Der Tod: Ich stehe in der Mitte eines absolut dunklen Raumes. Stille, schwarz, geruchlos. Meine Vorstellung vom Tod hat einen Fehler: In ihr existiere ich immer noch. Wie die meisten Menschen kann ich mir nicht vorstellen, eines Tages nicht mehr zu sein. Doch jetzt weiss ich sogar, welches Bild auf meine Trauerkarte für meine Angehörigen und Freunde kommt. Es ist ein Baum.

Ich habe bei den «Badener Bestattungen» eine Vorsorge gemacht. «Vorsorge»: Mein Ableben ist nun geplant und vorfinanziert – theoretisch.

Vor wenigen Monaten hat das Unternehmen seine Beratungsräume in Wettingen bezogen. Denn immer mehr Menschen planen ihr Leben nach dem Tod, «obwohl er ein hartnäckiges Tabuthema ist», sagt Gesamtleiter Roland Wunderli. Drei Jahre habe er gesucht, bis er geeignete Räume für das Unternehmen gefunden habe. «Viermal hätte es beinahe geklappt, doch wenn ich erzählte, dass wir Bestattungen planen und Kunden beraten, hiess es immer, ‹lieber doch nicht, was sollen auch die Anwohner denken›», erzählt Wunderli.

Sterben ist tabu. «Obwohl es das Sicherste im Leben ist», sagt Wunderli. Gerade ältere Menschen planten ihre Bestattung, wenn sie keine Angehörigen mehr haben oder ihnen nicht zur Last fallen wollen.

Helles Parkett, ein Kerzenständer, darauf drei brennende Kerzen, ein Regal mit Urnen, sieben Särge, ein grosser Tisch. Als ich den Beratungsraum der «Badener Bestattungen» an der Etzelstrasse 13 in Wettingen betrete, habe ich nicht das Gefühl, in den kommenden zwei Stunden meine Beerdigung zu planen. Erst recht nicht, als Bestatter Michael von Arx die Formulare auf den Tisch legt.

Würde ich tatsächlich bald sterben, wäre ich jetzt nervös, vielleicht würde ich mir Tränen verkneifen müssen. So aber bin ich bei einem normalen Vorsorgegespräch. Zuerst braucht von Arx meine Personalien. Er notiert alles auf dem Formular.

Flugzeug, Fluss oder Baum?

Das eigentliche Planen beginnt: «Wer soll sofort benachrichtigt werden, wenn Sie sterben», möchte von Arx von mir wissen. Meine Familie, meine engsten Freunde, sage ich und hoffe, dass sie nicht vor mir sterben.

«Möchten Sie eine Beerdigung oder eine Kremation?» Ich weiss es nicht. Krematorien haben Filteranlagen, so gelangen keine Rückstände in die Umwelt. Das klingt sympathisch.

«Auf welchem Friedhof soll ihre Urne beerdigt werden?» «Badener Bestattungen» betreut rund 20 Gemeinden im Bezirk. Beerdigen lassen kann ich mich in meiner Wohngemeinde, gegen Aufpreis teilweise auch in anderen Gemeinden. Aber ich will kein anonymes Gemeinschaftsgrab und meine Angehörigen sollen nicht ständig mein Grab pflegen müssen.

Lasse ich meine Asche in einen Fluss streuen? Meine Hinterbliebenen sollen mich aber besuchen können. Die Vorstellung, wie sie an meinem Grab stehen, schnürt mir die Brust zu. Es ist ja nicht echt; ich sterbe noch nicht; alles ist gut, sage ich mir im Gedanken.

Dann finden wir eine Lösung: Ich buche eine Waldbestattung. Man kann sich an dafür vorgesehenen Orten in der Schweiz einen Baum aussuchen. Dort wird die Urne in der Erde vergraben.

Billig ist das nicht. Ein Baum für 20 Jahre kostet gut 4000 Franken. Stirbt der Baum, wird er ersetzt. Die Asche aus einem Heissluftballon zu verstreuen, kostet 3000 Franken. Vier Personen dürfen in die Gondel, zwei Stunden dauert der Flug, Bestattungsfotos inklusive.

