Zuerst erzählt der junge Mann mit schwarzer Brille von seinem Bad mit Delfinen: «Wunderschön.» Danach sagt er, übergangslos: «Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga – ein Wahnsinn. Ex-Bundesrätin Dreifuss – völlig wahnsinnig geworden. Pascale Bruderer, Francine Jordi – heller Wahnsinn. Ich begreife die Leute wirklich nicht, was die sich alles vorstellen.»

Der Mann ist Schauspieler, und er ist im Bild: zu Hause sammelt er Zeitungsartikel und schneidet sie aus. Bei jeder Theaterprobe, jeder Aufführung sagt er etwas Anderes.

Von Mal zu Mal kann er sich nicht an jede Passage erinnern. Er improvisiert, wenn er an die Reihe kommt, darin um Welten ehrlicher, kühner als jeder Slampoet.

Manchmal erwähnt er nur die Delfine. Delfine mit Showbiz und Politik querzuschneiden, ist ein toller Einfall. «Ich kann ihn das nächste Mal dran erinnern», sagt eine der beiden Regisseurinnen, «aber dann erzählt er wohl wieder andere Dinge».

Das ist Theater von und mit – wie man heute sagen soll – Personen mit Handicap. Die beiden Leiterinnen sagen: «Es sind einfach erwachsene Menschen.» Sabine Peter und Kathrin Iseli arbeiteten viele Jahre beim Theater Hora.

Hora hat Theater mit Behinderten berühmt gemacht und reist bis nach Fernost mit seinen Produktionen. Der Fokus des Hora heute sei Professionalisierung. Dieser Fokus dränge das Entwicklungspsychologische, das Freie der Leute zurück.

Amateure, die an Nachmittagen oder Abenden einfach gern Theater spielen, fänden im Hora keinen Platz. Darum gründeten die beiden Frauen vor sechs Jahren das Theater KANNdas.

Keine Freakshow

Zwei Dinge wollen die Theaterfrauen tunlichst vermeiden und eine Sache befördern: Erstens soll auf der Bühne in keiner Weise ein Narrenzoo entstehen fürs Amüsement leicht gegruselter «Normaler».

Zweitens soll auch nicht der Hauch von Rührseligkeit oder gar Niedlichkeit erweckt werden. Denn – und das ist der starke Aktivpunkt – die Behinderten, die teilnehmen, agieren ganz nach ihrer Fasson auf der Bühne. Das bedeutet: weitgehend nach ihren eigenen Ideen, Wünschen, Erzählungen.

Selbst den Rahmen haben sie zusammen entwickelt: «Gemeinsam 2» heisst das spielerisch gefundene Schauspiel. Gespielt wird mit den Wortteilen: ein-sam, gemein, mein, gemeinsam.

Da wurden Szenen gefunden, die durchaus unter die Haut gehen. Etwa, als eine ältere Frau zum Fernseher spricht, umgeben von Möbeln aus Karton, zu Sissi im Fernsehen so spricht: «Man kann uns Frauen ein Kind ja auch wegnehmen, wenn man nicht in der Lage ist, es aufzuziehen.»

«Gemeinsam 2» wird ein einziges Mal aufgeführt. Man dachte durchaus an mehrere Abende. Weshalb das nicht geklappt hat, liess sich nicht erschliessen; die Regisseurinnen deuten «interne Gründe» an. Geneigtes Publikum wäre durchaus vorhanden für solche Abende, wie sich in Wettingen zeigte bei der letzten Produktion – und bei vollem Haus.

Aus der Arwo in Wettingen kommen die meisten der sieben Schauspielerinnen und Schauspieler. Veranstalter ist der Insieme-Bildungsklub Aargau. Die Stiftung für Behinderte Arwo beschäftigt viele Leute. Sie sind oft in der Region zu sehen, sei es im Bus, im Laden, beim Spazieren.

Mancher mag sich wundern. Die meisten wird unweigerlich etwas fremd Anmutendes streifen. Diese Leute nun im Theater zu erleben, bewirkt zweierlei: Zum einen verringert sich das Fremde in Bezug auf Behinderte. Zum anderen werden wir uns selber merkwürdig – oder fremd.

Fremd ist alles Leben bei genauem Hinschauen – oder Dada. Ein Schauspiel mit Behinderten bekommt von allein ein Flair von Dada, eben nicht künstlich, sondern natürlich.

Von den Behinderten selber, das zeigte ein Besuch bei der Hauptprobe, kommt weit weniger Befremdung, als ihnen entgegengebracht wird. Dabei könnten sie, aus ihrer Warte, zum hundsnormalen Schmierentheater ja auch feststellen: «Wahnsinn.»

«Gemeinsam 2»: Theaters KANNdas, von und mit Menschen mit Handicap. Aufführung: 28. Mai, 19 Uhr. Reformiertes Kirchgemeindehaus Baden – Kollekte.