Bezirksgericht Baden
Diebin schlägt 15 Mal bei Self-Scanning-Kasse der Migros zu – vor Gericht droht ihr der Landesverweis

Eine 43-jährige Mittelamerikanerin sass wegen gewerbsmässigen Diebstahls in Baden vor Gericht. Die Sozialhilfe-Empfängerin fürchtete massive Folgen.

Rosmarie Mehlin
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Symbolbild: In der Badener Migros können Kunden mit Selfscanning-Kassen selbst zahlen. (Bild vom 4. November 2020, anlässlich der Wiedereröffnung nach einem Umbau.)

Symbolbild: In der Badener Migros können Kunden mit Selfscanning-Kassen selbst zahlen. (Bild vom 4. November 2020, anlässlich der Wiedereröffnung nach einem Umbau.)

Alex Spichale / BAD

Bilden sich im Migros-Supermarkt vor den Kassen lange Schlangen, ist Selfscanning eine gute Alternative. Dolores (Name geändert) nutzte diese gerne und oft – allerdings auf eine nicht unbedingt empfehlenswerte Art und Weise, brachte das Selfscanning die 43-Jährige doch vor Gericht.

Geboren und aufgewachsen in Mittelamerika, lebt Dolores seit fast 20 Jahren in der Schweiz. Sie ist geschieden und hat eine erwachsene Tochter, mit der sie die Wohnung teilt. Dolores war berufstätig, bis Krankheit, Operationen und der Verlust eines ungeborenen Kindes sie aus der Bahn warfen. Heute lebt sie von Sozialhilfe und finanzieller Unterstützung durch die Tochter.

Diebstähle in mehreren Filialen

Als sie beim Scannen realisierte, dass sie das Budget zu überziehen drohte, stornierte sie einen Teil der Einkäufe – packte aber die Ware aus dem Einkaufswagen nichtsdestotrotz in ihre Einkaufstasche. Zwischen Oktober 2019 und Anfang Januar 2020 setzte Dolores diese unselige Idee in Spreitenbach – abwechselnd in den M-Filialen im Shoppingcenter und im Tivoli – 15 Mal in Taten um.

Die dergestalt nicht beglichenen Beträge waren sehr unterschiedlich: Mal stornierte sie von einer offenen Rechnung über 10.90 Franken deren 8.40 Franken, mal von 46.80 Franken deren 18.50 Franken. Der höchste Betrag, den sie zu ihren Gunsten abbuchte, war 113.20 Franken.

Mit dem Bus schwarz gefahren

Pech für Dolores war allerdings, dass die Selfscanning-Kassen videoüberwacht sind. Nachdem ihr Tun aufgeflogen war, erstattete die Migros Strafanzeige, machte einen Schaden in Höhe von 537.20 Franken geltend und forderte zudem 300 Franken Genugtuung. Dolores stritt nichts ab und anerkannte sowohl die Forderung vom orangen M, als auch eine weitere der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW). Denn im März 2020 war sie schwarz gefahren, was die RVBW – der Umtriebe wegen – mit gepfefferten 220 Franken in Rechnung stellte.

Damals, sagte die sichtlich zerknirschte Dolores vor Einzelrichter Daniel Peyer, habe sie eine Vorladung der Polizei gehabt und kein Geld in der Tasche. Wie sich bei der Verhandlung herausstellte, hatte die 43-Jährige bei ihren 15 Migros-Einkäufen nicht etwa Luxusgegenstände mittels Stornierung verbilligt, sondern alltäglich notwendige Besorgungen, etwa Katzenfutter. Vor dem Richter betonte Dolores immer und immer wieder, wie leid ihr tue, was sie getan hat.

Physische und psychische Probleme

Beschuldigt des gewerbsmässigen Diebstahls und der Widerhandlung gegen das Personenförderungsgesetz sollte Dolores gemäss Ankläger zu einer bedingten Geldstrafe von 2700 Franken und 500 Franken Busse verurteilt sowie für fünf Jahre des Landes verwiesen werden. Erst nachdem sie Letzteres realisierte, nahm sich Dolores einen Anwalt.

Dieser schilderte eindrücklich die teils schwerwiegenden physischen und psychischen Probleme seiner Mandantin und betonte sowohl, dass sie mitnichten gewerbsmässig gehandelt habe, als auch, dass Dolores hier sehr gut integriert und intensiv auf der Suche nach einer neuen Arbeitsstelle sei. «In ihrer Heimat hat sie nur noch wenige Verwandte, eine Ausschaffung wäre die faktische Trennung von Mutter und Tochter.»

Erleichterung nach Urteil

Richter Daniel Peyer sprach Dolores frei vom gewerbsmässigen, aber schuldig des mehrfachen geringfügigen Diebstahls und verurteilte sie zu einer Busse von 500 Franken: «Den einzelnen Deliktsbeträgen fehlt es an der für Gewerbsmässigkeit erforderlichen Nahmhaftigkeit», so der Richter. Die Busse allerdings, gab er Dolores mit auf den Weg, müsse sie bezahlen, «ansonsten wird sie in 17 Tage Haft umgewandelt».

Da sie sich somit keines Vergehens, sondern lediglich einer Übertretung schuldig gemacht hat, ist eine Landesverweisung automatisch hinfällig. Zwei Drittel der Gerichts- sowie ihre Anwaltskosten gehen ebenfalls zulasten der 43-Jährigen. Sichtlich erleichtert verliess sie das Gericht.

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