Mit dem Flugzeug für zwei Personen mit einer Flugstunde bezahlt man 1000 Franken weniger. Diese Angebote macht aber nicht «Badener Bestattungen», sondern eine Firma, die sich auf diese speziellen Bestattungsformen spezialisiert hat.

Herr von Arx wird später mit der Firma alles absprechen und schriftlich bestätigen lassen, inklusive Kosten. Überhaupt werden alle Kosten vorab genau geklärt und später eine saubere Rechnung erstellt.

Ich wähle einen unbehandelten Tannenholzsarg mit Baumwollauskleidung, 950 Franken. Unbehandelte Holzurnen gibt es ab 180 Franken. Ich wähle eine runde von «Urne.ch» aus der Kollektion «yasura», japanisch für «Holz berührt die Seele», Kostenpunkt 220 Franken.

Zwei Tage werde ich mich aufbahren lassen in meinem Bio-Sarg, damit sich meine Angehörigen verabschieden können. Dabei werde ich eine weisse Rose in meinen Händen halten. Ich bestelle ein Bestattungskleid, könnte aber auch eigene Kleider tragen, sogar mein Hochzeitskleid.

Während ich Herrn von Arx die Fragen beantworte, schwebe ich in meiner Vorstellung über meinem aufgebahrten Ich, sehe, wie meine Freunde am Sarg vorbeigehen. Das macht mich traurig. Alles ist gut, noch ist es nicht so weit, beruhige ich mich.

Planbar bis zum Minzblatt

«Möchten Sie eine Trauerfeier in der Kirche?» Ich bin katholisch, aber Kirchen finde ich befremdend und ein fremder Pfarrer, der vom Tod spricht, während meine Familie auf Holzbänken sitzt und weint?

Was für Alternativen habe ich? Herr von Arx schlägt mir einen Freiredner vor, Kostenpunkt 1200 bis 2000 Franken. Ich könnte auch eine Feier ohne Redner oder Pfarrer machen. Ich wähle den Redner.

«Badener Bestattungen» hat davon nichts. Das Geld bekommt allein der Redner, der bei meiner Trauerfeier sprechen wird. Von Arx notiert in seinen Formularen, dass die Trauerfeier mit Apéro bei meinem Baum stattfinden wird. Bei Regen wird ein Zelt aufgestellt. Es gibt nichts, was man nicht in die Vorsorge aufnehmen kann.

Das ganze Menü könnte ich bis zum Minzblatt auf dem Zitronensorbet planen. Tue ich aber nicht.

Von Arx notiert pauschal 1500 Franken und den ungefähren Rahmen des Apéros. Sollte das meinen Angehörigen nicht genügen, dürfen sie noch ergänzen.

Die Todesanzeige: Ich überlasse sie der Gemeinde, so wird in der Zeitung nur vermerkt, dass ich gestorben bin. Das ist gratis. Sonst kostet eine Todesanzeige je nach Zeitung und Grösse des Inserats 1200 bis 2700 Franken.

Auf der Trauerkarte an meine Angehörigen wird der Baum zu sehen sein, unter dessen Ästen meine Urne vergraben wird. Von Arx und ich besprechen die Adressliste. Nach zwei Stunden ist alles geplant.

Von Arx wird alle Kostenpunkte ausarbeiten und eine Rechnung mit 10 Prozent Teuerung erstellen. Ich werde die rund 8500 Franken auf einem Konto des Schweizerischen Verbandes der Bestattungsdienste einzahlen.

Von dem Geld ist nur ein Bruchteil für «Badener Bestattungen», auch die Vorsorge kostet nichts. «Wir verrechnen nur etwas, wenn jemand im Nachhinein immer wieder seine Wünsche ändert», erklärt von Arx. Sollte dereinst nicht das ganze Geld gebraucht werden, ist notiert, dass der Vorsorgeüberschuss an meine Angehörigen geht.

Eine Kopie des Vertrags bekommen meine Wohngemeinde, ich und meine Angehörigen. Ist alles bezahlt, bekomme ich einen Vorsorgeausweis für mein Portemonnaie. Sicher: Der Tod ist ein Geschäft, aber so kann ich wenigstens bestimmen, was ich kaufe, denke ich mir.