Baden

Beim Orpheus-Mythos des Aterballetto prallen Extreme aufeinander

Der Orpheus-Mythos lebt: Das Aterballetto zeigt eine fesselnde Deutung im Kurtheater Baden. Choreografie führt Mauro Bigonzetti. Der Italiener greift auf den Orpheus-Stoff zurück und variiert ihn auf aberwitzige Weise.

Auf der Bühne stehen Fässer, die Gebrauchsspuren verraten. Links und rechts glühen die Wände. Ein Flächenbrand im Kurtheater? Nein, nur im übertragenen Sinn.

Tanzt das italienische Aterballetto, scheint es stets alle und alles in Brand zu setzen. So auch bei seinem jüngsten Badener Gastspiel mit einer Choreografie von Mauro Bigonzetti.

Der italienische Choreograf greift auf den Orpheus-Stoff zurück und variiert ihn auf eine bisweilen geradezu aberwitzige Art und Weise: Athletisch, mit Bewegungen, die es im Grunde gar nicht gibt; mit jähen, brutalen Gesten, die den Zuschauer im Wechsel mit scheuen frieren lassen.

Zuckende und verknäuelte Körper erzählen nicht nur von Orfeo und Euridice, sondern ganz viele Geschichten von Mann und Frau und damit von Anziehung und Ablehnung, Hingabe und Leidenschaft, Trauer und Hoffnung.

Suggestive Kraft entwickelt sich

Viel zu viel, könnte man an dieser Stelle einwenden. Vielleicht, aber diese Überfülle ist beim Aterballetto Programm. Die Compagnie weiss nämlich: Ihre Körper- und Bildsprache entwickelt eine unglaubliche suggestive Kraft.

Jedenfalls ist das Aterballetto ein sicherer Wert im Hinblick auf Adrenalinschübe. Nicht allein der Tanz hat daran Anteil, auch die Beleuchtung, welche die Körper so ins Licht rückt, dass diese wie muskelbepackte Michelangelo-Skulpturen wirken.

Die Musik ist ein weiteres, tragendes Element. In «Canto per Orfeo» wird sie nicht eingespielt, sondern erfolgt live vom Trio Kitarodia um Antongiulio Galeandro (Akkordeon), Cristina Vetrone (Akkordeon, Gesang) und Lorella Monti (Gesang).

Viele Massenszenen

Der raue, archaische Klang fährt ein - ist schlechthin ideal für die hitzigen Bewegungsspiele auf der Bühne. Massenszenen bestimmen den ersten Teil von Bigonzettis Choreografie.

Aus den geometrischen oder scheinbar ungeordneten Bewegungsketten schälen sich Orfeo und Euridice heraus - und damit thematisiert Bigonzetti sein Lieblingsthema: Die Begegnung zwischen Kollektiv und Individuum.

Das Kollektiv setzt die Fässer explosiv in Schwung oder lässt sie kreiseln; die Körper sind Rhythmusinstrumente. Nach der Pause ein Pas de deux - ohne Happy End.

Auch bei Bigonzetti bleibt Orfeo der Abschied von Euridice nicht erspart. Aus der Tiefe eines Fasses recken sich jedoch ihre Hände empor und überreichen dem Musiker Orfeo ein Akkordeon. Zum Heulen schön.

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