Bezirksgericht Baden

Betrug, Misswirtschaft und unsorgfältige Operationen: Frauenärztin verurteilt

Die Frauenärztin wurde teilweise freigesprochen, aber unter anderem wegen Urkundenfälschungen verurteilt (Symbolbild).

Urteil: 18 Monate Freiheitsstrafe bedingt

Die Frauenärztin wurde teilweise freigesprochen, aber unter anderem wegen Urkundenfälschungen verurteilt (Symbolbild).

Das Bezirksgericht spricht eine Frauenärztin vom Vorwurf der schweren Körperverletzung in drei Fällen frei. Für zahlreiche weitere Fälle von Betrug, Urkundenfälschung und Misswirtschaft wird sie verurteilt – und sie muss hohe Genugtuungen zahlen.

Es war ein ziemlich aussergewöhnlicher Fall, der am Dienstag am Bezirksgericht Baden verhandelt wurde. In einer 32 Seiten dicken Anklageschrift wurde einer Frauenärztin, die früher in Baden und in Wettingen praktizierte, satte 18 Straftaten vorgeworfen: darunter mehrfache schwere Körperverletzung, mehrfacher Betrug, mehrfache Urkundenfälschung, Veruntreuung und Misswirtschaft.

Die Gynäkologin hat schon früher für Schlagzeilen gesorgt. 2015 bestätigte das Bundesgericht ein Berufsverbot des Aargauer Gesundheitsdepartements gegen sie. Dieses wurde 2008 verhängt, weil bei Operationen seit 2004 im «Institut für moderne Heilkunde IMH» an der Rütistrasse in Baden drei Frauen so schwere Nachblutungen und Verletzungen am Unterleib erlitten, dass sie von der Ambulanz unter Lebensgefahr ins Kantonsspital Baden gebracht und dort notoperiert werden mussten.

Gynäkologin muss wegen Betrug und Urkundenfälschung vor Gericht

Gynäkologin muss wegen Betrug und Urkundenfälschung vor Gericht

Drei Frauen soll die Gynäkologin während einer Operation in ihrer Praxis verletzt haben. Heute stand die Österreicherin vor dem Bezirksgericht Baden.

Die Ärztin hatte das Berufsverbot via Verwaltungsgericht bis nach Lausanne gezogen. Die Bundesrichter bestätigten aber das Verbot. Bereits 2011 entschied das Versicherungsgericht, dass die Ärztin dem Krankenkassenverband Santésuisse im Namen von 38 Krankenversicherungen 700'000 Franken zurückzahlen muss.

Aus Afghanistan angereist

Am Dienstag ging es nun um die strafrechtlichen Konsequenzen der Vorfälle. Die mittlerweile 66-jährige Österreicherin reiste dafür extra aus Afghanistan nach Baden. Dort praktiziert sie seit vier Jahren in einem Krankenhaus, weil sie laut eigener Aussage in Europa keine Anstellung mehr gefunden habe. Es habe in der Schweiz «eine Verfolgungsjagd, ja eine Vernichtungsjagd» gegen sie gegeben, sagte sie bei der Prozesseröffnung.

Und: «Ich lebe für meinen Beruf. Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder, ich habe immer nur gearbeitet.» Sie erzählte auch, wie sie, die Bauerntochter, in Niederösterreich zuerst einige Jahre als Meisterlandwirtin arbeitete, bevor sie in Wien Medizin studierte und sich damit ihren grossen Traum erfüllte.

Die kleine Frau mit kurzen, dunklen Haaren trug vor Gericht einen schwarzen Blazer, ein farbiges Foulard und hatte eine elegante Handtasche aus hellbraunem Leder bei sich. Während der Anklage und des langen Plädoyers ihres Verteidigers – es dauerte allein zweieinhalb Stunden – sass sie selbstsicher, mit gefalteten Händen und mit festem Blick zum Gericht an ihrem Platz.

Der Verteidiger erklärte detailliert, dass sowohl bei den zahlreichen Unterschriftenfälschungen, falschen Abrechnungen, bei der ungetreuen Geschäftsbesorgung in der Badener Praxis und auch bei den missglückten Operationen eigentlich immer jemand anderes schuld war. Sie sei deshalb – abgesehen von zwei zugegebenen Urkundenfälschungen – vollumfänglich freizusprechen und angemessen zu entschädigen, nicht zuletzt für die acht Tage in Untersuchungshaft im Sommer 2008.

«Ich habe alles verloren»

Erst als sie am Mittag das letzte Wort vor der Beratung des Gerichts hatte, wurde die Ärztin emotional und sagte: «Ich habe immer versucht, das Beste für die Patientinnen zu machen. Es tut mir irrsinnig leid, wenn jemand zu Schaden gekommen ist.» Sie arbeite seit 30 Jahren als Ärztin. Ausser in der Zeit in der Schweiz sei es bei ihr nie zu Komplikationen gekommen. Unter Tränen sagte sie, sie habe alles verloren, ihr Vermögen, ihr Haus und den Wald in Österreich, den sie vom Vater geerbt habe.

Die Folgen ihrer Kunstfehler als Ärztin müssen aber insbesondere für die verletzten Patientinnen schwer zu verkraften gewesen sein. In der Anklageschrift heisst es unter anderem: «Die monetären Vorteile der Operation in der eigenen Praxis und die eigene Lust am Operieren hat die Beschuldigte höher gewertet als die drohenden Folgen und Risiken.»

Sie habe bei einer Patientin die Gebärmutter regelrecht aufgeschlitzt und die Gebärmutterarterie zerrissen. Die nachfolgende massive Blutung habe sie zuerst nicht bemerkt, und dann nicht unter Kontrolle bringen können. Bei der folgenden Einlieferung ins Kantonsspital Baden stand die Patientin kurz vor dem Tod. Die Gebärmutter musste entfernt werden.

«Brutales Vorgehen»

Oberstaatsanwalt Peter Heuberger sagte, Grund für die Komplikationen seien nicht nur Kunstfehler gewesen, sondern auch ein «brutales Vorgehen» der Ärztin. Er forderte wegen eventualvorsätzlicher schwerer Körperverletzung eine teilbedingte Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Das fünfköpfige Strafgericht unter dem Vorsitz von Präsidentin Gabriella Fehr verkündete nach einem langen Verhandlungstag um 17 Uhr das Urteil: Von der Körperverletzung sprach es die Beschuldigte frei, weil der Vorsatz nicht nachgewiesen werden konnte. Unumstritten sei aber, dass sie ihre Sorgfaltspflicht verletzt habe und dadurch eine Lebensgefahr für die Frauen bestand.

Für die Mehrheit der Betrugsfälle, die Misswirtschaft und die Urkundenfälschungen wurde sie schuldig gesprochen. Das Gericht verurteilte die Ärztin deshalb zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 18 Monaten, wobei die lange Dauer des Verfahrens strafmildernd wirkte. Den beiden verletzten Frauen, die als Zivilklägerinnen auftraten, muss die Ärztin jeweils 50'000 respektive 40'000 Franken Genugtuung zahlen.

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