Andranik Hakobyan sei ein sperriger Name für Schweizer Ohren, sagt der 27-jährige Boxer mit armenischen Wurzeln. Weil er den Menschen jedoch in Erinnerung bleiben, einen grossen Wiedererkennungswert erlangen wolle, nenne er sich seit knapp einem Jahr Ando Hakob. Dies könne man sich leichter merken. Seit vergangenem Montag gibt er Boxunterricht im Schlieremer Iron MMA Fitness. Der Geschäftsführer lässt verlauten, dass es sich bei Hakob um einen Weltklasse-Boxer handle, der Kampfsportler selbst sieht sich als «Ausnahmetalent» und «Spitzenathlet». Dass hinter der Marke Ando Hakob auch ein Flüchtlingskind, ein Schwergewicht der Sozialen Medien und ein Balletttänzer steht, erfährt man erst bei genauerem Hinschauen.

Ando Hakob setzt im Training auch auf unkonventionelle Ideen.

Zum Kämpfer sei er schon früh geworden, sagt der gut 1,75 grosse Armenier mit leiser Stimme. Er spricht schnell und erzählt lebhaft, verliert nie den Blickkontakt. Als Flüchtling kam er im Alter von neun Jahren in die Schweiz. Jedoch nicht auf direktem Weg: «Erst waren wir in Deutschland, dann Frankreich und Spanien. Der Asylantrag wurde stets abgelehnt.» Das Hin und Her zwischen den Staaten erstreckte sich beinahe über drei Jahre, bis in Genf schliesslich die Erlösung in Form eines positiven Entscheids kam und die Familie in Baden sesshaft wurde. Seine Erlebnisse als Flüchtlingskind, das niemand will, beeinflussten seine Sicht auf die aktuelle Asyldiskussion: «Man sagt, Sportler sollen sich aus der Politik raushalten. Ich bin anderer Meinung.» So wie sein Vorbild, Muhammad Ali, wolle auch er sich gegen Rassismus einsetzen, sich starkmachen für mehr Solidarität und Gerechtigkeit. Denn: «Ich liebe die Schweiz und sehe sie als meine Heimat. Doch nicht jeder hat das Glück, in einem derart sicheren, schönen Land geboren zu werden.» Vonseiten der Flüchtlinge wie auch von Schweizer Seite brauche es mehr Respekt füreinander.

«Der schnellste Boxer der Welt»

Diese Kernbotschaft vermittle er nicht nur in seinen Trainings, sondern auch auf seinem Facebook-Profil, das immerhin 6500 Fans zählt. Sein letztes Trainingsvideo unter dem Titel «Der schnellste Boxer der Welt» erreichte rund 31 000 Klicks, verschiedene Kampfsportportale teilen seine Videos. Auf Instagram haben ihn knapp 4000 Menschen abonniert. Auf den relevanten Sozialen Medien erlangte Hakob also bereits einen grossen Bekanntheitsgrad. Doch wie sieht aus sportlicher Sicht aus?

Schattenboxen in rasantem Tempo: Ist Ando Hakob der Schnellste?

Als Jugendlicher war er begeisterter Fussballer, wechselte im Alter von 19 Jahren dann aber die Sportart: «Ich bin kein Teammensch, sondern ein Einzelkämpfer.» Nur kurze Zeit später wurde er Schweizer Meister im Halbweltergewicht (64 Kilogramm). Nach einer sportlichen Durststrecke, in welcher er die KV-Lehre abschloss, wechselte er mit 23 nach Deutschland zum Vizemeister Nordhäuser SV in die 1. Bundesliga, der höchsten deutschen Amateurboxklasse. Es folgten Siege an einigen internationalen Turnieren und der Titel als süddeutscher Meister. Ende 2015 wechselte er zu den Profis im Superleichtgewicht (63,5 Kilogramm). Bei den bislang ausgetragenen sechs Kämpfen in dieser Klasse verliess er den Ring stets als Sieger.
Dafür trainiert er hart. Täglich hält er sich mit verschiedenen Methoden fit. Dies können einerseits konventionelle Kraft- und Ausdauertrainings sein – oder aber Hakob wird kreativ. «Bis vor kurzem war ich regelmässig in Ballett- und Yoga-Lektionen anzutreffen. Dies half mir in Sachen Beweglichkeit und Atmung.» Heute setzt er vermehrt auf andere Disziplinen. «Derzeit tanze ich oft Cha-Cha-Cha. Dies fördert meine Beweglichkeit enorm.»

Doch nicht nur körperliche Fitness ist gefragt. Das regelmässige Training, eine gesunde Ernährung, aber auch die rigorose Anwendung von Strategien erfordern viel Disziplin. Laien würden Boxen oft nicht als eine der «echten» Sportarten betrachten. «Sie denken, es seien bloss zwei Schläger, die aufeinander eindreschen. Das Gegenteil ist der Fall.» Das Boxen bewahrte ihn sogar vor Schlägereien. In seiner Jugend sei es hin und wieder dazu gekommen, dass er in eine verwickelt war. «Ich hatte in dieser Phase viel Energie und war leicht reizbar. Durch das Boxtraining konnte ich meine Aggression rauslassen und gewann an Selbstbewusstsein», sagt er. Sei man selbstsicher, zettle man keine sinnlosen Strassenkämpfe an.

Traum von Karriere in den USA

Erfolg ist im Profiboxen auch eine Frage des Geldes. Damit Hakob in der Weltrangliste einsteigt, muss er klassierte Kämpfer herausfordern – und dies kostet bis zu mehreren Tausend Franken. Sein nächster Kampf könnte am 27. Mai stattfinden, «unter Dach und Fach ist dies aber noch nicht», sagt Hakob. Derzeit sei er mit Sponsoren in Verhandlungen. Auch ist die Schweiz als Arbeitsort für einen Profiboxer überschaubar. Anders sieht es in den USA aus, wo die grosse Karriere winkt. «Es wäre ein Traum, in Amerika boxen zu können. Ich stehe bereits in Kontakt mit mehreren US-Trainern.» Ob sich eine Zusammenarbeit ergebe, sei aber noch offen.

Bleibt noch die Frage, ob er denn wirklich der weltweit schnellste Boxer ist? Hakob lächelt. Beim Boxen komme es stark auf die Einstellung an, sagt er. «Mir bringt es nichts, wenn ich tiefstaple und unsicher bin. Das ist nur Wind in die Segel meiner Gegner.» Schliesslich habe auch Ali von sich behauptet, der beste Boxer der Welt zu sein, bis er es schliesslich war.