochter Andrea Rey-Erni. Sie ist geborene Argentinierin, ihre Vorfahren stammen aus Birmenstorf, Rheinfelden und aus dem Wallis, wo Humboldt mit St. Niklaus eine zweite Partnergemeinde hat. Sie hat vor 14 Jahren Peter Rey aus Birmenstorf geheiratet, lebt seither hier und kennt beide Kulturen. Die Beziehungen der Argentinier mit der alten Heimat in Europa sind eng.

Am Wochenende gab es ein Treffen im Gemeindehaus und ein Mittagessen mit Vertretern der Gemeinde sowie Ammann Marianne Stänz (CVP) im Birmenstorfer «Bären», bevor es auf einen Ausflug in die Voralpen ging. Die Hitze der vergangenen Woche machte den Gästen aus Argentinien nichts aus. In ihrer Heimat ist es oft noch viel heisser.

Das kommt der Landwirtschaft zugute: Humboldt hat rund 23 500 Hektaren Agrarland, wie Urs Rey erzählt: «Grosse Teile werden für die Viehwirtschaft genutzt, aber es wachsen auch Weizen, Mais, Soja und Sonnenblumen.» Die Landschaft ist fruchtbar, die Provinz Santa Fe liegt im Schwemmgebiet des Rio Paraná, der grosse Teile Südbrasiliens entwässert und bei Buenos Aires in den Rio de la Plata und dann in den Atlantik mündet.

Die Freude ist auf beiden Seiten gross

80 Prozent der Einwohner von Humboldt haben Schweizer, deutsche oder italienische Vorfahren. In Argentinien leben Hunderttausende Nachfahren von Schweizer Auswanderern. «Bei uns ist alles flach», sagt Graciela Bologna und lacht. «Hier in der Schweiz gibt es wahnsinnig schöne Landschaften. Und guten Wein und guten Käse.» Auch das Kulturangebot und das Vereinsleben in Birmenstorf seien beeindruckend, sind sich die Gäste einig.

Manche von ihnen reisen jetzt noch weiter und besuchen Verwandte im Wallis oder in Italien. Die Freude über den Besuch ist auf beiden Seiten gross. «Wir sind hier immer willkommen in Birmenstorf und kommen gerne wieder», sagt Graciela Bologna, die in Humboldt als Deutschlehrerin arbeitet. «Und die Birmenstorfer sind immer herzlich willkommen bei uns. Dann feiern wir mit Asado und Mate-Tee.»

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