Die Leiterin des Hildegard-Kreises Reusstal (S. Box), Emmi Erni aus Oberrohrdorf, steht beim wabenförmigen Briefkasten und winkt. 50 Stufen geht es runter zur untersten Terrassen-Wohnung. «Beim Hochgehen werden Sie merken, ob sie fit sind oder nicht», sagt die 68-Jährige und lacht. Sie selbst fühle sich sehr fit – «körperlich und geistig»: Ein Grund dafür seien die Auswirkungen des letzten Aderlasses, bei dem ihr 15 Milliliter Blut entnommen worden seien. «Kein Hokuspokus mit Ritualen», attestiert Erni, «sondern eine normale medizinische Blutentnahme.»

Kopfsache, oder nicht

Erni führt durch ihren Garten, in dem ihre Hildegard-Kräuter wie Ringelblumen, Mutterkraut und Wermut wachsen. Dann bittet die ehemalige Lehrerin für textiles Werken herein und offeriert Kaffee mit selbst gebackenen Energie-Keksen. «Kräuter habe ich bereits als Kind durch meinen Vater lieben gelernt. Mit 36 kam ich in Berührung mit der Hildegard-Heilpraxis.» Aderlass mache sie seit 15 Jahren.

«Ein Aderlass kann nicht zu beliebiger Zeit durchgeführt werden», erklärt Erni. Der Vollmond spiele dabei eine ganz wichtige Rolle: «Wird in den ersten Tagen nach Vollmond eine Vene angestochen, fliessen mit dem ersten Blut auch Schadstoffe aus», erklärt Erni. Einmal seien ihr – «als ich es besonders nötig hatte» – 1,1 Deziliter Blut abgenommen worden. Das sei zwar viel für ihre Körpergrösse. «Doch zu diesem Zeitpunkt war es nötig. Der Aderlass reinigt den Köper.» Und er sei wie eine Befreiung. «Ich fühle mich danach immer sehr gut, kann besser schlafen und bin entspannter und gelassener.» Dass der Aderlass, wie so vieles andere, auch Kopfsache ist, streitet Erni nicht ab: «Gedanken wollen und können sich verwirklichen. Es ist ganz wichtig, wie man denkt und wie man die Dinge anpackt.»

Unter ärztlicher Aufsicht

Ihren letzten Aderlass hat Emmi Erni erst kürzlich im Zentrum Guthirt in Niederrohrdorf mit zehn anderen Frauen machen lassen. «Der Anlass wurde vom Hildegard-Kreis Reusstal organisiert und stand unter Beobachtung des Allgemeinmediziners Fabian Müller Fuchs aus Niederrohrdorf», sagt Erni. Für die Blutabnahme sei die Heilpraktikerin Verena Rehmann aus Ennetbaden zuständig gewesen. «Sie führt seit 10 Jahren eine Hildegard-Praxis in Ennetbaden», weiss Erni. Sie sei sehr froh, dass Rehmann in ihrer Nähe sei. «Früher fuhren wir für einen Aderlass nach Deutschland.»

Kopf-, Leber oder Herzvene

Verena Rehmann wurde die Komplementärmedizin in die Wiege gelegt. «Meine Mutter hat sich schon damit beschäftigt», sagt sie. Durch das Buch von Gottfried Hertzka (s. Kontext) sei sie selber auf die Hildegard-Heilkunde gestossen. «Mit einem einfachen Mittel wurde ich meine Stirnhöhlenprobleme los», erinnert sie sich. Das Schröpfen und der Aderlass seien Grundtherapien in der Hildegard-Heilkunde.

Rehmann selber ist Pflegefachfrau. Die Blutabnahme ist für sie deshalb täglich Brot. Bei einer Ärztin in Österreich hat sie ein Praktikum mit Schwerpunkt Hildegard-Heilkunde gemacht. «Früher hat man einen Aderlass mit einem Aderlassmesser gemacht.» Die Zeiten seien vorbei. «Ich brauche eine feine Nadel mit einem kleinen Schlauch.» Für den Aderlass zur Auswahl stehen die drei sichtbaren Adern in der Armbeuge – die Kopf-, Leber- oder Herzvene. Welche Ader gestochen wird, richtet sich nach den Beschwerden des Patienten. «Wichtig ist, dass das Blut ohne Stauung aus der Vene tröpfelt. Beim Aderlass ist es wegen den ausfliessenden Schlackenstoffen anfangs auffallend dunkel», sagt Rehmann. Werde das Blut heller, müsse gestoppt werden.

Diät und keine Elektronik

«Nach einem Aderlass soll man für zwei Tage die Aderlassdiät einhalten und sich drei Tage vor der Sonne und grellem Licht schützen», sagt Rehmann. Das bedeute auch, keine elektronischen Geräte zu verwenden. «Durch den Aderlass sind die Gefässe um die Augen sehr empfindlich.» Gute Erfahrungen hat Rehmann bei Kopfschmerzen, depressiven Verstimmungen, Blutdruckproblemen, hormonellen Störungen, Schlafstörungen, Müdigkeit und anderen chronischen Leiden. «Ich staune immer wieder selber, wie vielseitig der Aderlass nach Hildegard wirkt, und kann ihn deshalb empfehlen.»