Spreitenbach

Bevölkerung lehnt Zentrum Neumatt deutlich ab – Valentin Schmid gibt seinen Rücktritt bekannt

Die Mehrheit der Spreitenbacher Stimmberechtigten sagte an der nachgeholten Gemeindeversammlung Nein zum «Zentrum Neumatt» und damit auch zu den geplanten rund 100 Meter hohen Hochhäusern, die die höchsten im Kanton hätten werden sollen. Am Ende gab auch noch ein enttäuschter Gemeindepräsident seinen Rücktritt bekannt.

Am Dienstagabend konnten die Spreitenbacher Stimmberechtigten doch noch über die Teiländerung der Bau- und Nutzungsordnung (BNO) beim Shoppi-Areal abstimmen, die dem «Zentrum Neumatt» den Boden bereitet hätte. Rund ein Fünftel der stimmberechtigten Bevölkerung, 923 von 4731 Personen, fand sich dafür in der geräumigen Umweltarena ein: «Es ist gut, haben wir die Halle hier gemietet», witzelte Gemeindepräsident Valentin Schmid (FDP) noch zu Beginn der Wintergmeind, die für einmal im Januar stattfand. Ursprünglich war diese auf den 26. November anberaumt gewesen, doch weil die damals fast 700 Stimmberechtigten die Kapazitäten der Turnhalle Boostock überstiegen, musste die Versammlung abgesagt und vertagt werden.

Diesmal wurde der Besucheraufmarsch gar noch einmal übertroffen. Und wie schon an der abgesagten Gmeind, so konnte der Gemeinderat wiederum nicht pünktlich um 19.30 Uhr beginnen, da draussen noch immer Menschen auf Einlass warteten. Bereits kurz nach 19 Uhr standen sie vor der Umweltarena Schlange. Auch wenn später als angesetzt, so musste der Gemeindepräsident diesmal die Anwesenden immerhin nicht wieder nach Hause schicken, sondern konnte mit Stolz die ausserordentliche Anzahl an Stimmberechtigten verkünden.

Schmid bat darum, allfälligen Applaus auf das Ende der Versammlung aufzusparen. Daran hielten sich aber nicht alle, speziell wenn sich Gegner des Projekts äusserten, brandete da und dort Applaus auf, den Gemeindepräsident Schmid aber gleich im Kern erstickte: «Wir sind hier an einer Gemeindeversammlung und nicht an einer Theatervorführung.»

Die meisten der Anwesenden waren nicht wegen den anderen Geschäften gekommen, darunter ein Kredit von rund 13 Millionen Franken für ein neues Gemeindehaus, sondern um für oder gegen das «Zentrum Neumatt» zu stimmen. Eine Prognose konnte und wollte im Vorfeld niemand stellen, der Ausgang der Abstimmung schien völlig offen. Doch als dann das Ergebnis verkündet wurde, war es mehr als deutlich: 327 Personen stimmten für die Teiländerung, die aus der bisherigen Einkaufszone beim Shoppi Tivoli eine Wohn- und Einkaufszone gemacht hätte, 590 dagegen.

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Kein Stadtplatz für Spreitenbach

Die Teiländerung wäre die nötige Grundlage gewesen, um das Megaprojekt eines Immobilienfonds der Credit Suisse zu realisieren. Dieser plante dort für 200 Millionen Franken das "Zentrum Neumatt", das die alten und neuen Quartiere miteinander verbunden und Spreitenbach ein neues Gesicht verliehen hätte. Das Projekt umfasste vier fast 100 Meter hohe Hochhäuser, welche notabene die höchsten im ganzen Kanton Aargau gewesen wären, mit 500 Mietwohnungen und einem weiteren Bau mit 70 Eigentumswohnungen, die von einem grossen Stadtpark und einem kleineren Stadtplatz umrahmt gewesen  wären.

