Baden
Beim Glockenaufzug halfen die Jugendlichen: «Früher war viel Muskelkraft nötig»

Ein Blick in alte Dokumente zeigt: 1926 konnten die neuen Glocken der Stadtkirche Baden nicht termingerechtgeliefert werden – und beim Aufzug halfen zahlreiche Jugendliche mit.

Carla Stampfli
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Glockenaufzug am 1. Dezember 1926: Der Kirchplatz war gerappelt voll.

Glockenaufzug am 1. Dezember 1926: Der Kirchplatz war gerappelt voll.

Seit vier Wochen herrscht in der Glockenstube der Stadtkirche Baden Hochbetrieb: Bis August wird der historische Glockenstuhl umfassend restauriert (siehe az vom 15.3.). Dafür wurden die insgesamt sechs Glocken von den Monteuren der H. Rüetschi AG abgehängt und an Stahlträgern montiert, wo sie die nächsten Monate zwischenlagern. Gestern kamen die Monteure ihrem Ziel nun einen grossen Schritt näher (siehe Text rechts).

Heutzutage stehen Baugerüst und Pneukran zur Verfügung. Aber wie wurden die Arbeiten früher ausgeführt? «Grundsätzlich mit viel Muskelkraft und Seilen», sagt Jan Podzorski, Projektleiter der Aarauer Glocken- und Kunstgiesserei H. Rüetschi. Die Firma kennt die Glockenstube der Stadtkirche wie aus ihrer Westentasche: Die sechs Glocken und den Glockenstuhl hat sie 1926 selber geplant, hergestellt und installiert.

«Die Glocken wurden einst mit Pferdefuhrwerken transportiert. Bei den Glockenaufzügen hat man meistens Schulklassen eingeladen, damit diese mit Flaschenzügen die Glocken aufziehen.» Es sei früher Tradition gewesen, dass möglichst nur Kinder und Jugendliche die Glocken aufziehen – die kleinen von jüngeren Schülern, die grossen von älteren Schülern, sagt Podzorski.

Das bestätigt auch ein Blick ins Archiv des «Badener Tagblatts». Die Zeitung schrieb über den Glockenaufzug am 2. Dezember 1926: «Der alte Brauch, dass die Jugend die neuen Glocken in die Höhe bringen muss, wo sie Jahrhunderte schweben und leben werden, ist ein sinniger und es liegt über dem gangen Alt, wie fröhlich er sich auch abwickeln mag, Symbolik und Weihe.»

Vier Monate Verzögerung

Neben Jugendlichen waren auch weitere Hilfskräfte beim Glockenaufzug der Stadtkirche beteiligt. Wie aus dem Vertrag hervorgeht, der im Januar 1926 zwischen der H. Rüetschi und der katholischen Kirchgemeinde stipuliert wurde, unterstützte Letztere auf «ihre Kosten die Arbeit der Glockenmonteure durch geeignete Hilfskräfte». Ausserdem stellte sie «leihweise das für die Aufzugvorrichtung nötige Holz gratis zur Verfügung». Im Vertrag festgehalten ist ausserdem die Ablieferung des Werks, die im «Monat August 1926 geschehen» soll.

Gemäss «Badener Tagblatt» konnte der Termin jedoch nicht eingehalten werden. So schreib die Zeitung am 10. August 1926: «Das neue Geläute der katholischen Stadtkirche soll im September von der Firma Rüetschi in Aarau geliefert werden. Eigentlich war seine Ankunft schon früher vorgesehen, allein die Glockengiesserei musste das Geläute für Gossau zuerst vollenden, das eines der grössten ist für das ganze Gebiet der Schweiz.»

Die Bilder der aktuellen Demontage:

Alle sechs Glocken wurden an Stahlträgern unter die Decke der Glockenstube montiert
10 Bilder
Auch die ersten Teile des Glockenstuhls machensich auf den Weg nach Aarau
Das Joch der grössten Glocke wird hinuntergelassen
Das zweite Joch hängt am Kran
Die Glocken hängen nicht mehr am Glockenjoch. Sie sind nun an Stahlträgern unter der Decke der Glockenstube befestigt.
Die Glocken hängen nun ohne Klöppel an der Decke
Die Glockenjoche werden mit Pneukran nach unten transportiert
Früher musste alles mit Muskelkraft getätgt werden, heute übernimmt es der Kran
Im Sommer sollte dann alles wieder zurück im Turm sein
Mit einem Pneukran werden die Glockenjoche nach unten transportiert

Alle sechs Glocken wurden an Stahlträgern unter die Decke der Glockenstube montiert

Alex Spichale

Nach einem Verzug von knapp vier Monaten waren die Glocken schliesslich in Baden angekommen. «Der Glockenaufzug mit dem 5 Zentner schweren Hanfseil, das einen Ankaufswert von 2000 Franken repräsentiert, ging programmässig voran», heisst es im BT vom 2. Dezember 1926. Und weiter: «Die Jugend besorgte ihre Arbeit prompt, und wie sie dann zu ihrem ‹Spatz› kam, einem Cervelat mit Brot, da war ihr alles Wurst und ein fröhlicher Krieg um die Beute war die Folge.»

Es braucht viel Erfahrung

Obwohl die Technik in den letzten Jahrzehnten grossen Fortschritt gemacht hat: Die Sanierung des Glockenstuhls der Stadtkirche Baden fordert die H. Rüetschi AG heraus. «In der Regel hängen wir die leichteren Glocken entweder an das Gebälk des Dachstockes oder an provisorischen Stahlträgern auf. Die schweren Glocken stellen wir meistens auf den Boden», erklärt Jan Podzorski. Doch weil auch der Boden der Glockenstube saniert wird, musste die Firma alle sechs Glocken – mit einem Gewicht von insgesamt rund 13 Tonnen – unter der Decke der Glockenstube anbringen. «Das braucht viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl.»

Für die Sanierungsarbeiten, die bis August dauern werden, hat die Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden einen Kredit von 350 000 Franken gesprochen. Zwar können die Kosten nicht mit früher verglichen werden, dennoch ist ein Blick zurück interessant: Wie aus dem 1926 unterzeichneten Vertrag hervorgeht, wurden für das aus neuen Glocken bestehende Geläut Gesamtkosten von 49 500 Franken veranschlagt.