Wettingen
Brisanter Vorschlag: Gemeinde soll ihre Kunstwerke «verhökern»

Geht’s der Kunst an den Kragen? Weil Wettingen sparen muss und die Steuern nicht erhöht werden sollen, schlägt BDP-Einwohnerrat Michael Merkli vor, Wettinger Kunstwerke zu verkaufen. Pro Jahr sollen es maximal 10 Prozent des Bestandes sein.

Sabina Galbiati
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Michael Merkli (44), Geschäftsführer/Schwimmlehrer, Wettingen, BDP.

Michael Merkli (44), Geschäftsführer/Schwimmlehrer, Wettingen, BDP.

zvg

Fast 1000 Werke umfasst die Kunstsammlung von Wettingen, darunter Gemälde, Skizzen oder Grafiken. Weil die Gemeinde knapp bei Kasse ist, hat der Einwohnerrat die 10 000 Franken für Kunstanschaffungen aus dem Budget gekippt. Die Sammlung soll vorerst nicht weiter wachsen. Doch für BDP-Einwohnerrat Michael Merkli reicht das nicht. Er fordert, jährlich bis zu 10 Prozent der Werke aus der Sammlung zu verkaufen und den Gewinn zur Aufbesserung der Gemeindekasse und für neue Kunstwerke zu verwenden.

«Da die Gemeinde in absehbarer Zeit kein Museum baut für die Wettinger Kunstwerke, sollte versucht werden, diesen Schatz optimal zu nutzen», schreibt er in seinem Vorstoss. Merkli argumentiert: «Kunstliebhaber können Kunstwerke ersteigern, die Künstler werden bekannter und ihre Werke wieder ausgestellt.» Auch für Nicht-Liebhaber von Kunst sieht Merkli Vorteile: Wettinger, «die Kunst als überflüssig ansehen, werden durch die hälftige Aufteilung des Gewinnes, welcher zur Gesundung der Gemeindefinanzen beitragen wird, auch befriedigt». Er rechnet beim Verkauf von 90 Werken mit einem Gewinn von je 21 500 Franken für die Gemeindekasse und für neue Kunstwerke.

Antoinette Eckert (FDP), Vizeammann und Kulturvorsteherin: «So verhökern wir das kulturelle Gedächtnis von Wettingen.»

Antoinette Eckert (FDP), Vizeammann und Kulturvorsteherin: «So verhökern wir das kulturelle Gedächtnis von Wettingen.»

Christine Zenz

Vizeammann und Präsidentin der Kulturkommission Antoinette Eckert (FDP) wundert sich über den Vorstoss. «Wenn wir die Kunstwerke verkaufen, verhökern wir das kulturelle Gedächtnis von Wettingen. Das kann man nicht anders sagen.» Eckert spricht deutliche Worte: «Für mich zeugt das Schreiben von einer gewissen Ignoranz und von einem Unverständnis von Kunst.» Die Ressortvorsteherin spricht damit Merklis Berechnungen an: Laut diesen sollen die Bilder für durchschnittlich 700 Franken pro Stück verkauft werden.

«Kunst hat aber nebst einem effektiven auch einen kulturellen und emotionalen Wert», sagt Eckert. Zudem unterliege sie immer aktuellen Trends und Strömungen, welche die Preise beeinflussen würden. Dass sein Vorstoss nicht bei allen auf Gegenliebe stösst, ist sich Merkli bewusst: «Ich weiss, dass ich mit dem Kunstverkauf ein Tabu anspreche.» Es entstünde aber eine Win-win-Situation, da auch Geld für neue Werke in die Kasse fliesst.

Viel gibt es nicht zu verkaufen

Hansueli Trüb, Kultursekretär der Gemeinde und quasi Schatzmeister der Kunstwerke, sagt: «Fast die Hälfte aller Gemälde hängt im öffentlichen Raum, so etwa im Sportzentrum Tägi, im Rathaus, in den Schulhäusern und zahlreichen weiteren Gebäuden.»

Die Gemälde würden regelmässig ausgetauscht oder bei Ausstellungen gezeigt. «Unter dem Strich gibt es also relativ wenig Material, das tatsächlich verkauft werden könnte», und wenn, dann sei dessen Wert entweder verschwindend klein, sodass man das Werk eher verschenken müsse, «oder der Wert ist relativ hoch», sagt Trüb. Dann handle es sich in den meisten Fällen um Werke von bekannten Künstlern.

«Da stellt sich die Frage, ob Wettingen Werke von Künstlern wie etwa Ilse Weber, Eduard Spörri oder Walter Huser tatsächlich verkaufen will.» Zu bedenken sei auch, dass solche Bilder oft geschichtliche Aspekte der Gemeinde festhalten.

Kulturvorsteherin Antoinette Eckert spricht sich nicht prinzipiell dagegen aus, einzelne Bilder abzustossen. Dass man einen Teil der Sammlung verkauft, darüber könne man diskutieren. Vielmehr ist Eckert irritiert, weil im Vorstoss behauptet wird, dass die Hälfte der Kunstwerke «unwürdig» gelagert werde. Dies kann Eckert nicht nachvollziehen. Das Kunstlager der Gemeinde befindet sich in einem Zivilschutzkeller des Schulhauses Margeläcker.

Kultursekretär Trüb bestätigt: «Das Lager ist neu eingerichtet und verfügt über eine Entfeuchtungsanlage, welche die klimatischen Bedingungen zur Lagerung von Kunstwerken garantiert.» Im Zivilschutzkeller seien die Kunstwerke zudem vor Licht geschützt und die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch eine Katastrophe, wie beispielsweise einen Brand, zerstört werden, sei hier am Geringsten.

Auch Merklis Aussage, Gemeinderätin Eckert würde dank einer Expertise «endlich einen Überblick über ihren Schatz» erhalten, sei eine Anmassung. «Selbstverständlich existiert ein Inventar über sämtliche 975 Werke wie Gemälde, Skizzen, Grafiken und Skulpturen». Eckerts Fazit: Sie hätte sich gewünscht dass Merkli sich besser informiert, bevor er den Vorstoss einreicht. «Er hätte jederzeit mich oder Hansueli Trüb kontaktieren können.»

Letztlich beanstandet Merkli, dass die Steuerzahler die Lagerkosten tragen müssten, ohne eine Gegenleistung zu erhalten. Trüb widerspricht: «Da die Räume, in denen das Lager untergebracht ist, der Gemeinde gehören, zahlen wir keine Miete und haben demnach auch kaum Lagerkosten.» Zudem hätten die Steuerzahler sehr wohl einen Mehrwert, wenn Reliefs, die sich an Gebäudefassaden befänden, Gemälde und Skulpturen im öffentlichen Raum gezeigt werden.

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