Baden
Beizenverbot für Werkhof-Arbeiter: Wirte und Bürger haben Erbarmen

Die Mitarbeiter des Werkhofs Baden dürfen spendierte Kaffees nur noch draussen trinken. Das sorgt bei Wirten und Lesern für heisse Köpfe. Viele Beizer verstehen sich gut mit den Werkhof-Arbeiter und offerieren ihnen gerne eine «Aufwärmung».

Sabina Galbiati und Nadia Rohner
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Badener Wirte spendieren den Strassenreinigern und Müllmännern vom Werkhof ab und zu einen Kaffee. Sie verstehen nicht, weshalb die hart arbeitenden Männer den Kaffee nur noch draussen vor der Tür trinken dürfen.

Dies schreibt die Regelung des Organisationshandbuchs der Stadt Baden vor: Ausserhalb der regulären 30-Minuten-Pause am Vormittag seien «Einladungen und Getränkeangebote der Bevölkerung während maximal fünf Minuten toleriert».

Damit die fünf Minuten nicht überschritten werden, sollen die Mitarbeiter den Kaffee nur noch draussen trinken. Für die Pause von 9 bis 9.30 Uhr ist es den Mitarbeitern überlassen, ob sie in ein Restaurant gehen oder zurück zum Werkhof fahren.

Die Regelung besteht bereits seit 2012, doch weil sich nicht alle Arbeiter daran gehalten haben, musste die Werkhofleitung eingreifen. «Wir haben den Mitarbeitern klargemacht, dass die Regeln für alle gelten und nicht verhandelbar sind», erklärte Werkhofleiter Thomas Stirnemann auf Anfrage.

Wirt: «Sie hätten Kaffee verdient»

Stadtrat und Ressortvorsteher Liegenschaften/Anlagen Roger Huber sagt: Der gesamte Stadtrat habe das Organisationshandbuch, das per ersten Januar 2012 überarbeitet worden sei, abgesegnet. «Insofern stehen ich und der gesamte Stadtrat hinter dieser Arbeitszeitregelung. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.» Die Beizer können zwar verstehen, dass man die Spielregeln befolgen muss. Sie kennen aber auch die Arbeiter vom Werkhof gut.

André Stalder vom Restaurant Hirschli sagt: «Die machen wirklich einen guten Job. Wenn ich ein Problem habe, helfen die Leute vom Werkhof immer.» Er bietet den Werkhofarbeitern ein- bis zweimal pro Monat einen Kaffee an.

«Sie hätten ihn verdient, schlagen ihn aber meistens aus, weil sie keine Zeit haben und nicht dürfen», sagt er. Hinter dem Beizenverbot vermutet er Neid der anderen Arbeiter. Auch bei Wirt René Felder vom Restaurant Isebähnli sagen die Arbeiter fast immer Nein zum Kaffee.

«Früher trank man sogar noch ein Bier, aber diese Zeiten sind längst vorbei.» Vom Beizenverbot hält er wenig: «Wenn die Arbeiter mal zur Toilette müssen, lasse ich sie auf jeden Fall rein.» Man müsse auch den Menschenverstand walten lassen, sagt er. «Wir halten alle mal einen Schwatz, dafür arbeiten wir nachher schneller.»

In der Online-Umfrage auf www.aargauerzeitung.ch stellen sich die Leser auf die Seite der Arbeiter: Stand gestern 16 Uhr fanden 75 Prozent und damit rund 460 Nutzer das Verbot übertrieben. Rund 150 Nutzer gaben der Werkhofleitung recht.

Noch eindeutiger fielen die Kommentare aus: «Solange die Arbeit nicht wirklich darunter leidet, sehe ich keinen Grund, das wärmende Käfeli in der wärmenden Stube zu verbieten», schreibt ein User.

Die Leser stören sich vor allem daran, dass die Arbeiter bei Kälte, Schnee und Regen nicht an die Wärme gehen dürfen, während Büroleute im klimatisierten Büro sitzen. In einem anderen Kommentar heisst es: «Meinen Aussendienst- und Innendienstmitarbeiter werden kurze Pausen ausserhalb der regulären Pausen zugestanden. Dafür bleiben Arbeitsleistung und Qualität konstant hoch.»

Post: Gratis-Kaffee in Beiz möglich

Ähnlich handhabt die Schweizerische Post die Pausen: «Jeder Mitarbeitende in der Zustellung hat Anrecht auf eine Viertelstunde Pause. Wo und wann er die nimmt, ist ihm überlassen.

Zudem kann er das Angebot zu einem Kaffee unter der Bedingung annehmen, dass er die Tour nicht verzögert und zum normalen Zeitpunkt wieder in der Zustellstelle eintrifft», sagt Post-Sprecherin Nathalie Dérobert Fellay.