Es ist 16 Uhr, Anna Müller(*) kommt zur Tanz- und Bewegungstherapie in die Limmatau in Ennetbaden. Nachdem sie sich bequeme Kleidung angezogen hat, wird die Klientin aufgefordert, als Erstes zwei Bereiche im Therapieraum zu definieren und mit Seilen voneinander abzugrenzen.

Das Thema «Ich darf sein, darf mir Raum nehmen» bewegt sie heute besonders. Ein Bereich soll zeigen, welchen Raum sie für sich in Anspruch nimmt und der andere, welchen sie anderen Menschen zugesteht. «Stimmt das so für Sie», wird sie von Johanna von Streng gefragt. «Ja.» Doch kaum gesagt kommen Zweifel auf. «Steht mir dieser Raum wirklich zu, den ich da am Boden für mich abgesteckt habe?»

Musik für die Konzentration

Immer wieder mischt sich der Kopf der Klientin in die Tanztherapie ein, der ihre alten Denkmuster ins Rampenlicht befördert und sie damit verunsichert. Johanna von Streng versucht, mit Hilfe von Musik, die Konzentration der Klientin auf ihren Körper zu lenken und das Denken auszublenden. Die Trommelklänge sind intensiv, sollen Anna Müller auf «die Erde» holen, ihr Halt geben. Zusammen mit der Therapeutin werden erste wippende Schritte gemacht. Dann kommen die Arme dazu. Eine weitere Steigerung ist der Körperkontakt, den Anna Müller sucht. Man hält sich an den Schultern, schwingt gemeinsam im Rhythmus.

Die Idylle trügt. Der Tanz löst Emotionen aus. Anna Müller weint. Die Bewegung wird gestoppt, die Situation besprochen. Indes trommeln die Trommeln unbeirrt weiter. Dann ein Lacher von Anna Müller, und ein erneuter Griff zur Schulter, und der Tanz geht weiter. Nach dieser Sequenz kommt ein sanftes Lied zum Zug. Die Klientin wird ruhiger, getraut sich zu öffnen. Sie setzt sich auf den Boden, legt sich sogar hin, robbt vorsichtig Stück um Stück vorwärts.

Ganz entspannt. «Das habe ich noch nie gemacht, bis anhin hatte ich immer Angst, mich auf den Boden zu legen. Ich bin viel zu gehemmt für so etwas», meint sie erstaunt. «Aber ich fühle mich hier wohl. Zumindest das meiste von mir. Nur für den linken Fuss und das linke Knie stimmt diese Situation nicht.» Johanna von Streng holt Kissen, polstert die Stellen, die sich unwohl fühlen. «Jetzt ist es besser», sagt Anna Müller.

Woher kommen diese Hemmungen, diese Angst? Anna Müller: «Die Angst ist mein ständiger Begleiter. Es sind jedoch keine diffusen Ängste, ich kann die Angst zuordnen. Sie dominiert mein Leben seit meiner Kindheit.» Mehr will sie dazu nicht verraten – zu sehr setzt ihr das Erlebte noch zu. Wie fühlen Sie sich nach dieser Stunde? «Entspannter und gestärkt im Vertrauen. Ich spüre, dass sich etwas löst.» So ist sie denn zuversichtlich, die positiven Impulse aus der Tanz- und Bewegungstherapie immer mehr in den Alltag einbauen zu können und irgendwann voller Überzeugung sagen zu können: «Ich darf so sein, wie ich bin. Es steht mir zu, Raum einzunehmen.»

Verletzung im Idealfall heilen

Seit bald acht Jahren ist die Kunsttherapeutin Johanna von Streng beim Externen psychiatrischen Dienst (EPD) in der Tagesklinik in Aarau tätig und parallel dazu auch auf selbstständiger Basis in Ennetbaden.

In der Tanz- und Bewegungstherapie arbeitet man nicht nur mit psychisch kranken Menschen, sondern mit allen, die Lösungen für ihre Probleme finden wollen, die ihr Verhalten im Alltag verstehen und verändern möchten. Die Tanz- und Bewegungstherapie kommt bei Schizophrenie, Depression, bei Angststörungen, Psychosomatischen- sowie Persönlichkeitsstörungen zum Zug.

Johanna von Streng: «Der Körper ist ein hilfreiches Medium, da er alle Erinnerungen – seien es schwierige, unangenehme aber auch gefreute – aus der Vergangenheit bis ins Jetzt gespeichert hat.» Anhand von acht klar definierten «Körper-Kanälen», mit denen man in dieser Therapie arbeitet, können die gefreuten Momente «geweckt» und damit neue Ressourcen entdeckt werden. Auch verletzte Anteile werden ins Körper-Mensch-System einbezogen, um so die Sichtweise darauf zu verändern und die «Verletzungen» im Idealfall ganz heilen zu können. So kann das ganze System wieder in ein Gleichgewicht gebracht werden. Das macht den Weg frei, das eigene Verhalten im Alltag zu verändern.

(*) Name von der Redaktion geändert