Baden

Blaulicht, Fehlalarm und Schlägerei: Eine Nacht unterwegs mit Badens Polizei

Für ihr hartes Durchgreifen gegen einen Nati-Fan am letzten Sonntag steht die Stadtpolizei Baden in der Kritik. In der Nacht vor den Ereignissen war die «Schweiz am Sonntag» mit der Polizei auf Patrouille.

Die Festnahme des Badener Wirtes Markus Widmer nach dem Match Schweiz - Ecuador gab zu reden: Augenzeugen beschrieben sie als gewaltsam und unverhältnismässig.

Mittlerweile hat sich die Polizei bei Widmer für die unsanfte Verhaftung entschuldigt. Wie aber sieht denn der Arbeitsalltag der Stadtpolizisten aus?

Um das zu erfahren, begleitete ich Samstagnacht eine Patrouille der Stadtpolizei.

Um 22.30 Uhr treffe ich beim Polizeiposten an der Rathausgasse ein. Die Polizisten der Nachtschicht sind bereits über vier Stunden im Einsatz.

«Wir absolvieren jeweils zwei Tag- und zwei Nachtschichten, danach haben wir drei Tage frei», erklärt Wachtmeister Rolf Krähenbühl, stellvertretender Gruppenchef der Stadtpolizei.

Für ein längeres Gespräch bleibt aber keine Zeit. Durch das Funkgerät von Krähenbühl höre ich etwas über einen Einbruch. «Wir müssen los», sagt er.

Innert Sekunden sitzen zwei Polizisten im Auto: Krähenbühl nimmt auf dem Beifahrersitz Platz, Gefreiter Christoph Steiner fährt den Wagen.

Krähenbühl meldet über Polizeifunk, dass seine Patrouille unterwegs sei. Derweil steuert Steiner das Polizeiauto durch die Weite Gasse, lässt Blaulicht und Sirene an.

Wir rasen über den Schulhausplatz Richtung Dättwil. Viele Strassenbenutzer machen für das Polizeiauto Platz, trotzdem konzentriert sich Krähenbühl auf andere Lenker: «Autofahrer von rechts haben rot», sagt er zu Steiner, der immer mit genügend Vorsicht Auto fährt.

Sonst sprechen die Polizisten kein Wort – ich höre nur das Heulen der Sirene. Als wir am Einbruchsort ankommen – eine Autogarage ausserhalb von Baden – springt Krähenbühl sofort aus dem Auto.

Ich fahre mit Steiner um das Gebäude. «Da wir die erste ankommende Patrouille sind, sichern wir das Gebäude; Krähenbühl überwacht zwei Hausfronten und ich die beiden anderen», erklärt Steiner.

Innert Kürze kommen weitere Streifenwagen an. Nun bezieht an jeder Ecke ein Polizist Stellung, Krähenbühl sucht das ganze Gebäude nach offenen Fenstern oder Einbruchspuren ab.

«Nun müssen wir warten, bis ein Pikett-Schlüsselträger des Gebäudeeigentümers auf den Platz kommt, damit wir in das Gebäude gehen können», sagt Krähenbühl.

Als dieser ankommt, betreten drei Polizisten das Gebäude – sie durchsuchen mit gezogener Waffe die ganze Garage.

«Wir konnten nichts feststellen, das war ein Fehlalarm», sagt Krähenbühl. Die Polizisten verabschieden sich: «Noch einen guten Dienst», wünschen sie sich.

Wir steigen wieder ins Auto und fahren – dieses Mal ohne Blaulicht – zum nächsten Einsatzort: Die Meldung kommt rein, dass im Schadiraum am Schadenmühleplatz zu laut gefeiert würde.

Dort angekommen weisen die Polizisten die Feiernden freundlich, aber bestimmt an, die Musik leiser zu stellen und die Fenster zu schliessen. «Ansonsten müssen wir eine Busse von 100 Franken ausstellen», sagt Krähenbühl.

Wir fahren weiter durch die Stadt – diesmal ohne Auftrag. Wenn wir einen Velofahrer ohne Licht kreuzen, öffnet Steiner schnell das Fenster und bittet die Fahrer, entweder das Licht anzuschalten oder sonst das Rad zu stossen.

Im Roggebode finden wir ein verlassenes Auto mit slowakischem Kennzeichen. «Bitte folgendes Auto überprüfen», funkt Krähenbühl und sagt: «Wir klären damit ab, ob es sich beim Fahrzeughalter um einen Kriminaltouristen handelt.»

Wenig später folgt die Antwort: Fehlalarm, das Fahrzeug ist im System nicht registriert. Wir fahren durch Obersiggenthal, Freienwil und Ehrendingen. Krähenbühl und Steiner fahren bewusst Orte an, an denen oft Partys gefeiert werden.

Doch heute Abend bleibt es ruhig und wir fahren zurück nach Baden. Obwohl gerade ein WM-Spiel abgepfiffen wurde, ist es auch in der Stadt ruhig. Über den Schulhausplatz fahren zwar hupende Autos, für die Polizei gibt es aber keinen Grund, einzuschreiten.

«Wir zeigen an wichtigen Knotenpunkten Präsenz und wären bereit, bei Ausschreitungen oder groben Verkehrsverletzungen einzuschreiten», erklärt Krähenbühl.

Gerade als wir durch die Mittlere Gasse fahren, hören wir Schreie vom Cordulaplatz her. Ohne Zögern fährt Steiner hin. Vor uns streiten sich mehrere Personen und werden handgreiflich.

Die beiden Polizisten analysieren kurz die Situation. Noch während des Aussteigens fordert Krähenbühl Verstärkung an. Die Polizisten rennen ins Handgemenge und versuchen, die zerstrittenen Personen auseinanderzubringen.

Sie ziehen einen jungen Mann aus dem Gemenge, der dabei zu Boden fällt. Sofort sind zwei andere Krawallanten zur Stelle und treten auf den liegenden ein; die Polizisten ziehen die beiden weg. Um den Streit aufzulösen, kommen auch die Schlagrute sowie Pfefferspray zum Einsatz.

«In solchen Situationen müssen wir handeln, sonst kann es zu schweren Körperverletzungen kommen», erklärt Krähenbühl nach dem Einsatz. Ihm und Steiner gelingt es, die Parteien zu trennen – inzwischen ist die Verstärkung eingetroffen: Zuletzt sind 14 Polizisten auf Platz.

Sie nehmen die Personalien der prügelnden Personen auf, von denen keiner Anzeige erstatten will. «Solche Schlägereien kommen in der Nacht auf Sonntag bis zu drei Mal vor», erklärt Krähenbühl.

Um 4 Uhr geht für mich eine lange Nacht zu Ende, während die Polizisten noch drei Stunden im Dienst stehen. Ich hoffe für sie, dass die Schlägerei für diesen Abend die einzige bleibt. Ich mache mich – noch mit Herzrasen ab dem Gesehenen – auf den Nachhauseweg.

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