Bezirksgericht Baden
Üble Nachrede: Sohn wirft Vater vor, die Mutter vergewaltigt zu haben – vor dem Richter sehen sie sich wieder

Ein Elternpaar zeigt den eigenen, 29-jährigen Sohn wegen einer unwahren Behauptung an – vor Gericht kommt es zu einem Wiedersehen. Ohne Happy End.

Rosmarie Mehlin
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Symbolbild

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Pixabay

Rico (alle Namen geändert) war noch nicht volljährig, als er sich gegen seine Familie querstellte. Vergeblich versuchten die Eltern, die Probleme aus der Welt zu schaffen und den Riss zu flicken. Dieser Tage traf Rico, in wenigen Monaten 29 Jahre alt, seine Eltern und den jüngeren Bruder in Baden am Gericht. Schon vor der Verhandlung tauschten er und seine Angehörigen nicht den Wimpernschlag eines Blickes. Vor Einzelrichter Patrick Jegge nahm Ricos Vater mit seinem Anwalt als Kläger, die Mutter und ihr jüngerer Sohn als Zuschauer Platz.

Der beschuldigte Rico, das Haar kurz geschoren, ein Ohr gepierct, spriessendem Bart durfte als einziger die Maske ablegen. Wegen mehrfacher übler Nachrede und Beschimpfung war er per Strafbefehl zu einer bedingten Geldstrafe von 300 Franken sowie 400 Franken Busse verurteilt worden, wozu sich noch 800 Franken Strafbefehlsgebühr gesellten. Im März letzten Jahres hatte Rico seiner Mutter und dem jüngeren Bruder ein SMS geschickt gehabt, in dem er behauptete, sein Vater habe seine Frau – also Ricos Mutter – vergewaltigt. Die Betroffenen erstatteten Strafanzeige; Rico war geständig.

Einsprache wegen Eintrag ins Strafregister

«Es ist eine alte Familiengeschichte und es scheisst mich voll an, hier zu sitzen», tat der 28-Jährige vor dem Richter kund. Darauf konterte der Vater, Rico «solle einmal im Leben zu dem stehen, was er gesagt und getan habe, und nicht immer anderen die Schuld geben». An ihm, so Rico, solle es nicht liegen, er akzeptiere den Strafbefehl. Warum er denn dann, wollte Richter Jegge postwendend wissen, die Einsprache gemacht hat. «Einzig und allein wegen des Eintrags ins Strafregister.» Um den Eintrag komme Rico nicht herum, «aber wenn sie die Einsprache hier und jetzt zurückziehen würden, könnte ich ihnen bei der Gerichtsgebühr entgegenkommen», so Patrick Jegge.

Nach kurzer Überlegung war Rico einverstanden. Der Gerichtsschreiber verfasste eine entsprechende Erklärung, druckte sie aus, Rico unterschrieb und verliess den Raum, ohne links und rechts zu schauen, blitzschnell. Bei seinen Eltern und dem Bruder hinterliess das unfreiwillige Zusammentreffen spür- und hörbar Zorn und Bitterkeit.

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