Bezirk Baden
Bez-Quote liegt je nach Gemeinde zwischen 22 und 78 Prozent

Je nach Wohnort variiert der Anteil der Bezirksschüler im Bezirk Baden stark. Experten nennen teuren Wohnraum, Betreuungsstrukturen oder den Anteil von bildungsfernen Familien als Gründe. Sie sprechen zudem über die Folgen.

Pirmin Kramer
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Die Ansprüche steigen: Schulleiter sollen sich heute auf ihre Führungsaufgaben konzentrieren und nicht noch Lektionen unterrichten müssen. (Symbolbild)

Die Ansprüche steigen: Schulleiter sollen sich heute auf ihre Führungsaufgaben konzentrieren und nicht noch Lektionen unterrichten müssen. (Symbolbild)

Christian Beutler/Keystone

Nach den Sommerferien beginnt mit dem Übertritt in die Oberstufe für Tausende Kinder in der Region Baden ein neuer Lebensabschnitt. Das «Badener Tagblatt» wollte wissen: Wie hoch sind die Bezirksschülerquoten in den einzelnen Gemeinden des Bezirks?

Das kantonale Amt für Statistik stellt Zahlen zur Verfügung, die erstaunliche Unterschiede je nach Wohnort zeigen (siehe Tabelle oben). Während zum Beispiel 77,5 Prozent der Schülerinnen oder Schüler mit Wohnort Ennetbaden den Sprung in die Bezirksschule schaffen, gelingt dies wenige Kilometer entfernt in Neuenhof nur knapp jedem fünften Kind (22,22 Prozent), um die beiden Extremfälle zu nennen.

«Dass der Anteil der Bezirksschüler bei uns so gross ist, hängt vermutlich auch mit der Bevölkerungsstruktur zusammen», sagt Rico Gasparini, Schulpflegepräsident in Ennetbaden. «In unserer Gemeinde gibt es viel teuren Wohnraum, den sich tendenziell eher gut ausgebildete Menschen leisten können, weil diese in der Regel auch überdurchschnittlich viel verdienen.»

Ausserdem biete Ennetbaden mit seinen gut ausgebauten Betreuungsstrukturen ein attraktives Angebot für berufstätige Eltern. «Es leben also viele bildungsnahe Familien in Ennetbaden, was sich auch bei den Kindern in der Primarschule niederschlägt: Viele schaffen problemlos den Übertritt in die Bezirksschule.»

Einzelne Fälle von Ausgrenzung

Hat die hohe Bez-Quote auch negative Folgen? Dass in Ennetbaden für Schülerinnen und Schüler ein besonders grosser Leistungsdruck herrscht, würde er generell nicht unterschreiben, sagt Gasparini. «Allerdings ist es auch schon vereinzelt zu Fällen von Ausgrenzung gekommen bei Kindern, die es nicht in die Bezirksschule geschafft haben.»

Am tiefsten ist die Bezirksschülerquote in Neuenhof (22,22 Prozent). «Es ist eine Tatsache, dass in unserer Gemeinde der Anteil der bildungsfernen Familien verhältnismässig gross ist», sagt Schulpflegepräsident Jürg Amrein. Das habe auch mit der Geschichte der Gemeinde Neuenhof zu tun, die einst für viele ABB-Arbeiter Wohnraum errichtet habe.

In den Siedlungen, die damals entstanden, gebe es heute noch tendenziell günstigen Wohnraum, den sich auch bildungsferne Familien leisten könnten. Grund für die tiefe Quote sei also nicht der Ausländeranteil, sondern vielmehr der hohe Anteil an bildungsfernen Familien, sagt Amrein. «Entsprechend ergeben sich für unsere Lehrer andere Herausforderungen als beispielsweise in Ennetbaden.»

Er könne voller Überzeugung die Meinung vertreten, dass die Qualität der Primarschule Neuenhof sehr hoch sei, sagt Amrein. «Wir haben hervorragende Lehrer angestellt, die es einerseits verstehen, die bildungsfernen Kinder gut zu unterrichten, und es andererseits schaffen, auch die bildungsnahen Schüler optimal auf die Oberstufe vorzubereiten.»

Wie erklärt Charlotte Zubler, Mathematikerin und stellvertretende Leiterin von Statistik Aargau, die zum Teil grossen Unterschiede? «Die Zahlen beziehen sich auf den Wohnort der Schülerinnen und Schüler», sagt sie. Sie sieht einen Zusammenhang mit der Akademikerquote, die beispielsweise in Ennetbaden hoch ist. Zubler, die selber dort wohnt, erklärt weiter: «Ennetbaden ist sehr fortschrittlich betreffend Tagesstrukturen, hat diese schon zu einem frühen Zeitpunkt eingeführt und danach weiter ausgebaut. Das hat viele gut situierte und gebildete Doppelverdiener nach Ennetbaden gelockt.»

Nicht erklären lasse sich die Bezirksschulquote über die Höhe des Ausländeranteils: «Zwar hat beispielsweise Neuenhof einen höheren Ausländeranteil als Ennetbaden. Aber es gibt Gemeinden mit deutlich kleinerem Ausländeranteil als Ennetbaden. Entscheidend ist vielmehr die Bildungsnähe beziehungsweise Bildungsferne der Einwohner», sagt auch Zubler.

Zählt nicht nur die Leistung?

Professor Markus Neuenschwander, Leiter des Zentrums Lernen und Sozialisation an der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz, hat Studien zum Übertritt in die Sekundarstufe geleitet. «Ganz schlüssig kann man die Gründe für die Unterschiede der Bezirksschulquoten zwischen den Gemeinden nicht erklären, sie bleiben Interpretationssache», sagt er.

Ähnliche Unterschiede zwischen den Gemeinden gebe es auch im Kanton Bern, und dort bestehe gemäss Untersuchungen nur ein mittlerer bis schwacher Zusammenhang zwischen Quote und Leistung. Im Aargau seien die Schulnoten für den individuellen Übertrittsentscheid zwar sehr wichtig. Die Bezirksschulquoten hätten aber auch schulorganisatorische Gründe. «Zum Beispiel gibt es die Tendenz, Traditionen aufrecht zu erhalten. Schulgemeinden, die schon in der Vergangenheit vermehrt Kinder in die Bezirksschule aufgenommen haben, halten an diesem Muster fest.»

Einen Einfluss könne auch der Druck der Eltern auf den Übertrittsentscheid haben. «Bildungsnahe Eltern setzen sich stärker dafür ein, dass ihre Kinder den Übertritt in die Bezirksschule schaffen als Eltern mit bildungsfernem Hintergrund», sagt Neuenschwander. «In einer Gemeinde mit vielen bildungsnahen Eltern ist daher die Bezirksschulquote höher.» Gerade in ländlichen Gegenden hingegen sei der Ruf der Sekundar- oder Realschule eher besser als in städtischen Gemeinden.

Als sinnvolles Instrument bezeichnet Neuenschwander die freiwilligen Leistungstests, die im Kanton Aargau zur Verfügung stehen. «Sie sind nicht übertrittsrelevant, helfen den Lehrern aber beim Promotionsentscheid. Auf dieser Grundlage können die Primarschullehrer den Selektionsentscheid unabhängig von der durchschnittlichen Klassenstärke fällen.»