Die Wortmeldungen vor der Abstimmung waren zahlreich und dauerten an. Auch Spreitenbacher Parteien weibelten an der Gemeindeversammlung noch einmal für das Projekt. Sie waren sich bereits im Vorfeld – mit Ausnahme der SVP – einig, dass es dieses Zentrum brauche, dass Spreitenbach dadurch bunter, urbaner, umweltfreundlicher und attraktiver werde, wie die SP in ihrem Fraktionsbericht schrieb. Die Chancen dieser zukunftsweisenden Entwicklung des Zentrumsgebiets würden stärker gewertet als die möglichen Risiken, stimmte auch die CVP dem Projekt zu. Ebenso argumentierte die FDP und fügte im Fraktionsbericht an, dass mit  dem Zentrum auch die Chancen für den Zuzug von einkommensstarken Personen zunehmen.

Gegner des Projekts wehrten sich erfolgreich

Daran glaubte Marcel Suter von der lokalen SVP und Kopf des Komitees  «Neumatt Nein» hingegen nicht. Suter, Mitglied der Bau- sowie Geschäftsprüfungskommission, hatte kurz vor der verschobenen Versammlung im November den Flyer «Neumatt Nein» verteilen lassen und liess es sich auch nicht nehmen, sich an der Gemeindeversammlung kritisch zu Wort zu melden. Er wiederholte noch einmal einige seiner Bedenken, die er am Wochenende auch im Interview mit der AZ geäussert hatte. So sei vor kurzem die Überbauung "Tivoli Garten" bewilligt worden, die bereits zwei Hochhäuser mit je 66 Meter Höhe umfasse, unmittelbar gegenüber dem Shoppingcenter. Und: «In 20 Jahren sind auch diese Welten wieder alt und der Mietermix sieht wieder ganz anders aus», führte er aus.

Das war vor der Abstimmung – Marcel Suter und Valentin Schmid im Gespräch:

Gegner und Befürworter des Zentrums Neumatt in Spreitenbach und ihre Argumente

Gegner und Befürworter des Zentrums Neumatt in Spreitenbach und ihre Argumente.

Nachdem sich zu Beginn der Diskussion eher Gegner wie Suter zu Wort gemeldet hatten, so hörte man gegen Ende vermehrt positive Voten. Bevor es dann zur Abstimmung kam, stellte der Gemeinderat erst noch den Antrag, diese geheim durchführen zu können. Diesem Wunsch wurde mit grosser Mehrheit entsprochen, weshalb das Resultat erst kurz vor 23 Uhr verkündet werden konnte, nachdem alle 923 Stimmen ausgezählt waren. Das deutliche Resultat sorgte einerseits für Applaus, hinterliess aber auch eine konsternierte Gästeschar - ebenfalls in stattlicher Anzahl erschienen - darunter viele der Menschen, die seit Jahren am Projekt mitgearbeitet haben.

«Idealer Zeitpunkt»

Am Ende der Gemeindeversammlung gab der über das Abstimmungsresultat sichtlich enttäuschte Gemeindepräsident Valentin Schmid noch seinen Rücktritt bekannt: "Nach acht Jahren im Amt ist für mich der Zeitpunkt für eine persönliche Veränderung gekommen. Ich werde auf den Termin der Ersatzwahlen zurücktreten." Diese werden voraussichtlich am 17. Mai stattfinden.

Valentin Schmid zu seinem Rücktritt nach der Gemeindeversammlung in Spreitenbach

Valentin Schmid zu seinem Rücktritt nach der Gemeindeversammlung in Spreitenbach.

Der Ausgang der Abstimmung habe dabei nichts mit seinem Entscheid zu tun: "Ich habe mir das gut und lange überlegt und das ist für mich nun einfach der richtige Zeitpunkt, ganz unabhängig vom Resultat", sagte er im Nachgang zur Gemeindeversammlung. Er habe jetzt mit 52 Jahren noch einmal die Möglichkeit, sich anders zu orientieren. Bereits bestehen konkrete Pläne, wozu er sich aber noch nicht äussern möchte.

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