Baden

Bezirksgericht schickt Behördenschreck in die «kleine Verwahrung»

(Symbolbild)

Simon spricht Drohungen auf den Telefonbeantworter und schockiert damit die Mitarbeiterin des Amtes für Justizvollzug. Daraufhin erstattete sie bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige.

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Simon, wohnhaft im Bezirk Baden, spricht in einer Nacht im Dezember Drohungen auf den Anrufbeantworter des Amtes für Justizvollzug. 24 Mal hatte er innert einer Stunde dort angerufen. Der mehrfach einschlägig vorbestrafte Mann wandert hinter Gitter.

«Behördenschweine abmurksen macht Spass...»; «Ich hoffe, du wirst bald verrecken Frau Müller*...»; «Tritt noch einer von euch hinter die Kantonsgrenze im Aargau vor die Nase und ich hab ihn kaputtgemacht...»

Diese und weitere solche Drohungen hatte Simon* in einer Nacht im Dezember vergangenen Jahres auf den Anrufbeantworter des Amtes für Justizvollzug des Kantons Zürich gesprochen.

24 mal hatte er innert einer Stunde dort angerufen. Frau Müller, in Angst und Schrecken versetzt, erstattete daraufhin bei der Staatsanwaltschaft Baden Strafanzeige – im Bezirk, in dem Simon wohnt.

Seit über acht Monaten allerdings wohnt er hinter Gittern, seit dem Morgen nach jener Nacht. Und jetzt stand er, mehrfach einschlägig vorbestraft, vor Gericht.

Die Vorwürfe: versuchte Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, Sachbeschädigung, mehrfacher falscher Alarm. Denn: Mehrere Male hatte er seine Zelle beschädigt und auch grundlos den Zellennotruf betätigt.

Mit 25 schwer erkrankt

Dem 46-jährigen fehlen mehrere Zähne. Simon ist feingliedrig, Brillenträger, sein Haar ist kurzrasiert. Er redet viel, aber undeutlich.

Die Frage von Gerichtspräsident Guido Naef nach seinem Elternhaus aber beantwortet er kurz und klar: «Furchtbar».

Simon hat eine kaufmännische Ausbildung und hatte jahrelang Cannabis konsumiert. Mit 25 Jahren wurde bei ihm eine schwere psychische Erkrankung festgestellt, seither muss er Medikamente nehmen.

Rund 50 mal ist Simon in den vergangenen 20 Jahren fürsorglich untergebracht worden. Bei einem der Klinikaufenthalte hatte er Alice* kennen gelernt, später zog er zu ihr.

Gegenwärtig ist Alice aus freien Stücken wieder in Königsfelden. Der Verteidiger hatte beantragt, sie vor Gericht als Zeugin zu befragen. Ihre behandelnde Ärztin war dagegen. Simon möchte künftig weiter mit ihr zusammen leben und arbeiten. Über seine nähere Zukunft hat nun aber das Gericht entschieden.

Mordgedanken geäussert

Warum Simon in jener Dezembernacht dermassen ausrastete, wurde in der Verhandlung rasch klar: Das Zürcher Obergericht hatte ihn damals zu einer bedingten Freiheitsstrafe verurteilt, aufgeschoben zugunsten einer ambulanten Massnahme.

Doch Simon hielt daraufhin die Vorgaben nicht ein. Das Amt für Justizvollzug Zürich hatte deshalb entschieden, die Sanktion in eine stationäre Massnahme umzuwandeln.

Und das wollte er auf keinen Fall – und will es immer noch nicht, unter keinen Umständen. Damit steht er bei weitem nicht alleine da: Eine stationäre Massnahme dauert in den allermeisten Fällen bedeutend länger – in der Regel mindestens fünf Jahre – als die ausgesprochene Freiheitsstrafe und ist deshalb auch als «kleine Verwahrung» bekannt.

Auch bei der Verhandlung in Baden stand diese Sanktion im Vordergrund. Der Staatsanwalt betonte in seinem Plädoyer, Simon sei deutlich behandlungsbedürftig – auch im Interesse der Öffentlichkeit.

«Bisher waren es verbale Drohungen, aber niemand kann sagen, wie es weitergeht.» Ihm gegenüber, so der Ankläger, habe Simon einmal geäussert, dass er seit längerem Mordgedanken hege.

Der Verteidiger seinerseits erachtet eine ambulante Massnahme als richtig und ausreichend. Sein Mandant habe noch nie physische Gewalt angewendet; in jener Dezembernacht habe er sich psychisch in einem Ausnahmezustand befunden und auch viel Alkohol getrunken: «Seine emotionalen Reaktionen kann man nicht ernstnehmen – es sind bloss untaugliche Versuche, Eindruck zu machen.»

Das Bezirksgericht Baden folgte den Anträgen des Staatsanwaltes: Die Freiheitsstrafe von zwölf Monaten wird zugunsten einer stationären Therapie aufgeschoben.

* alle Namen geändert

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