Nach dem dritten Stück wird das Tuscheln im Publikum immer grösser. Jeder weiss: Jetzt kommt gleich Schwanensee von Tschaikowski. Sicher haben es viele schon als Ballett gesehen und so mancher hat vielleicht noch Black Swan, den Film mit Natalie Portman, in Erinnerung. Es sind die Ohrwürmer aus dem wohl berühmtesten Ballett – der Walzer aus dem ersten Akt und noch mehr das Allegro Moderato aus dem zweiten. Die Armbewegungen von Dirigent Karl Herzog sind jetzt fliessend und rund, bei diesem Höhepunkt des Neujahrskonzerts, mit allen vier Akten allein rund 30 Minuten lang.

Primaballerinen aber werden dem Konzertbesucher vorenthalten. Das Ballett muss er sich hinzudenken. Herzogs Anspruch ist es, die Bilder tanzender Schwäne in den Köpfen entstehen zu lassen. Die Zuhörer sollen sich selbst hineinversetzen in das Zauberreich, wo das Gute und das Schöne herrschen, romantisch und märchenhaft. Beeindruckend wie das Leitmotiv immer wieder neu aufgegriffen wird – leise und zart von den Holzbläsern, laut und dramatisch, nachdem die Blechbläser miteingestiegen sind.

Klarinettisten mit Grosseinsatz

Diese haben im rund 70-minütigen Neujahrskonzert vergleichsweise wenige Einsätze. Am meisten arbeiten müssen die Klarinettisten, die besonders zahlreich auf der Bühne sitzen, und die Querflöten. Sie übernehmen in den für symphonische Blasorchester arrangierten Stücken vornehmlich die Parts der Streicher, die, bis auf Cello und Kontrabass, in Gebenstorf fehlen. Das ist bei Tschaikowski so, aber auch bei den anderen drei Programmpunkten von Emil Nikolaus von Reznicek, Aram Chatschaturjan und Dimitri Schostakowitsch. Bei von Reznicek kann man den Walzer der alten Donaumonarchie geradezu heraushören – leicht wie die Glöckchen bei einer winterlichen Schlittenpartie. Tänze bildeten den roten Faden des Programms, für Dirigent Herzog ein passendes Motto für ein Neujahrskonzert: mit Schwung und Energie 2015 beginnen.

Viele Worte machen die Verantwortlichen nicht. Lediglich Präsident Philipp Merlo begrüsst. Eine Moderation des Konzerts gibt es bewusst keine: Herzog: «Manchmal ist das Wort eher bremsend für die Fantasie.»

Keine Tänzer, die ablenken

«Grosses Kompliment», sagt eine Besucherin aus Niederrohrdorf, seit vielen Jahren Stammgast, hinterher zu ihm. Bei ihr hinterlässt das Konzert einen ganz eigenen Effekt. Weil keine Tänzer auf der Bühne stehen, kann sie sich voll und ganz auf die Musik konzentrieren. Sie sagt: «So habe ich heute viel Neues gehört, was ich früher vor lauter Schauen nicht gehört habe.»