Die Niederwiler Turner nennen ihn liebevoll «Berti». Als 16-Jähriger fing Albert Wendel mit Geräteturnen an, seit 21 Jahren ist er Mitglied der Aktivriege im STV Niederwil und auch Teil der Gymnaestrada-Gruppe «The Rock». Mit dieser wird er im Juli in Finnland zum 6. Mal an der Welt-Gymnaestrada teilnehmen. Das ist schon mal nicht schlecht. Wirklich bemerkenswert ist aber die folgende Tatsache: Mit 64 Jahren ist er bei weitem einer der ältesten teilnehmenden Turner.

Bereits im Schulalter packte Wendel das Turnfieber. Reck, Barren und Schaukelring wurden zu seinen besten Kameraden. Bald war er Jugileiter und Oberturner, damals beim STV Künten und auch J&S Leiter. Als Wertungsrichter kam er an Kantonalen und Schweizer Meisterschaften zum Zug. Zum STV Niederwil kam er auf Umwegen. Nach einer Fusion des ehemaligen STV Künten mit einem anderen Verein passte ihm die neue Vereinsstruktur nicht mehr. Wendel hörte auf. Ein Freund fragte ihn damals, ob er an die Welt-Gymnaestrada in Berlin 1995 mitgehen möchte. An der Gymnaestrada, die alle vier Jahre stattfindet, kommen verschieden Turngruppen der ganzen Welt zusammen und präsentieren ihre Darbietungen, ohne bewertet zu werden. Für Wendel kam die Teilnahme nur infrage, wenn er regelmässig trainieren konnte. Schliesslich wird an der Gymnaestrada ein gewisses Niveau erwartet. Der Freund schlug vor, beim STV Niederwil zu trainieren. Er sagte kurzerhand zu und wechselte 1994 den Verein.

Seit dem sind 21 Jahre vergangen und der «Jungturner» ist zu einem festen Mitglied im STV Niederwil geworden. Obwohl Wendel in Künten aufwuchs und in Mellingen wohnt, fühlt er sich bei den Freiämtern heimisch. «Mir gefällt die Kameradschaft und Leitung im Verein. Mit so vielen Jungspunden zu trainieren, hält einen selbst jung», erzählt der Reck- und Barrenliebhaber. Locker turnt der fitte Senior mit, lediglich die Schaukelringübungen musste er herunterschrauben. Sein Alter hält das Training keineswegs auf. Von Wendels Erfahrung profitieren die Jungen in der Aktivriege. Sein gewieftes Wertungsrichterauge erkennt Schwächen oder Fehler sofort. Auch passende Verbesserungsvorschläge folgen sogleich. Gemeinsam mit dem STV Niederwil holte er den Titel Aargauer Meister 2004 am Reck und 2007 am Barren. Mittlerweile gehört er zum harten Kern von «The Rock». Sechsmal war er schon an der Gymnaestrada, zum vierten Mal mit «The Rock». In Helsinki tritt die Gruppe erneut auf, mit Tanz- und Akrobatikeinlagen, begleitet von Rockmusik.

Schon mehrmals auf dem Podest

Auf seine Turnerkarriere kann der Wahlfreiämter mit Stolz zurückblicken. Mehrere Male schaffte er es aufs Podium bei Aargauer und Schweizer Meisterschaften im Mehrkampf, am Barren oder Reck. Den regelmässigen Wettkämpfen hat er allerdings den Rücken zugewandt. «Es ist eine Gratwanderung. Solange ich mir nicht wehtue, heisst es: Oh, so ein cooler Typ! Sobald ich mir irgendeinen Fehler erlaube oder eine Verletzung zuziehe, wird es lauten: Was für ein Idiot turnt noch in diesem Alter?», erläutert Wendel.

Erfolgsgeheimnis: «Gutes Essen»

Trotz aller Erfahrung: Die Nervosität vor den Auftritten packt Wendel stets noch. Das brauche es auch, um wach im Kopf zu sein. Die Anfangsanspannung sei normal und verfliege im Verlauf des Wettkampfes.

Was sein Geheimnis für den ungebrochenen Elan ist, weiss er nicht recht. «Vielleicht eine gute Frau, die gut kocht.» Wie lange er noch turnen mag, hänge von seiner körperlichen Verfassung ab. Solange es Spass mache und ohne Verletzungen gehe, turne er ein oder zwei Jahre weiter. Unter seinen drei Söhnen ging kein passionierter Turnnachfolger hervor. Die Hoffnung ruht derweil auf seinem Enkelkind. Letztes Jahr ist Albert Wendel nämlich Grossvater geworden. «Das wäre schön, doch es soll schlussendlich machen, was es möchte», sagt «Berti» mit einem Lächeln.