Bezirksgericht Baden
Zu wenig Abstand auf A1: Chauffeur droht nach Urteil der Verlust von Führerausweis und Job

Nachts um 4.30 Uhr fuhr ein Lieferwagen auf der Autobahn bei Baden zu nahe hinter einem Lastwagen her. Um einen Drängler handelte es sich beim Chauffeur nicht, wie sich vor Gericht zeigte. Der Mann lieferte eine abenteuerliche Erklärung.

Philipp Zimmermann
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Symbolbild: Der Angeklagte fuhr mit seinem Lieferwagen zu nahe hinter einem Lastwagen – das hatte Folgen.

Symbolbild: Der Angeklagte fuhr mit seinem Lieferwagen zu nahe hinter einem Lastwagen – das hatte Folgen.

Bild: Gaetan Bally / KEYSTONE

Eines frühen Morgens im März 2019 fällt den Polizisten einer zivilen Patrouille auf der Autobahn A1 bei Baden ein Lieferwagen auf: Dieser fährt zu nahe hinter einem Lastwagen her. Sie filmen und stoppen ihn – und klären den Chauffeur über die folgende Anzeige auf.

Zwei Monate später erhielt dieser den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Baden. Er sei dem Lastwagen rund drei Kilometer lang mit Tempo 85 bis 90 km/h und einem Abstand von maximal fünf Metern gefolgt. Damit habe er eine Gefahr anderer Verkehrsteilnehmer in Kauf genommen. Wegen einer groben Verletzung der Verkehrsregeln will ihn die Staatsanwaltschaft zu einer bedingten Geldstrafe von 60 Tagessätzen à 100 Franken (3 Jahre Probezeit) sowie zu einer Busse von 1200 Franken verurteilen.

Mit dieser Strafe hätte sich der Chauffeur wohl abfinden können, aber die Verurteilung wegen einer groben Verletzung der Verkehrsregeln zieht den Entzug des Führerausweises von mindestens drei Monaten nach sich. Verfügt wird er jeweils separat vom Strassenverkehrsamt. Deshalb reichte der Chauffeur eine Beschwerde ein. Der Fall landete vor dem Bezirksgericht Baden.

Eine abenteuerliche Geschichte

Vor Einzelrichter Daniel Peyer machte der heute 58-jährige Chauffeur alles andere als den Eindruck eines Verkehrsrowdys. Er trug Jeans und hellblaues Hemd. Mit einer Lesebrille blickte er zwischendurch auf Unterlagen vor sich, ehe er sie hinter die Stirn, auf seine kurzen grauen Haare zurück schob. Doch wieso hatte er, der seit fast 40 Jahren als Berufsfahrer arbeitet, den Abstand nicht eingehalten? Dazu präsentierte er eine Geschichte, «die abenteuerlich klingt», wie er selbst eingestand.

An jenem Morgen um 4 Uhr fuhr er zu Hause in einem Dorf im Bezirk Baden mit einem Lieferwagen los. Die Benzinanzeige leuchtete bereits gelb, doch an der Tankstelle sei seine Kreditkarte eingezogen worden, mit Bargeld hätte er hier erst ab 5 Uhr tanken und beim Personal bezahlen können – doch dann musste er ja schon seinen Dienst beginnen.

Die verhängnisvolle Idee mit dem Windschattenfahren

Was tun? Der Deutsche, seit zwei Monaten temporär angestellt, fürchtete, dass er die in Aussicht gestellte Festanstellung wegen Unpünktlichkeit nicht erhalten würde. Er fuhr los, um bei nächster Gelegenheit an der Autobahnraststätte Würenlos zu tanken. Auf der A1 kam er auf die verhängnisvolle Idee, im Windschatten hinter des Lastwagens zu fahren, um Sprit zu sparen.

Dass er zu nahe auffahre, sei ihm bewusst gewesen. «Ich sah an diesem Morgen keine andere Möglichkeit, als das zu riskieren», sagte er Einzelrichter Peyer. Dass ihm deswegen der Entzug des Führerausweis droht, damit habe er nicht gerechnet - in Deutschland sei die Strafe viel tiefer. Wobei: Er sei nicht in fünf, sondern «in zehn bis zwanzig Meter Abstand» hinter dem Lastwagen gefahren.

Die Stelle verlor er damals

Damals habe er jene Stelle wegen seiner Verspätung nicht erhalten. Finanziell ist der 58-Jährige, der für eine Tochter noch Alimente zahlt, auch heute nicht auf Rosen gebettet. Nun fürchtet er, seine jetzige Stelle bei einem Führerausweisentzug zu verlieren. Im besten Fall müsse er für die drei Monate unbezahlten Urlaub nehmen. «Seit zwei Jahren muss ich jeden Tag daran denken. Das ist für mich die schlimmste Strafe», führte er sichtlich nervös aus. «Ich möchte Sie bitten, dass Sie die Angelegenheit mit Augenmass betrachten», sagte er zum Richter.

Sein Verteidiger forderte eine Verurteilung wegen einfacher Verletzung der Verkehrsregeln, die keinen Führerausweisentzug nach sich zieht. Denn mit den Dashcam-Aufnahmen der Polizisten, die hinter dem Chauffeur herfuhren, liesse sich der genaue Abstand nicht belegen. Und die Aufnahmen der elf Kameras im Baregg-Tunnel dürften hier nicht verwendet werden. «Wie nahe der Abstand zum Lastwagen war, lässt sich nicht bestimmen», folgerte der Verteidiger.

Gerichtspräsident Daniel Peyer widersprach. Die Bilder aus dem Tunnel seien bei einer groben Verletzung der Verkehrsregeln verwertbar. Sie zeigten, dass der Chauffeur den geforderten Abstand nicht einhielt. «Ich komme auch bei 80 km/h auf einen Abstand von 13,3 Metern.», sagte er, wobei er sich auf die 1/6-Tacho-Regel bezog. Und weiter:

«Sie hätten bei etwas Unvorhergesehenem keine Chance gehabt, eine Kollision zu vermeiden.»

Peyer verurteilte ihn wegen einer groben Verletzung der Verkehrsregeln. Die bedingte Geldstrafe reduzierte er auf 45 Tagessätze à 100 Franken (2 Jahre Probezeit), die Busse auf 800 Franken. Ob der Chauffeur das Urteil anfechten wird, liessen er und sein Anwalt nach der Verhandlung offen.

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