Was ist Heimat? Für Cristoforo Spagnuolo, den künstlerischen Leiter der Wettinger Kammerkonzerte (WKK), «ist das ein grosses Wort, gerade weil es so vieles mehr ist als ein Geburtsort». Musik kann ebenfalls Heimat sein. Beispielsweise für Bettina Boller. Die international renommierte Schweizer Geigerin ist der erste Artist in Residence der Wettinger Kammerkonzerte.

Dass die Wahl auf sie fiel, ist alles andere als ein Zufall. Wer die Musikerin in Konzerten, oft mit Stücken des abgelegenen oder zeitgenössischen Repertoires, erlebt hat; wer weiss, wie sehr sie Bekanntes gegen den Strich bürstet, um das Publikum auf Schlummerndes oder Wiederentdecktes aufmerksam zu machen – der schliesst sich Spagnuolos’ Einschätzung über sie an: «Bettina Boller hat keine Angst, das Herbe, sogar das Hässliche als ästhetische Kategorie in ihr Spiel aufzunehmen.»

Setzt sie denn der oft gehörten Nur-Schönheit und dem Glättenden bewusst Widerborstiges entgegen? Bettina Boller winkt ab. «Ich mache das keineswegs extra. Für mich ist Musik Sprache – und da ist eben nicht alles, was es zu erzählen gibt, schön.» Deswegen führt die Musikerin in ihrer Farbpalette auch «hässliche» Klänge mit.

«Diese rauen, schillernden, staubigen Schatten- und Nebelfarben brauche ich häufiger als den reinen Schönklang, der mich – zu ausschliesslich eingesetzt – bald langweilt.»

Ergo ist es nur folgerichtig, dass die Geigerin das Risiko und den bedingungslosen Ausdruck im Moment – «mit allen Konsequenzen», wie sie betont – liebt. «Aber», fügt sie sogleich hinzu: «Ich setze auch den Schönklang gerne ein.» Wann denn? «Wenn es die Musik in meiner Empfindung verlangt.»

«Diese Sonate ist monumental»

Mithin darf man gespannt sein auf ihre drei Wettinger Konzerte, die sie in wechselnden Formationen bestreitet. Eines ist auf jeden Fall sicher: Bequem wird es Bettina Boller dem Publikum nicht machen. Bereits das erste Programm mit Ludwig van Beethovens kratzbürstiger Kreutzer-Sonate und Wilhelm Furtwänglers praktisch nie gespielter Violinsonate Nr. 1 ist eine einzige Herausforderung.

Furtwängler kennen die Konzertbesucher primär als Dirigenten. Dass dieser auch komponiert hat, ist zwar bekannt, aber – so das Vorurteil – der Komponist Furtwängler kann mit dem Dirigenten Furtwängler nicht mithalten.

Weshalb die ungewöhnliche Kombination? «Kommen Sie ans Konzert und Sie werden es erleben», sagt Bettina Boller lachend, und schon kommen in rascher Folge die Enthusiasmus verratenden Begründungen, weshalb sie und der Pianist Walter Prossnitz das Werk spielen. «Diese Sonate gehört für mich zu den spannendsten Entdeckungen der letzten Jahre.

Sie ist monumental; allein schon der erste Satz dauert etwa 17 Minuten. Und: Diese Sonate hat eine grosse Suggestionskraft und Bildergewalt. Sie verlangt Farben im kaum hörbaren Bereich bis zu aggressivsten, geschärften Klängen – einfach alles, was ich meiner Geige entlocken kann.»

Beethovens Sonate sei zu Furtwänglers Werk das Schwester-Stück aus früherer Zeit, ergänzt die Musikerin und kommt dann auf ihre weiteren Wettinger Konzerte zu sprechen.

Mit dem Absolut Trio spielt sie etwa Schönbergs für Streichsextett geschriebene «Verklärte Nacht» in der wunderselten gespielten Triofassung des Pianisten Eduard Steuermann. Weshalb? Der Geigenpart, so Boller, entspreche in dieser Bearbeitung für Klaviertrio fast ganz dem Original.

Das Cello wiederum wechsle innerhalb der übrigen Stimmen; das Klavier übernehme schliesslich «den grossen Rest». «Dem weichen Streicherklang der Sextettfassung wird durch das Klavier etwas ‹Knöchernes› und Perkussiveres beigemengt, was den reinen Schönklang aufbricht», sagt Bettina Boller und wendet sich lächelnd an ihr Gegenüber: «Sie ahnen es: Mir gefällt die Klavierfassung fast am besten.»

Eine lange Liebesgeschichte

Dreimal widmet sich die Geigerin als Artist in Residence in Programmen wie «Sehnsucht», «Liebe» und «Verführung» dem unerschöpflichen Thema «Heimat». Bettina Boller knüpft daran an und erzählt dazu eine kleine Geschichte.

«Seit meinem 18. Lebensjahr verbindet mich mit meiner jetzigen Violine eine lange Liebesgeschichte. Vor drei Jahren hat das Instrument meines ehemaligen Professors den Weg zu mir gefunden.Erst jetzt fühle ich, dass ich ganz und gar angekommen bin. Diese Violine beruhigt mein leicht erregbares Gemüt und hilft mir, mich zu fokussieren.» Oder anders gesagt: Diese Geige ist für Bettina Boller Heimat.

Wettinger Kammerkonzerte Fr 25. Oktober, 20 Uhr, Musiksaal Margeläcker.