Würenlos/Neuenhof

Blutstammzellen für Eslem: Spendeaktion wird regelrecht überrannt

Am Mittwochabend liessen sich in Würenlos Hunderte als Blutstammzellen-Spender registrieren. Das Schicksal der krebskranken Eslem (3) bewegt.

Mittwochabend, 17.30 Uhr in Würenlos. Auf der Schulstrasse geht gar nichts mehr, der Verkehr staut sich von der Schule bis hinunter zum Kreisel. Bei der Mehrzweckhalle weiss sich der Verkehrslotse fast nicht mehr zu helfen; es herrscht das pure Verkehrschaos. Grund für diese Situation ist die in der Mehrzweckhalle stattfindende Spendeaktion für die krebskranke Eslem, 3. Das Mädchen erkrankte im Alter von 1 Jahr an Leukämie und ist jetzt dringend auf eine Blutstammzellen-Transplantation angewiesen.

Wobei der Begriff «Spendeaktion» nicht genau zutrifft, wie auch einige Personen am Mitttwoch in der Mehrzweckhalle erfahren mussten. «Guten Abend, ich bin hier, weil ich gerne meine Stammzellen für Eslem spenden möchte», war hin und wieder zu hören. «Sie können hier und heute nicht für Eslem spenden. Mit Ihrer Registration tragen Sie aber dazu bei, dass die Chance steigt, einen passenden Spender für Eslem zu finden», wurden diese Personen dann von den Helfern von Blutspende Schweiz des Schweizerischen Roten Kreuzes aufgeklärt.

Junge Menschen eignen sich eher als Spender

Die Helfer hatten am Mittwoch alle Hände voll zu tun. Schon nach einer Stunde waren rund 150 Fragebogen inklusiver Wattestäbchen, mit den die Speichelprobe entnommen wurde, verteilt. Über 500 Proben dürften während der drei Stunden verteilt worden sein. Weil viele Autos gar nicht mehr auf den Parkplatz gelangten, verteilten Helferinnen die Bögen auf der Strasse direkt in die stehenden Autos. Doch nicht alle Personen konnten sich registrieren lassen, obwohl sie wollten.

Grund: Sie waren älter als 55 Jahre. «Junge Menschen eignen sich am besten als Spender», sagte Oberärztin Jennifer Wendler, welche die Aktion vor Ort leitete. Die meisten der anwesenden Personen hatten in der Zeitung oder auf sozialen Netzwerken vom Schicksal Eslems gelesen. «Ihre Geschichte hat mich sehr betroffen gemacht. Ich möchte mit meiner Registration die Chance auf einen passenden Spender erhöhen», so eine viel gehörte Antwort am Mittwochabend in der Mehrzweckhalle.

Pro Woche registrieren sich etwa 250 Personen

Ebenfalls anwesend war Hasim Boz, 30, der Vater von Eslem. Er zeigte sich hocherfreut über den Ansturm, der sogar noch grösser ausfiel als vor knapp einer Woche in Effretikon, wo sich rund 300 Personen registrieren liessen. «Das erhöht nicht nur die Chancen, einen Spender zu finden. Sondern diese Solidarität und diese Anteilnahme geben meiner Frau und mir sehr viel Kraft.»

Insgesamt sind in der Schweiz 147'960 Menschen in der Datenbank für Transplantation von Blutstammzellen gelistet. Weltweit sind es rund 35 Millionen Personen. Wird ein passender Spender gesucht, geschieht dies immer weltweit. In der Schweiz registrieren sich jährlich 10'000 bis 15'000 Personen, also im Schnitt rund 250 Personen pro Woche.

«Aufgrund des öffentlichen Aufrufs haben sich in nur einer Woche knapp 3400 Personen registrieren lassen», sagt Franziska Kellenberger, Leiterin Kommunikation bei Blutspende SRK Schweiz. Damit eine Transplantation von Blutstammzellen gelinge, müssten Gewebemerkmale von Spender und Empfänger übereinstimmen. Diese Merkmale seien vererbt.

Weshalb Blutspende Schweiz nichts von Obligatorium hält

Hasim Boz wünscht sich, dass es dereinst obligatorisch wird, sich ab 18 Jahren in einer Datenbank zu registrieren. «Das heisst ja noch nicht zwingend, dass man spenden muss. Aber zumindest erhöht man so die Chance, potenzielle Spender ausfindig zu machen.» Wie steht Blutspende SRK Schweiz dazu? «Ein Obligatorium tönt auf den ersten Blick reizvoll, ist aber nicht eine gangbare Lösung», sagt Kellenberger. So gebe es ein solches Obligatorium denn auch in keinem Land auf der ganzen Welt.

«Eine Registrierung bedeutet, dass bei allen Personen geprüft und getestet wird, ob sie aus medizinischen Gründen für eine Spende in Frage kommen und was die genetischen Merkmale ihrer Stammzellen sind.» Diese Abklärungen seien aufwendig und teuer. «Und sie machen keinen Sinn, wenn viele der obligatorisch registrierten Personen von Anfang an wissen, dass sie gar nicht spenden können oder wollen», führt Kellenberger weiter aus. Und noch ein Grund spreche dagegen.

«Auch mit einem Obligatorium lässt sich in der Schweiz das Problem nicht lösen, dass es für Patienten mit Migrationshintergrund oft schwierig ist, passende Spender zu finden, weil ihre genetischen Merkmale hier sehr selten sind und es kein umfangreiches Register in jenen Ländern gibt, wo sie oder ihre Vorfahren herkommen.»

Transplantation im Frühling, wenn es einen Spender gibt

Die dreijährige Eslem befindet sich zurzeit im Kinderspital Zürich. Mutter Cigdem, 29, verbringt jede Nacht im Spital. Tagsüber springt immer mal wieder ihre Mutter ein. «Und dank meinem Arbeitgeber, der mir wahnsinnig entgegenkommt, kann ich mich auch sehr viel um meine Tochter kümmern», sagt Hasim Boz.

Ziel sei es, vorausgesetzt es findet sich ein passender Spender, dass die Stammzellentransplantation bei Eslem noch diesen Frühling stattfinden könne. «Wir glauben, dass es gut kommt für unsere Eslem. Sie ist eine Kämpferin, die den Krebs bereits einmal besiegt hat. Sie wird es wieder schaffen», sagt Boz, der am Mittwochabend bis am Schluss vor der Mehrzweckhalle ausharrte.

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