Baden-Dättwil
Besitzerfamilie will aus Dättwiler «Pinte» notfalls Wohnungen machen

Das stösst einigen Ortsbürgern sauer auf: Der Gemeindeversammlung von Montag wird ein Nachtrag zum Baurechtsvertrag Restaurant Pinte in Dättwil vorgelegt. So veranlasste es die Besitzerfamilie der «Pinte».

Roman Huber
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Patrick Troxler, Küchenchef und Inhaber der Restaurant Pinte Dättwil AG, vor der Dättwiler Traditionsbeiz.

Patrick Troxler, Küchenchef und Inhaber der Restaurant Pinte Dättwil AG, vor der Dättwiler Traditionsbeiz.

Jiri Reiner

Im Nachtrag soll die «Aufhebung der Verpflichtung zum Betrieb des Restaurants» festgeschrieben werden. Dättwiler und Ortsbürger befürchten nun, dass damit das Ende der letzten Beiz in Dättwil neben der «Täfern» besiegelt sei. Oskar Matter ist mit dieser Änderung nicht einverstanden: «Die Ortsbürgergemeinde hat das Areal mit der Absicht gekauft, das Restaurant zu erhalten.»

Es wäre ein Fehler, diesen gesellschaftlichen Wert preiszugeben. Die Existenz einer Dorfbeiz dürfe heute nicht aufs Spiel gesetzt werden, führt Matter aus. Er verweist ausserdem auf das Baugebiet Galgenbuck gegenüber der «Pinte». «Unvorstellbar, wenn dieses Wohnquartier dann ohne Restaurant dastünde.» Auch Isabelle Wanner, GLP-Einwohnerrätin, appelliert an die Mitglieder der Ortsbürgergemeinde, dass sie eine solche Änderung des Baurechtsvertrages zumindest im jetzigen Zeitpunkt ablehnen sollen.

Ortsbürgerrestaurants in Spreitenbach und Wettingen: Die Gäste im Rittersaal speisen hinter dem Panoramafenster

Das Restaurant Schloss Schartenfels ist das Juwel der Wettinger Ortsbürger. Seit sie es 1978 kauften, lassen sie regelmässig einzelne Elemente erneuern. «Wir haben diese Investitionen noch nie bereut», sagt Emil Bosshart, Präsident der Ortsbürgerkommission. Das gilt auch für die 2,16 Millionen Franken, mit denen die Technik verbessert und ein Panoramafenster eingebaut wurde. Dieses hat aus dem Rittersaal eine unvergleichliche Aussichtsplattform gemacht. Dabei haben die Ortsbürger einen Mehraufwand von rund 280 000 Franken in Kauf genommen. Das Geld floss vor allem in Denkmal- und Heimatschutzmassnahmen.
Um zur Belebung des historischen Dorfzentrums Spreitenbach beizutragen, haben auch die Spreitenbacher Ortsbürger das Restaurant Sternen ganz neu aufleben lassen. Sie investierten 12,5 Millionen Franken in den im Jahre 2007 eröffneten Wohn- und Restaurantbau am Sternenplatz. (DM)

Die «Pinte» bleibt offen

«Keine Angst», wirft Karin Mueller-Mäder, Vertreterin der Besitzerfamilie, ein. «Die ‹Pinte› läuft unter der jetzigen Führung sehr gut, und eine Veränderung steht derzeit nicht zur Diskussion», gibt sie zu verstehen. Pächter Patrick Troxler doppelt nach: «Ich setze auf die ‹Pinte› und werde sie auch dorthin bringen, wo sie in den erfolgreichsten Zeiten gewesen ist.» Troxler hat Kenntnis von der vertraglichen Anpassung.

Auch wenn Troxler die «Pinte» verlassen möchte, würde man einen Nachfolger suchen, betont Karin Mueller-Mäder. «Wir möchten uns aber nicht länger durch diese Baurechtsklausel binden lassen», fügt sie an. Mit diesem Nachtrag zum Baurechtsvertrag wolle sich die Besitzerfamilie vielmehr die Möglichkeit eröffnen, Wohnungen einzurichten, falls es für den Restaurant-Betrieb einmal keine Zukunft mehr gäbe.

«Die Gastronomie hat sich stark verändert. Es ist heute schwierig, einen solchen Betrieb rentabel zu führen», so Mueller-Mäder. Allein in den Jahren 2009/2010 habe der Betrieb sogar ohne Pachtzins einen Verlust von bis zu 80 000 Franken eingefahren.

Letzte Möglichkeit offenhalten

Bereits im März 2011 stellte die Familie an die Ortsbürgergemeinde das Gesuch, das Restaurant in eine Vier- und eine Dreieinhalbzimmerwohnung umbauen zu lassen. Der Rechtsanwalt der Baurechtnehmerin stellte infrage, dass eine vertragliche Verpflichtung zur Führung eines Restaurants auf die Dauer von 100 Jahren rechtlich zulässig sei. Dies ergab auch das juristische Gutachten eines Baurechtsspezialisten. Nach dessen Auffassung gelte das bereits nach 26 Jahren, so lange ist die Familie Mäder-Reinle im Besitz der «Pinte».

Die Ortsbürgergemeinde hätte deshalb bei einer Schliessung keine rechtlichen Möglichkeiten, die Verpflichtung rechtlich durchzusetzen. Es bestünde in einem solchen Fall ein vertraglich ungeregelter Zustand. Deshalb erachtet es der Stadtrat als Vorstand der Ortsbürgergemeinde als sachgerecht, diese Verpflichtung aufzuheben und in einem Nachtrag das gegenseitige Verhältnis für den Fall einer Schliessung zu regeln.

Das traditionelle Gastlokal Pinte gibt es seit 1866. Die Ortsbürgergemeinde, die selber mit der «Baldegg» ein Restaurant besitzt, hat im Jahr 1988 der Familie Mäder-Reinle das Baurecht auf 100 Jahre zugesichert. Diese steckte 3 Millionen Franken in den Umbau. Ab 1990 brachte Spitzenkoch Bernhard Bühlmann die Dorfbeiz zum Blühen und holte in den besten Jahren 17 «Gault Millau»-Punkte.

Mit dem schärferen Wind in der Gastrobranche kam es zum Zerwürfnis zwischen der Familie Mäder und Bühlmann. Ein Verkauf der Liegenschaft an Bühlmann stand zur Diskussion, lag jedoch mit 3,5 Millionen Franken ausserhalb dessen finanzieller Reichweite.

Anfang 2007 verliess Bühlmann die «Pinte». So stieg Karin Mueller-Mäder von der Besitzerfamilie ins Gastro-Geschäft ein. 2008 gründete die Familie als Basis die Restaurant Pinte Dättwil AG. Vor einem Jahr verkaufte sie diese AG an Nina und Roland Bhend sowie an Pächter Patrick Troxler.

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