Bezirksgericht Baden
Sein Höllenritt endete neben Nähmaschinen im Schaufenster: «Wahrscheinlich hatte ich alles falsch eingeschätzt»

Viel zu schnell und mit einigem Alkohol Blut verlor ein junger Lenker die Herrschaft über sein Auto. Nun musste er sich vor dem Bezirksgericht Baden verantworten. Nach dem Urteil gab ihm die Gerichtspräsidentin eine eindringliche Mahnung mit auf den Weg.

Rosmarie Mehlin
Drucken
Nach dem Unfall wurde das Schaufenster verbarrikadiert.

Nach dem Unfall wurde das Schaufenster verbarrikadiert.

zVg

Der Sonntag im Juli 2021 war noch keine Stunde alt, als ein Mittelklassewagen an der Badener Wettingerstrasse in das Schaufenster von «Kunze AG – Bernina Nähmaschinen» knallte. Am Steuer und allein im Auto sass Oliver (Name geändert) – und gewiss auch sein Schutzengel: Der damals gut 23-Jährige erlitt nur leichte Verletzungen. Dass auch sonst niemand zu Schaden kam, war grosses Glück, war dem grossen Knall doch ein Höllenritt vorausgegangen.

Angeklagt der qualifizierten groben Verletzung der Verkehrsregeln und des Fahrens in fahrunfähigem Zustand, sass Oliver dieser Tage vor Gericht: Der schlanke Bursche mit akkuratem Haarschnitt und Dreitagebart wohnt noch bei seinen Eltern. Das habe schon auch Nachteile, aber viel mehr Vorteile, bekennt er offen auf die entsprechende Frage von Gerichtspräsidentin Gabriella Fehr.

Oliver steht vor dem Abschluss einer Handwerkerlehre, verdient jetzt noch 2100 Franken monatlich und danach 5700 Franken. Das Auto, das er zu Schrott fuhr, hatte er 2019 Occasion auf Kredit gekauft.

Mit 118 km/h übers Rotlicht

Angefangen hatte alles am Samstagabend. «Ich hatte mich mit Kollegen verabredet. Wir wollten uns eigentlich nur kurz treffen, doch dann hat es sich in die Länge gezogen.» Entsprechend wurde auch gebechert: Zwei Flaschen Smirnoff Ice (3 dl) und etwa fünf Becher Absolut Wodka als Mischgetränk sollen es laut Oliver gewesen sein.

Wie die Polizei nach dem Unfall feststellte, war der 23-Jährige mit gut einer Promille Alkohol im Blut ins Auto gestiegen, ehe er auf der Mellingerstrasse losfuhr. Auf der Hochbrücke drückte er aufs Gas – das Tacho zeigte 118 km/h an, als er nach links in Richtung Ennetbaden abbiegen wollte. «In dem Moment erblickte ich eine Bekannte und habe den Kopf kurz gedreht.» Just da fuhr Oliver über die Ampel – die aber schon vor 26,5 Sekunden auf Rot gewechselt hatte.

In das Schaufenster rechts war das Auto geknallt.

In das Schaufenster rechts war das Auto geknallt.

zVg

Was weiter geschah, hat der Staatsanwalt in der Anklageschrift festgehalten: «Aufgrund der überhöhten Geschwindigkeit vermochte der Beschuldigte trotz der zwischenzeitlich eingeleiteten Bremsung das Fahrzeug nicht in der beabsichtigten Weise einzulenken. Er verlor in der Linkskurve die Herrschaft über das Auto, überfuhr zunächst die Gegenfahrbahn, anschliessend das linksseitige Trottoir und prallte mit mindestens 43 km/h in die Liegenschaft Wettingerstrasse 23.»

In ihrem Rapport bezifferte die Polizei den an Gebäude und Geschäft entstandenen Sachschaden mit 127’000 Franken. Diesen Betrag akzeptiert Oliver nicht. Laut seinem Anwalt haben die Geschädigten bis dato nichts von sich hören lassen.

«Wahrscheinlich falsch eingeschätzt»

Der Staatsanwalt beantragte für den nunmehr gut 24-Jährigen eine Freiheitsstrafe von 24 Monaten sowie 2250 Franken Geldstrafe – beides bedingt mit einer Probezeit von zwei Jahren, sowie eine Busse von 2500 Franken. Da Oliver mit seinem Anwalt übereingekommen war, diese Strafe zu akzeptieren, kam es zu einem abgekürzten Verfahren. Somit musste das Gericht den Beschuldigten nur kurz zur Person und zur Sache befragen sowie die Angemessenheit der Sanktionen beurteilen.

Oliver beantwortete die Fragen von Präsidentin Fehr klar und offen. Sein Arbeitgeber und seine Eltern wissen über alles Bescheid. «Sie waren natürlich hässig und können es nicht verstehen – so wie ich ja auch.» Warum er so beschleunigt hatte, wisse er nicht so genau. «Wahrscheinlich hatte ich alles falsch eingeschätzt. Ich nehme an wegen des Alkohols.»

Vom Strassenverkehrsamt hat Oliver eine Liste mit Adressen von Psychologen bekommen; wenn er das «Billett» wiederbekommen will, muss er einen von ihnen aufsuchen. Er habe, so die Gerichtspräsidentin, ja schon einmal, wegen 14 km/h innerorts zu viel, einen kurzen Entzug gehabt. Ob Oliver am Steuer Mühe habe mit dem Tempo? «Nein eigentlich nicht.»

Die Richterinnen und Richter erhoben den Antrag des Anklägers einstimmig zum Urteil: Neben der Busse muss Oliver auch die Verfahrenskosten bezahlen. Die Anwaltskosten gehen vorläufig zu Lasten des Staates, sie können aber zurückgefordert werden, wenn sich die finanziellen Verhältnisse des Verurteilten verbessern.

«Die Strafe ist absolut angemessen», so Gabriella Fehr, die Oliver eindringlich mahnte: «Sie wissen schon, dass ihnen als Automobilist während zweier Jahre definitiv rein gar nichts mehr passieren darf.»